Atomausstieg und Energiewende haben Deutschland eine Lotsenfunktion auf dem Weg zum "grünen Wirtschaften" beschert. Und diese Funktion gelte es nun zu nutzen, denn der ökologische Aufbruch stockt. Im Vorfeld der UN-Konferenz für nachhaltige Entwicklung im Juni weist das US-Umweltinstitut Worldwatch mit seinem Bericht "Zur Lage der Welt 2012" darauf hin, dass das Wirtschaftswachstum nur eine Chance hat, wenn es eine neue, grüne Definition bekommt.

Der Klimawandel ist nicht nur ein Thema für Ökofreaks und Umweltforscher. Er hat mittlerweile einen so hohen Stellenwert bekommen, weil allen klar ist, dass die ökologischen Folgen zunehmend auch weltweite, ökonomische Folgen haben. Doch nach der Feststellung, dass sich die Konsumgesellschaft zunehmend selbst zerstört, müssen nun endlich Taten folgen. Laut den Herausgebern des neuesten, kritischen Lageberichts zum Zustand der Weltwirtschaft, kommt "Made in Germany" eine besondere Verantwortung zu, wenn es darum geht, den Weg zur "Green Economy" zu gehen.
"Eine umweltfreundliche Wirtschaft rechnet sich", sagte Michael Renner, Projektleiter von Worldwatch bei der Vorstellung des Berichts. Und dabei steht nicht nur die Energieeinsparung, die zugleich eine Kosteneinsparung bei jedem Einzelnen bedeutet, im Mittelpunkt. Auch das langfristige Haushalten mit den Ressourcen und die gerechte Verteilung zwischen Ländern, Generationen und Gesellschaftsschichten muss bedacht werden, wenn das globale Wirtschaftswachstum weitergehen soll. Doch dazu bedarf es mehr als Lippenbekenntnisse "Nur wenn die Staatengemeinschaft den Mut hat, staatliche Rahmenbedingungen zu schaffen, kann die Weltwirtschaft innerhalb ökologischer Grenzen florieren", sagte Renner.
Wirtschaft soll nachhaltig wachsen
Schon vor 25 Jahren hat die Brundtland-Kommission in ihrem – damals schockierenden - Bericht "Our Common Future" den globalen Kurswechsel gefordert und den Begriff der "nachhaltigen Entwicklung" in die Diskussion eingebracht. Nach Ansicht von Worldwatch sind wir immer noch weit von einem wirklichen Wechsel entfernt und die Probleme werden immer drängender. Nur wenn jetzt ein wirkliches Umdenken in Entscheidungen Ausdruck findet, könne sich das auch auf ein langfristiges und nachhaltiges Wirtschaftswachstum auswirken – sozial, ökologisch und ökonomisch.
Zwar hat Deutschland mit der Entscheidung zum Atomausstieg gezeigt, dass es auch zu Taten bereit ist, doch mit dem aktuellen Sparkurs, den die deutsche Regierung für ganz Europa fordert, blocke sie auch das grüne Wachstum. Mit diesen Worten der deutschen Herausgeber des Berichts fordern sie neue Investitionen für mehr Klimaschutz und Ressourcengerechtigkeit, die nun notwendig seien, um zu zeigen, wie ernst es der Politik mit der Energiewende ist. Statt des Sparkurses brauche Europa Schlüsselprojekte zur Modernisierung der Stromversorgung, beim Schienenverkehr und zum ökologischen Umbau der Städte, die dann als Vorbild weltweit dienen können. Worldwatch nennt das den europäischen "Green New Deal". Auch aufgrund der vielen weltweit tätigen Unternehmen aus Europa, die einen großen Einfluss auf die Entwicklung der Weltwirtschaft haben, müssten hier neue Sorgfaltspflichten gelten.
Bei der Vorstellung des Berichts setzte sich auch die Fraktionschefin der Grünen im Bundestag, Renate Künast, für einen neuen Wohlstandsbegriff ein. "Deutschland muss zeigen, dass die Energiewende möglich ist, wie mit knappen Rohstoffen intelligent umgegangen werden kann und wie moderne Infrastruktur geschaffen wird", forderte Künast und wies darauf hin, dass fortschrittliche Technologien mit ärmeren Ländern geteilt werden müssten.
Ralf Fücks, Vorstand der Grünen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung und Mitherausgeber des Berichts, sagte, das Umsteuern gehe bisher zu langsam. Mit der Energiewende plane Deutschland jetzt ein "revolutionäres Programm". Auf diesem Gebiet müsse die Bundesrepublik global ein Vorreiter sein.
In ihrem Bericht machen die Autoren deshalb auch Vorschläge, wie eine "grüne und faire Lebensweise" durchgesetzt werden kann. Dazu gehören Anreiz-Programme für den Kauf umweltfreundlicher Produkte, die Berücksichtigung von Umweltschäden bei der Besteuerung von Produkten und die ökonomische Aufwertung von Ökosystemen, die für sauberes Wasser, fruchtbare Böden oder ein stabiles Klima sorgen.
Energieversorgung: Deutschland hilft beim Umbau
Doch bis das Realität werden kann, bedarf es – neben Klarheit bei den momentan stockenden Entscheidungen zur Förderung der erneuerbaren Energien – neue Investitionen in Forschung und Wissenschaft. "Deutschland kann dazu, gerade mit Blick auf den Umbau der Energieversorgung, einen großen Beitrag leisten", sagte Bundesbildungsministerin Annette Schavan angesichts der Ergebnisse des Berichts fest zu. Wegen der Armut auf der Erde sei der Appell, den Gürtel enger zu schnallen und Wachstum abzubauen, nicht sinnvoll.
Der "Bericht zur Lage der Welt" des Worldwatch Institute in Washington erscheint seit 1999 einmal jährlich. In diesem Jahr möchte er unter anderem darauf hinweisen, dass die UN-Konferenz für nachhaltige Entwicklung vom 20. bis 22. Juni in Rio de Janeiro genutzt werden so muss, um neue Rahmenbedingungen festzulegen, um die Energiewende weltweit voranzutreiben. jtw /dapd