In Kassel werden "schlafende Automobile" zum Leben erweckt. Vom 1. Mai bis 31. Juli ist im Rahmen der 1100-Jahrfeier der Stadt eine außergewöhnliche Oldtimer-Ausstellung zu sehen. Gezeigt werden 40 Autos aus der legendären Sammlung der Gebrüder Schlumpf, die noch nie öffentlich ausgestellt wurden.
Ulrich Steudel

Über den Umgang mit Oldtimern wird heftig debattiert. Sollen bei der Restaurierung bevorzugt historisch korrekte Materialien und Arbeitstechniken angewandt werden oder soll dabei die Alltagstauglichkeit der Fahrzeuge im Vordergrund stehen? Die Diskussion über die Restaurierungsethik wird von der Ausstellung in Kassel weiter angestachelt. Denn zu sehen sind Oldtimer in verschiedenster Ausprägung: Manche sind toprestauriert und fahrbar, andere gleichen eher einem Schrotthaufen. Sündhaft teuer sind sie alle.
"Einige der 40 ausgestellten Autos waren seit 80 Jahren unberührt", schwärmt Heinz W. Jordan, der gemeinsam mit Dietrich Krahn 2005 nach mehr als einem halben Jahrhundert das historische Herkules-Bergrennen in Kassel wiederbelebt hat. Den beiden Oldtimer-Enthusiasten ist es gelungen, über ihre Kontakte in die Partnerstadt Mulhouse in die Remise des französischen Nationalmuseums "Cité de l´Automobile" vorzudringen. Was sie dort zu sehen bekamen, lässt das Herz eines jeden Oldtimerfans höher schlagen.
Automuseum in Mulhouse öffnet Archive
Rund 200 historische Fahrzeuge schlummern in den Katakomben der größten Oldtimer-Ausstellung der Welt vor sich hin. "Das Problem einer Sammlung ist es, sie lebendig zu machen", sagt der Chefkonservator des Museums im Mulhouse, Richard Keller. Er war deshalb schnell für die Idee gewonnen, die "schlafenden Automobile" für eine Ausstellung zur 1100-Jahrfeier von Kassel vorübergehend zum Leben zu erwecken.

Und da stehen sie nun, historisch korrekt in einer in den 30er Jahren erbauten Industriehalle der ehemaligen Spinnfaser AG in einem ähnlichen Ambiente, wie sie bei ihren einstigen Besitzern, den Tuchfabrikanten Fritz und Hans Schlumpf, geparkt worden waren.
Der Zustand der Exponate könnte unterschiedlicher nicht sein: Den Hispano Suiza (Baujahr 1933), von dem insgesamt nur 2250 Stück gebaut wurden, haben die Gebrüder Schlumpf 1977 bis auf die Sitze vollständig restauriert. Dagegen zeigt der Geoge Roy (Baujahr 1912) deutliche Spuren der Vergänglichkeit. Bei einigen Fahrzeugen klebt noch der Dreck der Straße unter den Kotflügeln.
Die Patina eines ganzen Jahrhunderts
Exemplarisch für die verschiedenen Erhaltungszustände der Oldtimer wurden zwei Alfa Romeo 6C 1750 GS gegenübergestellt. Einer der Roadster (Baujahr 1931) glänzt in leuchtendem Rot und poliertem Chrom, vom zweiten ist nur noch ein rostiges Fahrgestell übrig.

Die Ausstellung im Kasseler Unternehmenspark trägt die Patina eines ganzen Jahrhunderts Automobilgeschichte. Dass hier die Fragmente des Verfalls nicht verborgen werden, ist bislang einzigartig in der öffentlichen Darstellung von Oldtimern in Deutschland. Die Macher der Ausstellung möchten damit die Diskussion über den Umgang mit den automobilen Kostbarkeiten anregen. Erst vor wenigen Wochen hat sich der Weltverband der Oldtimerclubs auf einheitliche Regeln für die Restaurierung verständigt. Doch während die "Charta von Turin" das Bewahren der historischen Substanz in den Mittelpunkt rückt, steht bei der Vergabe des H-Kennzeichens in Deutschlands die Fahrtauglichkeit bei Einhaltung der Originalität des Fahrzeugs im Vordergrund.
Mit den Narben des Autos leben
Bei Heinz W. Jordan hat im Vorfeld der Ausstellung ein Prozess des Umdenkens eingesetzt. "Früher galt derjenige Oldtimer als der schönste, der am besten restauriert war mit Spaltmaßen wie neu, perfekter Hochglanzlackierung und makellosem Leder. Inzwischen interessieren mich die Macken und Narben eines Autos. Heute würde ich einen Oldtimer nicht komplett restaurieren, sondern den Zustand so gut es geht erhalten", sagt der Diplom-Ingenieur, der seit mehr als 20 Jahren in der Oldtimerszene aktiv ist.
Seite 3: Öffnungszeiten und Eintrittspreise
Öffnungszeiten: 1. Mai bis 31. Juli, Dienstag bis Freitag, 11 bis 19 Uhr, Samstag, Sonntag und an Feiertagen 10 bis 19 Uhr.
Eintritt: 8 Euro, ermäßigt 6 Euro, Kinder bis 12 Jahre haben freien Eintritt
Ort: Unternehmenspark Kassel (UPK), Lilienthalstraße, Tor 1, Halle 19.