TV-Kritik: "Maybrit Illner" Am Rande des Ruins: Bäcker-Ehepaar konfrontiert Kanzler Scholz

Olaf Scholz ist nicht gerade für seine überbordende Kommunikation bekannt. Nun stellte sich der Bundeskanzler im ZDF-Talk von Maybrit Illner Fragen aus dem Volk. Mit dabei: Ein Bäcker-Ehepaar aus Thüringen, dem das Wasser wirtschaftlich bis zum Hals steht und das der Talkshow mit seinem Schicksal eindringlich den Stempel aufdrückte

Olaf Scholz - hier im Deutschen Bundestag - gab bei Maybrit Illner den "Teflon-Kanzler". Ein Bäcker-Ehepaar aus Thüringen dominierte die Sendung. - © picture alliance / Flashpic | Jens Krick

Der Ernst der Lage war allen Diskutanten am Ende anzusehen. Normalerweise sprechen Talkshow-Gäste während des Abspanns miteinander, scherzen, lachen. Doch wen die Kamera bei Maybrit Illner auch einfing – sie zeigte ausschließlich ernste Gesichter. Bei Intensivpfleger Ralf Berning, bei Klima-Aktivistin Rifka Lambrecht, bei der ukrainischen Verlegerin und Autorin Kateryna Mishchenko – und bei Cornelia und Steffen Stiebling, dem Bäcker-Ehepaar aus dem thüringischen Waltershausen.

Inflation: "Dann geht der Betrieb auch pleite"

Letztere hatten zuvor geschildert, wie ihnen die Kombination aus steigenden Energie- und Rohstoffpreisen förmlich die Luft zum Atmen nimmt. Eigentlich hätte die Familienbäckerei am 1. August 100-jähriges Jubiläum, aber nach Feiern ist niemandem zumute. Sie würden zwar für ein Brötchen mittlerweile 70 Cent verlangen, aber im Discounter kosteten sie eben 20 Cent. "Wir können die Kosten nicht weitergeben", sagte Steffen Stiebling, "und wenn das Geld knapp ist, hilft es auch nicht, dass das Brötchen frisch gebacken ist, dann zählt nur noch das reine Geld." Die Kunden kämen nicht mehr, "und dann geht der Betrieb auch pleite."

Das saß. Die Stieblings, so erklärten sie ihre besondere Konstellation, hatten Energie lange am Spotmarkt gekauft, tagesaktuell, und damit oft sogar Gewinn gemacht, ehe die Preise für Strom und Gas rapide stiegen und ungedämpft bei den Stieblings ins Kontor schlugen. Im Januar kamen Nachzahlung und Vorauszahlung zugleich, die sie an den Rand des Ruins gebracht hätten, sagte Cornelia Stiebling. Zudem seien die Rohstoffpreise für Öl, Weizen oder Mehl teils um ein Vielfaches gestiegen. Die Frage, die die Bäckersleute an den Kanzler stellten, lag auf der Hand. "Was gedenken Sie zu tun, um die kleine und mittlere heimische Wirtschaft überhaupt am Leben zu erhalten?"

Scholz gibt Vollgas im Leerlauf 

Scholz, derart mit der Realität konfrontiert, setzte zu einer länglichen Antwort an, offenbar wissend, dass er außer den beschlossenen Maßnahmen der Bundesregierung nicht allzu viel im Köcher hatte. Es sei eine wirkliche Herausforderung, fasste er zusammen, was ohnehin auf der Hand lag, und fügte im bekannten Scholz-Sound hinzu: "Wir haben Beschlüsse gefasst, dass wir Strom aus erneuerbaren Energien produzieren, damit der auch dauerhaft billiger wird. Aber das ist nicht jetzt, das wird sich hinziehen". Scholz gab Vollgas im Leerlauf, und eine konkrete Antwort auf die Frage der Stieblings blieb er schuldig. Man versuche eben alles, damit die Preise nicht zu sehr explodierten. Gut, dass Illner nachhakte und fragte, wie es denn zusammenpasse, dass große Unternehmen wie die Lufthansa oder Uniper Hilfe bekämen, der deutsche Mittelstand aber nicht.

