In Deutschland gehen nicht nur die Schüler- und damit die Lehrlingszahlen zurück, sondern auch die Zahl der Ausbildungsbetriebe. Nach einen Entwurf des neuen Berufsbildungsberichts haben im Jahr 2010 nur noch 22,5 Prozent der Firmen mit sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten Lehrlinge ausgebildet. Doch dies liegt nicht daran, dass die Betriebe nicht ausbilden wollen. Sie finden einfach keinen Nachwuchs.

Die Wirtschaft ist weiter zuversichtlich, dass sich sowohl die Umsätze als auch die Auftragszahlen 2012 positiv entwickeln. Befürchtungen gehen alleine dahin, dass die Aufträge nicht pünktlich erfüllt werden können, weil das Personl fehlt. Wie das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) in der vergangenen Woche meldete, hat 2010 jeder dritte Betrieb im gesamten Bundesgebiet entweder keine oder nicht genügend Bewerber gefunden, um seine offene Arbeitsstellen zu besetzen. Es mangelt vor allem am Nachwuchs.
Im Handwerk sind die Fakten noch gravierender: Die Zahl der Betriebe mit unbesetzten Stellen für Fachkräfte lag 2010 bei 40 Prozent. Und im Bereich der Ausbildung sieht es nicht besser aus, auch hier konnten rund 40 Prozent der Handwerksbetriebe 2010 ihre Stellen nicht besetzen. Im vergangenen Jahr waren es laut dem Zentralverbands des deutschen Handwerks (ZDH) mehr als 10.000 Lehrstellen, die unbesetzt blieben.
Ausbildungsbereitschaft ist ungebrochen
Nun zeigte sich, dass der Bewerbermangel auch die Zahl der Betriebe, die Lehrstellen anbieten und so für den künftigen Nachwuchs sorgen, schrumpfen lässt. Wie die Süddeutsche Zeitung unter Berufung auf den noch nicht veröffentlichten Berufsbildungsbericht meldet, hat nur noch knapp ein Viertel aller Unternehmen in Deutschland Lehrlinge. Doch die Ausbildungsbereitschaft ist weiter ungebrochen.
Das Problem liegt nach Ansicht des ZDH allein an den fehlenden Bewerbern und aktuell an der falschen Auslegung der Statistik. "Die Auswertung erfasst immer nur die Betriebe, die im jeweiligen Zeitraum aktiv ausbilden", kommentiert Handwerkspräsident Otto Kentzler den gemeldeten Rückgang. Vor allem die kleinen Handwerksbetriebe hätten in den vergangenen Jahren keine Auszubildenden mehr gefunden und würden damit aus der aktuellen Statistik herausfallen.
Die Zahl der Ausbildungsbetriebe ist nach Angaben des Berichts zwischen 2009 und 2010 von 23,5 auf 22,5 Prozent zurückgegangen, obwohl die Gesamtzahl der Unternehmen gestiegen ist. Dabei hatten im Jahr 2010 bei einer Gesamtzahl von 2,08 Millionenn Betrieben laut der Bundesagentur für Arbeit (BA) nur 470.000 Betriebe mindestens einen Azubi. 2009 waren es noch 485.000 Ausbildungsbetriebe. Hier zeigt sich, wie stark die Folgen der sinkenden Schülerzahlen schon sind.
Sobald ein Betrieb nicht mehr ausbildet, fällt er aus der Statistik. Und dabei spiele es für die Zahlen keine Rolle, ob er nicht ausbilden will oder nicht kann, heißt es aus dem Handwerk. Insgesamt sei die Zahl der neu eingeworbenen Ausbildungsbetriebe im Handwerk sogar gestiegen, erklärt Kentzler. 2010 waren es 13.000 und 2011 rund 15.000 neue Lehrbetriebe.
Angebot und Nachfrage passen nicht zusammen
Das Thema "Fachkräftemangel" ist also komplexer als es oft erscheint. Es ist ein Thema der Betriebe, der gesamten Wirtschaft und der Politik, die die Rahmenbedingungen abstimmen müssen. Doch hier scheinen Angebot und Nachfrage große Probleme zu bereiten. Wie schon im Bericht zum "Nationalen Pakt für Ausbildung und Fachkräftenachwuchs" haben sich die Ausbildungschancen der Jugendlichen grundsätzlich verbessert, doch trotzdem wird der Fachkräftemangel immer akuter.
Die Ursachen sind vielfältig: In Ostdeutschland ist aufgrund des demografischen Wandels die Zahl der Schulabgänger auf die Hälfte geschrumpft: Es fehlen einfach 100.000 Schulabgänger im Vergleich zum Jahr 2000. "Dieser demografische Trend kann bisher nicht kompensiert werden, auch nicht beispielsweise durch das Werben um Schulabgänger aus den Nachbarländern Polen und Tschechien", sagt Kentzler.
In den Großstädten sieht es etwas anders aus. Hier ist die Zahl der Schulabgänger ohne Abschluss weiterhin sehr hoch, wovon besonders Kinder aus Migrantenfamilien betroffen sind. "Das Handwerk hat bereits vor einigen Jahren seine Schlüsse daraus gezogen", sagt der Handwerkspräsident. Vielerorts werben jetzt mehrsprachige Ausbildungsberater um Nachwuchs für das Handwerk.
Handwerk soll stärker in die Öffentlichkeit
In den übrigen Bundesländern geht der Trend hin zu Abitur und Hochschulstudium und weg von Haupt- und Realschulen, aus denen das Handwerk die Mehrzahl seiner Auszubildenden rekrutiert. Das Handwerk wirbt seit einigen Jahren aktiv um Abiturienten. Kentzler sieht hier großes Potenzial die Handwerksausbildungen auch mit dualen oder trialen Studiengängen zu kombinieren und fordert: "Wir haben für die Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung im DQR gekämpft, und erwarten, dass die Politik die gemeinsam gefassten Beschlüsse nun auch umsetzt".
Dass eine Berufsausbildung im Handwerk nicht nur den Umgang mit modernster Technik und neuen Forschungsmethoden bedeutet, sondern auch wirtschaftlich eine große Bedeutung hat, soll stärker in den Vordergrund kommen. Eine Maßnahme ist die aktuelle Imagekampagne, mit der das Handwerk wieder stärker in die Öffentlichkeit kommen und so auch bei den Jugendlichen als moderner Arbeitgeber wahrgenommen werden möchte. jtw