Langsame Leitungen und Versorgungslücken im ländlichen Raum bremsen die Digitalisierungsbestrebungen des Handwerks aus. Ein Handwerksbetrieb berichtet, wie dies seinen Arbeitsalltag einschränkt. Gelingt jedoch der 5G-Ausbau, könnten sich in Zukunft ganz neue Geschäftsmodelle entwickeln.
Deggendorf ist eigentlich gar kein Dorf, wie es der Name vermuten lässt. Rund 37.000 Einwohner zählt die Große Kreisstadt im gleichnamigen niederbayerischen Landkreis. Eine angesehene technische Hochschule ist vor Ort und zahlreiche Unternehmen aus Industrie, Handel und Handwerk sind hier vertreten. Eigentlich, so sollte man meinen, ist in einer solchen Region am Wirtschaftsstandort Deutschland schneller und stabiler Mobilfunk längst selbstverständlich.
Digitalisierung mit Hindernissen
Doch Hartmut Hölzel berichtet Gegenteiliges. Er ist Niederlassungsleiter der dort ansässigen Firma Caverion, die klassische Handwerksdienstleistungen im Bereich der Gebäudetechnik und des Facility-Managements mit Wartung und Kundendienst ausführt. Für das stark technisch orientierte Unternehmen ist die Digitalisierung längst ein unverzichtbarer Begleiter bei allen Arbeitsprozessen. "Heute lässt sich ein Gebäude mit vernetzten Geräten zum Beispiel aus der Ferne warten, ohne dass ein Handwerker vor Ort sein muss. Das spart dem Kunden und uns Aufwand, Zeit und Geld", erklärt Hölzel.
Doch das funktioniere leider bisweilen nur in der Theorie, weil es immer noch gravierende Probleme bei der Netzabdeckung und der Mobilfunkqualität gäbe. "Wir sind hier mit dem Mobilfunkausbau in keinster Weise zufrieden", sagt Hölzel, der den direkten Vergleich zu den anderen Standorten des Unternehmens in zwölf Ländern kennt. Deutschland schneide dabei am schlechtesten ab, so sein Fazit.
Für die Zukunft brauche der Betrieb ganz dringend ein stabiles 5G-Netz für den gesamten Datenverkehr. "Wenn die Servicetechniker regelmäßig Datenflussunterbrechungen haben, weil die Netzabdeckung nicht vorhanden ist, können wir nicht effizient arbeiten." Auch ein Notdienst für die Kunden aus dem Homeoffice lasse sich nicht realisieren, wenn etwa im Bayerischen Wald wohnhafte Mitarbeiter keine stabile Leitung zur Verfügung haben.
Lokale 5G-Netze für Handwerksverbünde
Das Beispiel zeigt, dass schnelle Mobilfunknetze auch abseits der vielzitierten "Milchkannen", der stark ländlich geprägten und schwer erreichbaren Flecken, noch nicht selbstverständlich sind. Hölzel glaubt, dass Schwächen im System, angefangen von der Frequenzvergabe über gesetzliche Vorgaben bis hin zu den wirtschaftlichen Interessen der Netzbetreiber, einen schnelleren Ausbau bremsen. Dennoch ist er aufgrund seiner Gespräche mit den Anbietern zuversichtlich, dass sich das bald ändern wird und der aus seiner Sicht so wichtige 5G-Ausbau bundesweit Fahrt aufnimmt.
Doch das Unternehmen hat auch einen Plan B in der Tasche. Sollte sich an der Situation nicht bald etwas verbessern, werde der Aufbau einer Insellösung, eines firmeneigenen, lokalen 5G-Netzes, geprüft.
In diesen so genannten Campus-Netzen sieht auch Christoph Krause, Leiter im Mittelstand-Digital Zentrum Handwerk, großes Potenzial für die Betriebe. Der Experte weiß, dass ein einzelner Handwerksbetrieb weder das Fachwissen hat, noch über die finanziellen und personellen Ressourcen verfügt, um ein solches lokales 5G-Netz im Alleingang aufzubauen. Das gelte selbst für große Handwerksbetriebe mit mehreren hundert Mitarbeitern.
