Fachkräftemangel weiter ein Problem Diese Handwerksberufe liegen zunehmend im Trend

Dem Handwerk fehlt das Personal. Doch immerhin: In einigen Handwerksberufen steigen die Lehrlingszahlen wieder – nachhaltig und nicht als kurzzeitige Entwicklung. Das Fachkräfteproblem ist damit noch nicht gelöst.

Dachdecker installiert eine Solaranlage
An der Energiewende mitzuarbeiten, motiviert wieder mehr junge Menschen, sich für einen Handwerksberuf zu entscheiden. - © Halfpoint - stock.adobe.com

Noch sind die Zahlen nicht berauschend und noch kann man nur von einer Tendenz sprechen, aber die ist eindeutig: In einigen Handwerksberufen zeichnet sich die Trendwende bei den Lehrlingszahlen ab. Anders formuliert: Es bewerben sich wieder mehr Jugendliche für eine Ausbildung bei den Betrieben. So steigen in Branchen wie dem Dachdeckerhandwerk, bei den Elektro- und Informationstechnikern, im Bauhauptgewerbe und auch bei den Zweiradmechanikern die Lehrlingszahlen wieder – und das schon seit ein paar Jahren.

Dieses Wachstum konzentriert sich vorrangig auf die Bau- und Ausbaubranche und setzt unter anderem an der Energie- und Klimawende an. So spüren ganz besonders die Gewerke ein steigendes Interesse von jungen Menschen, die aktiv am Ausbau der erneuerbaren Energien beteiligt sind und mit Technologien arbeiten, die den Klimaschutz voranbringen. Schon als die Sozialkasse der Bauwirtschaft Ende Juni die aktuell noch gültigen Zahlen veröffentlichte, zeigte sich ein weiteres Plus. So waren es zu diesem Zeitpunkt 1,5 Prozent mehr Azubis in der Baubranche als noch ein Jahr zuvor. Insgesamt rund 40.000 junge Menschen absolvieren gerade eine Berufsausbildung im Bauhauptgewerbe. Der Zentralverband des Deutschen Baugewerbes (ZDB) meldet damit einen Anstieg der Lehrlingszahlen, der schon das fünfte Jahr in Folge zu verzeichnen sei.

Das sagen die Branchenverbände zum Anstieg der Lehrlingszahlen

Die wieder steigende Nachfrage in einigen Branchen hat auch das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) in einer Auswertung der Bewerberzahlen festgestellt. In der vergangenen Woche hat es dazu eine Mitteilung veröffentlicht (siehe Kasten am Ende des Beitrags) und verkündet, dass trotz insgesamt vieler noch immer unbesetzten Lehrstellen des gesamten Ausbildungsmarktes einige Berufe immer beliebter werden. Dieser Aussage ist die Deutsche Handwerks Zeitung (DHZ) nachgegangen und hat mit den Branchenverbänden gesprochen.

Tatsache: In den genannten Berufen zeichnet sich tatsächlich eine Trendumkehr ab. Dennoch muss man mit dieser Aussage vorsichtig umgehen und darf daraus keine falschen Schlüsse ziehen in Bezug auf den Fachkräftemangel, der aktuell viele Branchen beschäftigt.

Dachdeckerhandwerk verzeichnet 12,6 Prozent mehr Azubis

So freut sich zwar auch Rolf Fuhrmann, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Zentralverbands des Deutschen Dachdeckerhandwerks (ZVDH), über die Entwicklung, die sich auch in seiner Branche abzeichnet. Doch er weist darauf hin, dass der Fachkräftemangel damit nicht behoben sei. "In der Hochphase 1997 hatte das Dachdeckerhandwerk rund 15.000 Auszubildende, nun sind es rund 8.700", sagt er und ergänzt, dass damit in etwa das Niveau der Ausbildungszahlen wieder erreicht sei wie im Jahr 2003.

Dazwischen gab es einen regelrechten Einbruch, denn das Interesse der jungen Menschen an Handwerksberufen sank rapide. Eine wirkliche Erholung spürt die Branche erst seit etwa 2018 im ersten Ausbildungsjahr und damit seit 2019 auch in den fortgeschrittenen Lehrjahren. So zeigen sich seitdem auch prozentual die Steigerungen. Nach Angaben des ZVDH sind es in diesem Jahr im ersten Lehrjahr 12,6 Prozent mehr Azubis nach zuvor 5,5 Prozent mehr im Jahr 2021, 3,0 Prozent im Jahr 2020 und 11,5 Prozent im Jahr 2019. Die Jahre der Corona-Pandemie zeigen sich hier zwar, aber ein Aufschwung war auch in diesen Jahren zu verzeichnen.

Als Grund nennt Fuhrmann das Mitwirken an der Klimawende, das viele junge Menschen als berufliche Perspektive sehen und das vielen auch persönlich wichtig ist. Neben dem Mitwirken an der Klimawende ist den jungen Menschen aber auch wichtig, dass der Beruf krisensicher ist. Das hat sich gerade in der Pandemie deutlich gezeigt: Im Dachdeckerhandwerk konnte weitergearbeitet werden.

