Jahresmittelstandsbericht 2022 Bürokratie bremst Erholung und Fortschritt im Mittelstand

Wichtige Prozesse wie Digitalisierung oder Wärmewende können kleine und mittelständische Betriebe bei den jetzigen Rahmenbedingungen kaum voranbringen. Mittelstandsverbände fordern von der Politik schnelle Schritte.

Würfel KMU
Die Versorgungssicherheit mit bezahlbarer Energie ist eine wichtige Stütze für die konjunkturelle Erholung des Mittelstands. - © magele-picture - stock.adobe.com

Der Ukraine-Krieg erfordert von kleinen und mittelständischen Unternehmen (KMU) aktuell hohe Flexibilität und kurzfristige Investitionen. Doch angesichts aufgebrauchter Rücklagen, des eklatanten Fachkräftemangels und hoher Bürokratielasten fehlt vielen Akteuren die Kraft dazu. Die Corona-Pandemie steckt ihnen noch in den Knochen. Eine wirtschaftliche Erholung fiele leichter, wenn die Rahmenbedingungen besser wären. Zu diesem Schluss kommt die AG Mittelstand in ihrem Jahresmittelstandsbericht.

Zahlreiche Deutsche Wirtschaftsverbände, darunter auch der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH), fordern die Politik in dem Papier zum Handeln auf. Wichtige gesamtgesellschaftliche Transformationsprozesse wie Digitalisierung oder Nachhaltigkeit könnten die KMU sonst weder mit- noch vorantragen. Außerdem gerate die gesunde Entwicklung vieler Betriebe und die damit verbundene Daseinsvorsorge mancher Unternehmer außer Sichtweite. Um dem gegenzusteuern, mahnen die Verbände zu schnellen Verbesserungen in den Bereichen Unternehmertum, Fachkräfte und Investitionen.

Unternehmertum fördern

So müssten Genehmigungsverfahren beschleunigt und der Zugang zu Förderprogrammen erleichtert werden. Zudem sollten bei der Entwicklung neuer Gesetze Vertreter der KMU mit am Tisch sitzen, um die Praxistauglichkeit zu bewerten. Mit Blick auf das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz, das 2023 in Kraft treten soll, ziehen sie ein eindeutiges Fazit: Die Umsetzung müsse auf einen späteren Zeitpunkt verschoben werden. Angesichts von Materialengpässen sei es sonst eine weitere Last für KMU.

Wichtige Eckpfeiler für den weiteren Weg sind laut den Verbänden außerdem die Versorgungssicherheit mit bezahlbarer Energie sowie die Tarifautonomie von Arbeitgebern und Gewerkschaften. Um zukünftig Nachwuchs zu finden, solle die Berufsorientierung an den Schulen verstärkt werden. Zu wenige Jugendliche sähen in der beruflichen Selbstständigkeit ein anzustrebendes Ziel. Nicht nur die Gründung, sondern auch die Betriebsübernahme sollten thematisiert und aufgewertet werden.

Fachkräftemangel bekämpfen

Eine frühzeitige und zielgerichtete Berufsorientierung an Schulen wecke nicht nur das Interesse an der Selbstständigkeit. Vielmehr trage sie auch zur Bekämpfung des Fachkräftemangels ganz allgemein bei. Inländische Potenziale müssten durch eine "Offensive für die berufliche Bildung" erschlossen werden, so die Verfasser. Ausbildungsbetriebe und Berufsschulen müssten dementsprechend gefördert werden. "Berufliche Bildung ist das zentrale Instrument zur Fachkräftesicherung und entscheidend für die Zukunftsfähigkeit Deutschlands. Sie muss daher auf Augenhöhe mit akademischer Bildung gefördert und finanziert werden", betonte Handwerkspräsident Hans Peter Wollseifer.

Auch die Nachwuchskräfte sollten durch das Aufstiegs-Bafög mehr finanzielle Hilfe erhalten. Eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie die Absicherung von selbstständigen Schwangeren seien nötig, um die KMU zu stärken.

Um dem Fachkräftemangel effektiv zu begegnen, müsse darüber hinaus die qualifizierte Einwanderung durch ein beschleunigtes, digitalisiertes Visa-Verfahren gefördert werden. Auch der Zugang zu Sprach- und Integrationskursen sowie zum Erwerb von Anpassungsqualifikationen müsse erleichtert werden. Bei der Suche und Anwerbung von Auszubildenden und Fachkräften aus Drittstaaten würden die Betriebe weitere Unterstützung benötigen.

Investitionen planbar machen

Die Verbände stellen heraus, dass neun von zehn Investitionen durch private Investoren erfolgt. Damit treibe der Mittelstand Transformationsprozesse hin zur Nachhaltigkeit voran. Dazu brauche er jedoch Planungssicherheit. Die Regierung sei deshalb angehalten, einen verlässlichen wirtschaftspolitischen Rahmen zu schaffen. Im Bezug auf die Energiewende hieße das, die rechtliche Komplexität rund um Installation und Nutzung erneuerbarer Energiequellen abzubauen. Auch Verfahren im Bau- und Umweltrecht müssten digitalisiert und beschleunigt werden.

Weitere Forderungen umfassen beispielsweise den Abbau der kalten Progression und die Abschaffung des Solidaritätszuschlags. Außerdem müsse verhindert werden, dass bestimmte Branchen aufgrund der EU-Taxonomie für nachhaltige Investitionen stigmatisiert und bei der Kreditvergabe somit eingeschränkt werden. aul