"Wir müssen deshalb schlaue Kooperationen im Handwerk bilden, um das volle Potenzial schneller Netze bei der Digitalisierung der Prozesse ausschöpfen zu können", sagt Krause. Er hält es für möglich, dass sich die Betriebe in einer Stadt oder einem Landkreis für eine solche Kooperation gewerkeübergreifend zusammenschließen, um mit fachlicher Beratung von den Handwerkskammern oder dem Mittelstand-Digital Zentrum Handwerk die Infrastruktur für schnelle, firmeneigene Mobilfunknetze zu errichten.
Bislang sind es jedoch vornehmlich große Konzerne aus der Industrie, die sich die lokalen Frequenzen von der Bundesnetzagentur sichern. Knapp 150 solcher Anträge sollen bereits bei der Behörde eingegangen sein. Krause appelliert deshalb an die Betriebe, sich auf jene Zeiten zu besinnen, als sich Handwerksunternehmen zu starken Einheiten zusammengeschlossen haben, wie etwa die traditionellen Zünfte. "Das Handwerk sollte darin mehr eine Chance sehen, als sich unbegründete Sorgen darüber zu machen, durch eine Kooperation Wettbewerbsvorteile einzubüßen und seine starke Stellung im Markt zu schwächen."
Viele Anwendungsfelder für 5G
Sobald das Handwerk auf starke und schnelle Netze zugreifen kann, lassen sich aus Sicht des Experten die Chancen der Digitalisierung in Verbindung mit 5G voll nutzen. Und hier sieht Krause diverse Anwendungsszenarien für die betriebliche Praxis.
"5G ist nicht für alle Branchen in gleichem Maß relevant, aber zumindest für alle Gewerke, die mit Maschinen arbeiten oder Arbeitsprozesse mit Hilfe von technischen Geräten steuern." Zu nennen sind hier etwa das Bau- und Ausbauhandwerk oder die Elektro-, SHK- oder Kfz-Gewerke. Aber auch eine Bäckerei könne mithilfe von 5G seine Backstube digitalisieren, meint Krause.
Der Zentralverband der Deutschen Elektro- und Informationstechnischen Handwerke (ZVEH) sieht große Chancen im Netzausbau. „Die Nachfrage nach leistungsfähigen Datennetzen wächst kontinuierlich. Grund hierfür sind nicht zuletzt eine zunehmende Vernetzung unserer Alltagswelt im „Internet of Things“ (IoT) sowie gestiegene Augmented-Reality- und Virtual-Reality-Anwendungen“, sagt Stefan Heß, Sprecher des ZVEH-Fachbereichs Informationstechnik. Das größte Hinderniss beim Ausbau der digitalen Infrastruktur bestehe jedoch in mangelndem Fachpersonal. „Es ist daher von enormer Bedeutung, die Elektrohandwerke für diesen wichtigen Wachstumsmarkt zu sensibilisieren. Schließlich sind sie mit ihrem Know-how im Bereich Informationstechnologie und durch ihre Vernetzung in der Region als Dienstleister geradezu prädestiniert dafür, beim Netzausbau zu unterstützen“, so Heß weiter.
Auch der Zentralverband Sanitär Heizung Klima (ZVSHK) erkennt die Chancen des Netzausbaus. „Durch das 5G-Netz erhöht sich die Datenübertragung bis hin zu einer Echtzeitübertragung. Für die Nutzung von mobilen Daten auf der Baustelle oder bei der Wartung ist das vorteilhaft“, sagt Sprecher Frank Ebisch. Im Hinblick auf die immer wichtiger werdende kognitive Assistenz des Kundendienstmonteurs per Datenbrille oder Smartphone bei der Wartung im Heizungskeller oder der Reparatur eines Dusch-WCs würden sich klare Zeitvorteile ergeben. Das Handwerk scheint bereit für 5G. Jetzt muss nur noch 5G für das Handwerk bereit sein.