Niedrige Abbrecherquoten: eine nachhaltige Entwicklung bei den Lehrlingszahlen

Dass die Aufwärtsbewegung bei den Lehrlingszahlen kein kurzfristiger Trend ist, zeigt laut Rolf Fuhrmann auch die Tatsache, dass die Abbrecherquoten der Azubis im Dachdeckerhandwerk niedrig sind. "Das Interesse an unserem Beruf ist nachhaltig", sagt der stellvertretende Hauptgeschäftsführer. Mit Blick auf den Fachkräftemangel spricht er aber auch davon, dass man nun an diese erfreuliche Entwicklung anknüpfen müsse.

"Uns freut natürlich die positive Entwicklung, aber wir können nicht davon ausgehen, dass wir mit diesem Anstieg die Herausforderungen, welche vor uns liegen, nicht zuletzt im Bereich der erneuerbaren Energien, ohne weitere Anstrengungen bewältigen können", sagt er. Das Dachdeckerhandwerk sei aber bereit, aktiv die Klimawende mit zu gestalten. Das zeige sich auch an einer derzeit sehr hohen Weiterbildungsquote im Bereich Photovoltaik. Doch brauche die Branche jetzt die Unterstützung der Politik. "Die Bedeutung der handwerklichen Ausbildung muss noch prominenter werden", mahnt Fuhrmann und weist auf die Anstrengungen hin, die sowohl die Betriebe als auch Innungen und Verbände in den vergangenen Jahren auf sich genommen haben, um die Trendwende bei den Ausbildungszahlen zu unterstützen.

Genau diese Anstrengungen bei der Nachwuchsgewinnung werden nun weitergehen und weitergehen müssen. Die Ansätze sind hier ganz unterschiedlich, von Schulpartnerschaften der Betriebe, über Jugendorganisationen der Verbände, breit angelegte Imagekampagnen, einem digital ausgestattetem Dachmobil, Jugendbeauftragten bis zu einer breiten Unterstützung mit Materialien auf Messeständen wie Roll-Ups, Flyer, VR-Brillen ist die Vielfalt, mit der sich das Dachdeckerhandwerk um junge Menschen bewirbt, groß. "Ich denke, es ist diese gemeinsame Anstrengung durch das organisierte Dachdeckerhandwerk, auf welche der Anstieg der Zahlen ganz maßgeblich zurückzuführen ist", erklärt Rolf Fuhrmann.

E-Handwerk: Betriebe können Lehrstellen problemlos besetzen

Optimistisch, dass sich der Wachstumstrend der vergangenen Jahre fortsetzen könnte, ist der Zentralverband der Deutschen Elektro- und Informationstechnischen Handwerke (ZVEH). Dessen jahrelange konstante und sehr engagierte Nachwuchsarbeit zahlte sich schon in der Vergangenheit aus: 2021 verzeichnete man zum siebten Mal in Folge einen Anstieg. Auch für 2022 hofft der Bundesverband auf Zuwächse. Einerseits durch die Aufgaben und Chancen der Klimawende, andererseits etwa durch Novellierungen der Ausbildungsberufe. So erwähnt der Verband auf Nachfrage den neuen Beruf "Elektroniker/-in für Gebäudesystemintegration", der sich an Abiturienten und Studienumsteiger wendet und die Vernetzung komplexer Gebäudesysteme in den Mittelpunkt stellt. Damit habe die Branche auch dafür gesorgt, dass das E-Handwerk eine anspruchsvolle Alternative zum Studium bietet.

Aktuell absolvieren hier mehr als 45.000 junge Menschen eine Ausbildung. "Einbrüche wurden selbst auf der Hochphase der Pandemie und trotz zeitweisen Wegfalls etablierter Anbahnungsmöglichkeiten wie Ausbildungsmessen und Schulpraktika nicht verzeichnet", teilt der Verband mit. In Bezug auf das aktuelle Lehrjahr berichtet der Verband, dass Stichproben bei einigen Innungsbetrieben gezeigt hätten, dass diese freie Ausbildungsplätze problemlos hätten besetzen oder zum Teil sogar mehr Auszubildende hätten einstellen können als ursprünglich geplant.

Junge Menschen wollen beruflichen Beitrag zum Klimaschutz leisten

Doch von einer Trendwende möchte der ZVEH zum aktuellen Zeitpunkt nicht sprechen, da es sich in Bezug auf 2022 nicht um repräsentative Zahlen handle. Diese würden erst Anfang 2023 vom Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) veröffentlicht. "Nichtsdestotrotz stimmt der erste Eindruck auch uns als Bundesverband optimistisch, zumal er das bestätigt, was der ZVEH seit langem feststellt: Für Jugendliche der Fridays-for-Future-Generation ist es attraktiv, Berufe zu ergreifen, die es ermöglichen, einen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten. Die E-Handwerke als systemrelevante Branche, die im Zuge der Energie- und Verkehrswende immer mehr klimarelevante Aufgaben übernimmt und zudem die Digitalisierung vorantreibt, sind daher stärker in den Fokus potentieller Auszubildender gerückt", so die zusammenfassende Antwort des Verbands.

