Holzöfen sollen in der Praxis bis zu fünfzigmal höhere Emissionen verursachen als die Testverfahren bei der Zulassung angeben. Von bis zu 9.000 Todesfällen im Jahr ist die Rede. Was hinter dem angeblichen "Woodgate" steckt.

Holzöfen sind in Deutschland sehr beliebt. Bundesweit sind rund elf Millionen Einzelfeuerungsanlagen in Betrieb, also Kamine oder Kachelöfen. Viele von diesen Öfen könnten bald verschrottet werden und durch neue Öfen ersetzt werden. Doch die neuen Öfen sind anscheinend nicht unbedingt sauberer und gesünder für den Menschen.
Nach Recherchen des ARD-Politikmagazins "Report Mainz" stoßen Holzkamine im Alltagsbetrieb deutlich höhere Schadstoffmengen aus, als die derzeit von der Industrie verwendeten Standardtests anzeigen. Ähnlich wie bei Dieselfahrzeugen weichen die Messergebnisse auf den Prüfständen vor allem bei Feinstaub deutlich von Messungen im Alltagsbetrieb ab. Dazu erklärt Axel Friedrich, Feinstaubexperte und ehemaliger Abteilungsleiter im Umweltbundesamt, gegenüber "Report Mainz": "Im Normalbetrieb stellen wir fest, dass die Öfen zehn- bis fünfzigmal mehr Emissionen haben als bei der Zulassungsmessung."
Echte Emissionen viel höher als im Test
In einer umfassenden, von der EU-Kommission geförderten Studie mit dem Titel "beReal" wurden Messwerte auf den Prüfständen mit dem Normalbetrieb verglichen. Die Wissenschaftler kommen ebenfalls zu dem Ergebnis, dass die Öfen sehr viel mehr Feinstaub in die Luft abgeben als bei der Zulassungsprüfung. Die Forscher fassen das Ergebnis so zusammen: "Bei der Messung von Holzöfen sind die Emissionen nach der `beReal`-Testmethode sehr viel höher als die offiziellen Zulassungstestergebnisse."
Eine Untersuchung im Auftrag des Schweizer Ofenbauverbandes "feusuisse" hat in Anlehnung an deutsche Normen die Zulassungsprüfung mit Messungen im Alltagsgebrauch verglichen und stellt fest: Beim direkten Vergleich alter und neuer Öfen schneiden in der Studie die neuen Modelle nicht besser ab als die alten. In einer Zusammenfassung der Ergebnisse heißt es: "Insbesondere bei den Staubwerten ist das Gegenteil der Fall". In der Studie heißt es, die Hersteller hätten "die Geräte auf einen realitätsfremden Betrieb" hin optimieren müssen.
"Woodgate": Diskepranzen vergleichbar mit Diesel-Skandal
Auf der "Rennstrecke", also im normalen Betrieb, könnten diese Öfen ihre Qualität gar nicht entfalten. Axel Friedrich sieht hier eine klare Parallele zum Dieselgate-Skandal und sagt im Interview mit "Report Mainz": "Wir reden ja bei den Diesel-Fahrzeugen von Dieselgate und bei den Diskrepanzen, die wir hier haben, kann man ganz klar auch von Woodgate reden. Denn wir haben Prüfungen, die nicht dem entsprechen, was im realen Leben auftritt. Wir brauchen andere Zulassungsmessungen, andere Prüfungsverfahren, um hier entsprechend die Menschen auch zu schützen." Außerdem fordert er, dass Einzelraumfeuerungsanlagen mit Filtern ausgestattet werden, so ähnlich wie beim Diesel.
Der Industrieverband Haus-, Heiz- und Küchentechnik (HKI) erklärt in einer Stellungnahme gegenüber "Report Mainz": Ziel der Typprüfungen sei ein Ranking der Feuerstätten untereinander. In der Praxis komme es zu Abweichungen. Die Deutsche Umwelthilfe fordert die Bundesregierung zum Handeln auf. Dorothee Saar, Leiterin Verkehr und Luftreinhaltung, sagt dazu gegenüber "Report Mainz": "Wir haben Öfen, die auf dem Papier vergleichsweise sauber sind, die aber in der Realität ein Vielfaches mehr an Schadstoffen emittieren. Das Prüfverfahren ist ganz offenkundig unzureichend. Das Bundesumweltministerium muss ein neues Verfahren anstoßen."
Ein Sprecher des Bundesumweltministeriums erklärt auf Nachfrage von "Report Mainz", dass Prüfstandsmessungen die Realität nicht in jedem Fall abbilden könnten, liege in der Natur der Sache. Das Thema "Holzfeuerungen" werde in der Behörde und mit Fachleuten diskutiert, die Bundesimmissionsschutzverordnung evaluiert. Auf der europäischen Ebene seien Verbesserungen des Prüfzyklus in Arbeit, um die Verfahren noch besser an die "realen Bedingungen anzunähern".
9.000 Todesfälle pro Jahr
Nicht nur in Städten, sondern auch in ländlichen Regionen tragen Holzheizungen zu einer hohen Feinstaubbelastung bei. In einzelnen Dörfern liegt der Anteil der Holzheizungen bei bis zu 30 Prozent an der Gesamtfeinstaubbelastung. Die jährliche Gesamtmenge Feinstaub aus Holzheizungen erreicht die Größenordnung der Belastung aus dem Straßenverkehr. Feinstaub aus Holzheizungen führt nach Angaben des Bundesumweltministeriums gegenüber "Report Mainz" zu schätzungsweise 9000 vorzeitigen Todesfällen pro Jahr in Deutschland.
Das Land Baden-Württemberg hat am 24. Februar 2017 als erstes Bundesland ein Nutzungsverbot für Kaminöfen erlassen. Holzöfen, die nicht als einzige Heizung im Haus dienen, müssen bei Feinstaubalarm kalt bleiben. Ausnahmen gibt es für neue Modelle, die die Grenzwerte der Stufe 2 der Bundesimmissionsschutzverordnung einhalten. Analog zum Fahrverbot für alte Diesel dürfen alte Öfen nicht benutzt werden. Einige Bundesländer fördern den Austausch alter Öfen durch neue Modelle. Auch die Bundesimmissionsschutzverordnung verlangt, dass alte Öfen nach und nach nachgerüstet oder ausgetauscht werden.
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