Die wirtschaftliche Lage in Deutschland verschlechtert sich. Lydia Malin, Referentin am Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln, analysiert, wie sich die aktuelle Krise auf den Fachkräftemangel auswirken wird.

Wer soll all die Arbeit machen? Das war für lange Jahre die drängendste Frage im Handwerk. Jetzt beobachten viele Branchen infolge der aktuellen Krisen Auftragsrückgänge. Selbst der Bau, dem die Corona-Krise nichts anhaben konnte, ist betroffen. Viele Menschen befürchten den Verlust von Arbeitsplätzen.
Frau Malin, löst jetzt der Arbeitsmangel den Fachkräftemangel ab?
Lydia Malin: Wir sehen in der Tat seit Juni einen leichten Rückgang auch bei Stellen in Handwerks- und Bauberufen. Aber dieser ist (noch) nicht groß, der Fachkräftemangel besteht weiter. Auch im August konnte noch etwa die Hälfte aller offenen Stellen nicht mit passend qualifizierten Arbeitslosen besetzt werden.
Wer wird besonders gesucht?
Auf Gesellenebene fehlen am stärksten Fachkräfte für Bauelektrik, Sanitär-Heizung-Klima, Kfz-Technik, Schreiner und Fleischereifachverkäufer. Meister werden zahlenmäßig zwar weniger gesucht, sind aber noch schwerer zu finden. Hier trifft der Engpass Orthopädietechniker am stärksten, außerdem den Hochbau, SHK-Betriebe, den Mobilitätsbereich und den Tiefbau. Von 2011 bis 2018 hat sich die Fachkräftelücke im Handwerk mehr als verdreifacht.
Ist das überall in Deutschland gleich?
Nein. Der Osten steckt schon mittendrin in dem Prozess, weil hier viele Jüngere abgewandert sind. Im Westen hat die Talfahrt gerade erst begonnen. Außerdem ist der Mangel in den Städten geringer als auf dem Land. Das lässt sich, anders als bei Studierenden, durch Mobilität schlecht ausgleichen. Wer eine Ausbildung macht, ist meist jünger und lebt noch bei den Eltern.
Warum ist das Handwerk so extrem stark vom Fachkräftemangel betroffen?
Hier treffen die Auswirkungen der demografischen Entwicklung, der Dekarbonisierung und der Akademisierung aufeinander. Die politischen Ziele der Klimawende und des Wohnungsbaus gehen nur mit dem Handwerk. Gleichzeitig bricht die Generation der Babyboomer in den kommenden zehn Jahren weg. Viele Meister und Gesellen gehen in Rente. Aufgrund der demografischen Entwicklung kommen von vornherein weniger junge Leute nach, die sie ersetzen könnten und viele von ihnen entscheiden sich gegen eine duale Ausbildung.
Findet hier nicht allmählich ein Umdenken statt?
Es ist in den höchsten politischen Ämtern angekommen, dass wir die Klimawende ohne das Handwerk nicht schaffen werden und eine immer stärkere Akademisierung nicht zielführend ist. In der Breite der Gesellschaft muss diese Erkenntnis aber noch in die Köpfe kommen. Gerade die Eltern, die ja die Berufswahl der Jugend stark beeinflussen, haben noch gelernt, dass ein Studium besser als eine Ausbildung ist. Es dauert einige Zeit, diese Vorstellung wieder zu ändern.
Einige Berufe scheinen das zu schaffen. Sie registrieren seit Jahren immer mehr Azubis. Was ist hier anders?
Wir haben neun Berufe gefunden, die seit 2016 ihre Lehrlingszahlen kontinuierlich gesteigert haben, darunter die Bauelektrik und das SHK-Handwerk. Alle neun Berufe profitieren davon, dass sie für die derzeit relevanten Fragen wichtig sind, also Klima- und Mobilitätswende und Wohnraumschaffung. Das sind auch Aspekte, die der Generation Z wichtig sind und sie attraktiver für eine Ausbildung machen. Die aktuelle Relevanz hat diesen Berufen außerdem eine hohe Medienpräsenz beschert. Eine Rolle spielen wohl auch die Gehälter, die hier bei den ausgebildeten Fachkräften zumindest im Schnitt aller Berufe liegen. Und bis auf einen zählten alle Berufe zu den Mangelberufen. Das verspricht Jobsicherheit, die sich auch während der Corona-Krise bestätigte.
Andererseits zählen das SHK-Handwerk und die Elektroberufe zu den Branchen mit dem größten Fachkräftemangel überhaupt. Reichen die Azubizahlen für eine Trendwende?
Die Richtung stimmt schon. Die Jugendlichen haben erkannt, dass es hier Chancen für sie gibt. Aber letztlich sind die steigenden Zahlen ein Tropfen auf den heißen Stein. Im SHK-Handwerk und der Bauelektrik fehlten schon 2016 über 10.000 beziehungsweise 15.000 Fachkräfte pro Jahr. Wenn sich jetzt zwei- oder dreihundert Jugendliche mehr pro Jahr für die Berufe interessieren, kann das den eklatanten Mangel nicht ausgleichen.
Welche Möglichkeiten gibt es noch, um den Fachkräftemangel zu bekämpfen?
Wir müssen alle Register ziehen. Wir brauchen noch mehr Internationale, seien es aus dem Ausland gewonnene Fachkräfte, seien es durch Ausbildung integrierte Flüchtlinge. Das Handwerk ist hier ja ohnehin schon sehr engagiert. Es braucht aber auch die stärkeren Schüler, die später den Meister machen, die Betriebe übernehmen und Innovationen vorantreiben können. Und das Handwerk braucht mehr Frauen. Das bedeutet aber auch mehr Flexibilität, mehr Vereinbarkeit von Familie und Beruf – oder für die Generation Z so wichtig: mehr Freizeit. Unternehmer müssen prüfen, wo es möglich ist, die Mitarbeiter noch mehr mitbestimmen zu lassen.
Handwerker kämpfen im Moment vor allem mit den steigenden Energiepreisen und Materialengpässen. Können sie es sich leisten, das Fachkräftethema erst einmal hintanzustellen ?
Nein, denn ich glaube nicht, dass die Krise dazu führen wird, dass der Fachkräftemangel im Handwerk ganz verschwindet. Auch in früheren Jahren hatte das Handwerk weiter einen steigenden Fachkräftebedarf, selbst in Krisenzeiten. Überspitzt gesagt, müssen wir sogar froh sein, wenn es wirtschaftlich nicht mit dem gleichen Schwung weitergeht wie bisher, weil wir dafür nicht die Manpower haben.