TV-Kritik: NDR - "Die Nordreportage" Schwarzarbeit: Mit dem Zoll auf Tour

Schwarzarbeit schädigt nicht nur die Sozialkassen, sondern treibt auch ehrliche Unternehmer auf die Palme. In einer gut gemachten Reportage begleitete der NDR die "Finanzkontrolle Schwarzarbeit" des Zolls, wo sie zahlreiche Verstöße aufdecken - aber auch auf menschliche Schicksale treffen. Prädikat: nüchtern-sachlich erzählt und für den Zuschauer erkenntnisreich.

Die "Finanzkontrolle Schwarzarbeit" des Zolls deckte im Jahr 2021 Schäden in einer Gesamthöhe von rund 790 Millionen Euro auf. - © photo 5000 - stock.adobe.com

Der rumänische Ausweis entpuppt sich als gefälscht. "Es ist klar, dass das keine korrekten Dokumente sind und drucktechnisch anders erstellt sind als korrekte Dokumente", sagt der Dokumentenprüfer des Zolls, als er die Kärtchen unter dem Mikroskop betrachtet . Das Druckbild sei nicht schlecht, der Ausweis sei auch wohl nicht billig gewesen, aber eben, wie es heißt, eine "Totalfälschung".

Bei den Hamburger Zöllnern, die die Reportage "Zollkontrolle Schwarzarbeit" bei ihrer täglichen Arbeit begleitete, kommt an dieser Stelle schnell der Verdacht auf, dass hier auch noch mehr faul sein könnte. Sie ermitteln schließlich, dass der Mann, der den Ausweis vorgelegt hatte, aus der Ukraine stammt und wegen verschiedener Straftaten gesucht wird. Schließlich wird er in Gewahrsam genommen und an die Polizei übergeben.

Mit zwei Dutzend Beamten auf die Baustelle

Nicht immer erwischen die Zöllner aus Hamburg gleich Menschen, die auch noch anderes auf dem Kerbholz haben, aber die Arbeiter und Unternehmer, die ihnen ins Netz gehen, sehen sich in aller Regel zumindest mit dem Vorwurf der Hinterziehung von Sozialabgaben oder ähnlichem konfrontiert.

Besonders Baustellen stehen im Fokus der Beamten. Bei größeren fahren schon mal zwei Dutzend Zöllner los, auch um auf den weitläufigen Arealen Fluchtversuche zu unterbinden. Dann werden Ausweise kontrolliert und der arbeitsrechtliche Status der Arbeiter geklärt.

Ist ein Arbeitsvertrag vorhanden, deutet das auf eine offizielle Anmeldung der Arbeit bei der Sozialversicherung hin, wenn nicht, dann sieht es anders aus. Gerade auf großen Baustellen komme es immer wieder zu Fällen, in denen versucht wird, an Fiskus und Sozialkassen vorbei Arbeiter für einen Billiglohn tätig werden zu lassen und so Kosten zu sparen.

"Es werden alle Unterlagen geprüft"

Ein Arbeiter aus Lettland etwa, der in der Reportage kontrolliert wird, ist seit drei Tagen in Deutschland und seit zwei Tagen auf der kontrollierten Großbaustelle. Ob es einen Arbeitsvertrag gebe, fragt der Zollbeamte. "Noch nicht", ist die knappe Antwort. Das ist verdächtig, der Zoll kontaktiert den Arbeitgeber. Da der Arbeiter keine genaue Auskunft geben kann, hilft ein anderer Arbeitgeber mit den Kontaktdaten des Kollegen aus. Er wirkt erkennbar genervt, als er dem NDR-Team ein Interview gibt. "Für meine eigenen Angestellten muss ich ja Sorge tragen, dass die angemeldet sind", sagt er. Die anderen interessierten ihn nicht.

Mehr als 20 Firmen arbeiten unter dem Generalunternehmer auf der Baustelle, heißt es aus dem Off. "Da wir schlüsselfertig bauen, haben wir verschiedene Firmen", sagt der Generalunternehmer. Es würden alle Unterlagen kontrolliert, auch der Mindestlohn werde überprüft. Aber: Es gibt natürlich auch ein paar Firmen, die noch mal jemand anders beauftragen, und wenn das zu weit geht, dann ist das natürlich nicht in Ordnung. Immerhin stellte sich der Unternehmer vor die Kamera und duckte sich nicht weg. Irgendwie wird in dieser Szene aber auch klar, dass es unter solchen Umständen schon mal drunter und drüber gehen und ein schier unübersichtliches Geflecht entstehen kann, das der Zoll entwirren muss.