Da machte sich Scholz ein wenig ehrlich, indem er betonte, man werde nicht alle Preise "runter subventionieren" können, und erwähnte noch Fördermöglichkeiten der KfW oder die konzertierte Aktion mit Arbeitgebern und Arbeitnehmervertretern. Die Scholzsche Aufzählung beendete Illner, die an diesem Abend auf Zack war und die anderen Teilnehmer der Sendung gegen die Teflon-Art von Scholz unterstützte, indem sie clever zu dem zugeschalteten Bäcker-Ehepaar überleitete mit der klaren Frage: "Wie lange halten Sie noch durch?" Antwort Steffen Stiebling: "Wir wissen es nicht. Es ist ein Wunder, dass wir heute noch da sind."

Nach der Rechnung vom Januar hätten die Familie und befreundete Unternehmer unterstützt. Spätestens da wurde den Zuschauern klar, dass es hier wirklich Spitz auf Knopf steht – und es war der Abwechslung halber an Kanzler Scholz, etwas klarzustellen: "Das Problem zeigt, wie groß die Herausforderung noch wird." Denn viele Unternehmen und Privatkunden hätten noch laufende Verträge. "Wir müssen uns klar machen, dass das, was bei einigen sofort durchschlägt, weil sie am Spotmarkt ihre Energie gekauft haben, bei allen anderen später durchschlagen wird."

Ukraine: "Nicht gegen einen Staat, von dem man abhängig ist, Subventionen verhängen"

Damit war das Thema Ukraine indirekt eröffnet, denn die hohen Energiepreise rühren ja neben der heimischen Energiepolitik auch aus dem Krieg. Und kaum hatte die Debatte Fahrt aufgenommen, kamen wieder die Stieblings mit ihren ganz akuten Sorgen zu Wort. Deutschland habe sich abhängig von Russland gemacht, sagte Steffen Stiebling, und auch wenn er die Solidarität mit der Ukraine verstehe und sie selbst zwei Ukrainer aufgenommen hätten, so könne Deutschland nicht gegen einen Staat, von dem man eben so abhängig sei, derartige Sanktionen verhängen. "Ich kann doch nicht das Land komplett gegen die Wand fahren lassen, weil ich gegen den Krieg bin. Der Schaden ist unermesslich", entfuhr es Stiebling.

Die Runde diskutierte sehr sachlich über die Nöte, auch Intensivpfleger Ralf Berning gab seine Sorgen zu Protokoll über die soziale Spaltung im Land und kritisierte angesichts der hohen Preise die bisherigen Maßnahmen der Bundesregierung. Man solle lieber an die Unternehmen, die Milliardengewinne machten, herangehen.

Da saßen also mitunter unterschiedliche Ansichten im Studio oder waren zugeschaltet – die Stieblings hatten bei der pauschalen Forderung von Studentin Rifka Lambrecht, "die Vermögenden in Haftung zu nehmen", nur bitter gelächelt –, aber am Ende stimmten doch alle darin überein, internationale Konzerne, die hierzulande Gewinn machen, auch hier zu besteuern, auch um die multiplen Krisen zu meistern. "Es muss doch möglich sein, von Amazon den Gewinn zu besteuern", sagte Steffen Stiebling. "Bei jeder kleinen Firma in Deutschland wird das gemacht."

Die Stimmung so eiskalt wie der Winter 

Scholz zog sich letztlich professionell aus der Affäre, blieb gewohnt im Vagen – was in gewisser Hinsicht ja auch verständlich ist – und konnte am Ende die Talkshow verlassen, ohne bei der Konfrontation mit den Bürgern in ein Fettnäpfchen getreten zu sein. Derweil hatte das Bäckerehepaar mit den existenziellen Problemen den größten Eindruck hinterlassen, und dass die Gesichter am Ende so ernst und eher pessimistisch aussahen, war wohl nicht zuletzt der Schilderung von deren Schicksal zu verdanken, die die Sendung prägte. Und wie es weitergeht? Es bleibt nur zu hoffen, dass es nicht für alle so kommt wie für die Stieblings, denn sonst wird der kommende Winter nicht nur eiskalt, was die Heizungen in den Wohnungen und Betrieben, sondern auch was die Stimmung im einst so prosperierenden Deutschland angeht.

>>> Maybrit Illner: "Krieg, Corona, Klima – eine Krise zu viel, Herr Kanzler?"