Lehrlingszahlen im Zweirad-Handwerk: Mehr Azubis, aber auch mehr Betriebe

Zwar nicht am Bau von Gebäuden und Anlagentechnik, aber dennoch direkt an der Energiewende beteiligt sind Zweirad-Mechaniker. Sie gestalten das mit, was sich gerade auf den Straßen Deutschlands verändert und schaffen durch ihr Werk eine Form der nachhaltigen Mobilität. So erlebt auch das Zweirad-Handwerk eine steigende Nachfrage von jungen Menschen, deren Wunsch ein Beruf mit Zukunftsperspektive ist. Alexander Brand, der beim Bundesinnungsverband des Zweirad-Handwerks für das Thema Berufsbildung zuständig ist, bestätigt diese These. Für die Lehrlingsstatistik liegen zwar noch keine abschließenden Zahlen vor, doch aus dem Umfeld der Berufsschullehrer und Mitarbeiter der Prüfungsausschüsse wird einheitlich gemeldet "die Klassen sind voll".

Die Fahrradbranche hat in den letzten Jahren weiter an Attraktivität gewonnen – vor allem durch die Pandemie, als mehr Menschen für Beruf, Freizeit und Urlaub aufs Rad gestiegen sind, rückte das Fahrradfahren für die breite Öffentlichkeit wieder in den Fokus. Damit verbunden sei auch das Interesse am Beruf des Zweirad-Mechanikers gestiegen. Mit Blick auf den Fachkräftemangel dürfe man nun aber nicht zu euphorisch sein: So sind in den vergangenen Jahren auch die Betriebszahlen gestiegen. Mehr Betriebe brauchen mehr Mitarbeiter und mehr Azubis. "Das Thema des Fachkräftemangels ist also dennoch präsent und nicht plötzlich behoben", erklärt Alexander Brand.

IW-Studie zeigt auf, dass Nachfrage nach Lehrstellen in einigen Berufen wieder steigt

Es gibt sie noch, die Traumberufe im Handwerk oder auf dem Bau. Trotz insgesamt sinkender Bewerberzahlen und Zehntausender unbesetzter Ausbildungsstellen werden dem Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) zufolge einige Berufe immer beliebter. Dazu zählen auch Handwerksberufe wie Fliesenleger, Dachdecker und Heizungsbauer oder Bauberufe wie Baggerfahrer oder im Tiefbau. "Es fällt auf, dass die hier genannten Berufe alle relevant für die Bewältigung der aktuell drängenden Fragen sind", heißt es in der IW-Studie.

Die Berufe böten gute Aussichten im Hinblick auf Arbeitsplatzsicherheit, seien sinnstiftend, und es werde oft überdurchschnittlich bezahlt. In der Pandemie hätten sie sich als krisenfest erwiesen. So würden Dachdecker und andere Bauleute für den Klimaschutz gebraucht, Zweiradtechniker für die Verkehrswende und Heizungsbauer zur Bewältigung der Energiekrise.

Weniger Bewerber, da viele länger im Schulsystem bleiben

Bei Bauelektrikern sei die Nachfrage von Bewerbern zwischen 2016 und 2021 sogar um mehr als 60 Prozent gestiegen, fand das IW heraus. Eine kontinuierliche Steigerung gab es in neun Berufen. Eine absolute Steigerung im Vergleich zum Basisjahr 2016 gab es sogar in 77 Ausbildungsberufen. Dagegen sank die Nachfrage nach Lehrstellen in 169 Berufen.

Insgesamt sank die Nachfrage in den vergangenen zehn Jahren deutlich. Lag sie 2011 bei knapp 642.000, waren es 2016 noch gut 600.000 junge Männer und Frauen, die eine duale Lehrstelle suchten. Bedingt durch die Auswirkungen der Pandemie sank die Zahl 2021 auf knapp 541.000. Dem standen gut 536.000 Ausbildungsplätze gegenüber. Zehn Jahre zuvor waren es rund 600.000. Grund für die abnehmende Zahl von Bewerbern sei vor allem der längere Verbleib vieler junger Leute im Schulsystem und der Drang zum Studium. dpa

Hinweis der Redaktion bzw. des ZVEH: Bei dem in der IW-Statistik erwähnten "Bauelektriker" handelt es sich nicht um einen Beruf. Zwar sind E-Handwerker auf Baustellen tätig, dies stellt aber eines von vielen Tätigkeitsfelder innerhalb der Branche dar.