Deutschland könnte die Energiekosten bis zum Jahr 2020 um bis zu 33 Milliarden Euro senken, wenn Unternehmen, Verbraucher und die Politik endlich richtig beim Energiesparen mithelfen würden. Damit die Energiewende gelingen kann, muss Deutschland stärker auf Energieeffizienz setzen, fordert der Vorsitzende der Deutschen Energie-Agentur (dena), Stephan Kohler. Im DHZ-Interview gibt er Tipps, wie sich das Handwerk stärker einbringen kann.
Jana Tashina Wörrle

DHZ: Aktuelle Umfragen besagen, dass der Großteil Verbraucher hinter der Energiewende steht. Trotzdem beschweren sich viele über die steigenden Strompreise. Sind die Verbraucher aus Ihrer Sicht noch zu wenig bereit selbst mitzuwirken? Ist die Energiewende bislang nur ein politisches Thema?
Stephan Kohler: Die Energiewende ist mehr als ein politisches Thema. Aber sie kann nur vorankommen, wenn alle mithelfen und die Energieeffizienz und Energieeinsparung stärker in den Mittelpunkt der Maßnahmen rücken. Wenn alle so weitermachen wie bisher, können die Ziele der Bundesregierung, bis 2020 zehn Prozent weniger Strom und zwanzig Prozent weniger Wärmeenergie zu verbrauchen, nicht erreicht werden. Im Gebäudebereich brauchen wir dafür eine Verdopplung der Sanierungsquote.
DHZ: Warum hinkt Deutschland beim Thema Energieeffizienz hinterher? Wurde das Thema zu stark vernachlässigt?
Kohler: Das Thema wurde zu wenig ernst genommen. Wir fordern deshalb von der Regierung endlich verlässliche Rahmenbedingungen zu schaffen, damit die Verbraucher nicht mehr abwarten, sondern investieren. Ich sehe dabei drei Ansatzpunkte. Erstens braucht die Energieeinsparverordnung (EnEV) neue, höhere Standards. Zweitens muss endlich über die Förderung der Gebäudesanierung entschieden werden und drittens brauchen wir mehr Markttransparenz und Information, damit alle, die Einsparungen in Angriff nehmen wollen, wissen, wo sie ansetzen können.
dena-Geschäftsführer Stephan KohlerDHZ: Wie schnell muss es hierzu Regelungen geben?
Kohler: Bei unseren Kongress der vergangenen Tage haben Regierungsvertreter bereits angekündigt, dass die neuen Einsparstandards der EnEV bis 2016 schrittweise um 25 Prozent angehoben werden sollen. Somit dürften Neubauten im Jahr 2014 nur noch einen Energieverbrauch aufweisen, der 12,5 Prozent unter dem von heute liegt, Im Jahr 2015 kommen dann nochmals 12,5 Prozent dazu. Das sind gute Signale, doch die Pläne sind noch nicht beschlossen. Die Zeit drängt vor allem bei der Förderung der Gebäudesanierung. Solange die Entscheidung zum Steuerbonus noch im Vermittlungsausschuss festhängt, warten auch diejenigen ab, die schon entschieden haben zu sanieren. Jeder möchte natürlich mögliche Fördergelder mitnehmen. Die lange Hängepartie ist auch ein Grund für die Verzögerungen bei der Energieeffizienz insgesamt.
DHZ: Welche Rolle spielt das Handwerk bei der Energieeffizienz? Was können die Handwerksbetriebe dafür tun?
Kohler: Ich sehe das Handwerk als wichtige Schnittstelle und wichtigen Akteur vor Ort bei den Energieverbrauchern. Die Betriebe sind direkte Ansprechpartner und können einerseits die nötigen Maßnahmen umsetzen. Andererseits können sie die Verbraucher mit guter fachlicher Beratung auch übers Energiesparen aufklären. Für die von uns geforderte Markttransparenz braucht es mehr qualifizierte Energieberatungen. Nur wenn ein Hausbesitzer weiß, wo die Schwachstellen am Haus sind und welche neuen Heizungsanlagen es gibt, kann er auch dementsprechend investieren. Aus unserer Sicht müsste es deshalb auch einen verpflichtenden bedarfsorientierten Energieausweis geben.
DHZ: Wo stecken die meisten Einsparpotenziale – bislang ist ja meist von der Industrie die Rede?
Kohler: Sowohl die Großindustrie als auch die kleineren Unternehmen können mit gezielten Maßnahmen Energie einsparen und auf neue effizientere Techniken umsteigen. Wie bei den privaten Verbrauchern können auch hier neue Heizungen, Beleuchtungssysteme und spritsparende Autos viel bewirken. Am wichtigsten ist und bleibt aber eine gute Wärmedämmung der Gebäude und dabei meine ich sowohl die 18 Millionen Wohngebäude als auch die fünf Millionen Nicht-Wohngebäude.
DHZ: Kann denn die energetische Sanierungsquote immer noch nicht beschlossenen Steuerbonus vorangetrieben werden?
Kohler: Das Wichtigste ist, dass überhaupt entschieden wird. Das sind die verlässlichen Rahmenbedingungen, die wir fordern. Für die energetische Gebäudesanierung wäre es jetzt notwendig einerseits den Steuerbonus auf den Weg zu bringen. Das bisherige Fördervolumen des KfW-Programm in Höhe von 1,5 Milliarden Euro reicht nicht aus. Die dena hat berechnet, dass wir insgesamt zusammen fünf Milliarden benötigen. Nur wenn der Schwerpunkt hier liegt, kann die Energieeffizienz wirklich Erfolg haben.
DHZ: Wäre eine Pflicht zur energetischen Sanierung von Gebäuden für Hausbesitzer sinnvoll?
Kohler: Nein, das wäre ein falschen Signal und würde meiner Ansicht nach auch eher zu einer Blockade auf Seiten der Gebäudebesitzer führen.
DHZ: Wie sehen Sie das Vorankommen der Energiewende grundsätzlich? Wie wird es mit den Kosten weitergehen?
Kohler: Kohler: Die Energiewende kommt ungleichmäßig voran. Die Ziele bei den regenerativen Energien werden jetzt schon übertroffen. Dafür hinken wir sowohl beim Netzausbau als auch bei der Energieeffizienz hinterher. Dieses Ungleichgewicht muss beseitigt werden.
DHZ: Und die Kosten?
Kohler: Bei den Strompreisen wird die Diskussion weitergehen, denn die Preise werden steigen. Aber wenn jetzt die richtigen Anreize für mehr Energieeffizienz geschaffen werden, lässt sich die Steigerung abfedern. Nach unseren Berechnungen könnten bis 2020 rund 33 Milliarden Euro an Energiekosten gespart werden. Jeder der weniger verbraucht, kann auch Kosten damit ausgleichen. Wenn das Geld langfristig gesehen dann nicht mehr in Energie, sondern zuvor in neue Anlagen und Sanierungsmaßnahmen gesteckt wird, schafft damit zusätzlich auch eine Wertschöpfung im Land. So kann die Energiewende für alle gelingen.