Gesamtschaden 2021: 790 Millionen Euro

Laut einer aktuellen Mitteilung des Zolls deckte die sogenannte "Finanzkontrolle Schwarzarbeit" im Jahr 2021 Schäden in einer Gesamthöhe von rund 790 Millionen Euro auf, etwas weniger als 2020 (816 Millionen Euro). Bei der Prüfung von insgesamt 48.000 Arbeitgebern wurden mehr als 120.000 Straf-, und mehr als 32.000 Ordnungswidrigkeitsverfahren eingeleitet. Täglich werden in Deutschland also zahlreiche Betriebe kontrolliert, besonders in von der Schwarzarbeit stark betroffenen Branchen wie dem Bau oder der Logistikbranche.

Sachliche Reportage ohne anklagenden Ton

So nüchtern diese Zahlen daherkommen, so nüchtern begleitete die NDR-Reportage die Beamten bei ihrer Aufgabe. Die Bilder waren stets sehr sachlich gehalten, es gibt keine schnellen Schwenks, Verfolgungsszenen auf der Baustelle, keine Wackel-Kamera. Zudem ist keine Musik zu hören, die Priorität lag offenbar auf einer unaufgeregten, realistischen Sicht auf die Dinge. Das ist gelungen. Weder gibt es anklagende Worte gegen die Arbeiter oder die Unternehmer per se, noch andauernde Hinweise auf den Umstand, dass es hier potenziell immer auch um die Hinterziehung von Sozialversicherungsbeiträgen geht, wie es in mancher Berichterstattung zu dem Thema die Regel ist. Um die Problematik weiß ohnehin jeder Zuschauer, der sich eine Reportage zur Schwarzarbeit ansieht. Viel wichtiger war dem NDR offenbar ein ruhiger, ungeschminkter Fokus, der nicht immer nur die negativen oder reißerischsten Fälle aufgreift.

Gewerbeanmeldung statt Arbeitsvertrag: So tricksen Unternehmer

Einmal erklärt ein Beamter während der Kontrolle einiger polnischer Arbeiter, mit denen nur mithilfe einer polnisch sprechenden Beamtin kommuniziert werden kann, ganz abgeklärt den Trick mancher Unternehmer, ausländische Arbeiter, die kein Deutsch sprechen, eine Gewerbeanmeldung unterschreiben zu lassen, während sie selbst in dem Glauben sind, einen Arbeitsvertrag zu unterschreiben. Komme dann der Zoll, sage der Arbeitgeber mit Blick auf den Arbeiter: Nein, der ist selbstständig.

Interessant auch die Szene, als während einer Kontrolle gleich ein ganzer Trupp deutscher Facharbeiter Bekanntschaft mit dem Zoll macht. Eine "rare Spezies", sagt die Stimme aus dem Off in einem seltenen Anflug von Ironie. "Angestellt, versichert, gut bezahlt." Ein bauleitender Monteur in der Anlagenmechanik erzählt vor der Kamera, dass er 21 Euro die Stunde bekomme und 40 Stunden arbeite - und dringt dann zu einem der Gründe vor, warum die Zustände auf manchen Baustellen so sind, wie sie sind. "Die Fachkräfte fehlen", sagt er. Andere Firmen würden mit billiger Schwarzarbeit seinem Unternehmen Aufträge abjagen. "Dann werden ja auch die ganzen Löhne kaputt gemacht, und das geht dann auch an uns weiter. Darum finde ich solche Kontrollen wichtig."

Ein Asylbewerber muss die Baustelle verlassen

Etwas anderes ist es dann wieder bei einem afghanischen Asylbewerber, der 250 Kilometer von seinem Aufenthaltsort entfernt kontrolliert wird und zwar eine Arbeitserlaubnis besitzt, aber eben gerade nicht für die Baustelle, auf der die Kontrolle stattfindet. Am Ende hilft ihm alles Beteuern nicht - und auch nicht der Umstand, dass er offenbar hierhin beordert wurde und sich den Ort nicht selbst ausgesucht hat. Er muss die Baustelle verlassen und trottet sichtlich sauer von dannen, während der Zeitarbeitsfirma, die ihn hierher geschickt hat, ein Strafverfahren droht.

Ein Arbeitstag mit bis zu 14 Stunden

In manchen Szenen versucht sich der NDR dann noch an ein wenig menschelnden Bildern, in denen die langen Arbeitszeiten der Beamten im Außendienst dargestellt werden und der Umstand, dass sich ein Arbeitstag je nach Verlauf und je nach der Art der aufgedeckten Fälle auch mal über 14 Stunden hinziehen kann. Es sind dies eher die schwachen, weil nicht so einprägsamen Momente der Sendung, deren halbe Stunde Dauer auch ohne diese Aspekte hätte gefüllt werden können. Viel Arbeit haben schließlich viele Leute in diesem Land. Nicht zuletzt trifft das eben auch auf die Unternehmer und Angestellten der Baubranche zu, die auch und gerade aufgrund des hohen Bedarfs an Arbeitskräften, der zunehmend nicht mehr durch heimische Fachkräfte zu decken ist, ins Visier der Zollfahnder geraten - und mitunter eben auch auffliegen.

>>> Die Nordreportage "Zollkontrolle Schwarzarbeit" können Sie sich hier ansehen