Vom Flüchtling zum Schuhmachermeister Zu arm für billige Schuhe

Schuhmachermeister Hedy kam 2009 als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling aus Afghanistan nach Deutschland. Seitdem arbeitet er sich konsequent voran. Sein Ziel ist bereits in Sichtweite.

Schuhmachermeister Hedy Mohammadi in seinem Laden
Roter Hut, passende Weste, gezwirbelter Schnauzer: Wer Schuhmachermeister Hedy Mohammadi in Frankfurt besucht, findet einen Handwerker, der seine Arbeit und die Menschen liebt. Er flickt alte ­Stiefel und Gürtel mit genauso viel Hingabe, wie er Maßschuhe für schmerzende Füße anfertigt. - © Barbara Oberst

Der Name "Hedy" steht überall. Auf Schuhbürsten, unter Schuhsohlen, selbst auf einer Maschine hinten in der schmalen Werkstatt sitzt eine metallene Plakette, die in dezenter, goldener Schrift besagt: Der Besitzer dieser Schuhmacherei heißt Hedy und er macht feine Schuhe. "Ich möchte, dass mein Name bleibt. Bleiben, nicht sterben, verstehen Sie?", fragt Hedy Mohammadi.

Der 30-Jährige steht im kleinen Verkaufsraum seiner Schuhmacherei im Frankfurter Ortsteil Sachsenhausen. Hinter der Theke warten in dunklen Regalen Sandalen, Wander- und Brautschuhe, die Hedy und sein jüngerer Bruder Omid für die Kunden repariert haben. Die eigentlichen Schätze stehen rechts des Eingangs und im Schaufenster: handgefertigte Schuhe aus feinem Leder, von klassisch schlicht bis extravagant.

Schmerzende Füße nach Flucht

Seine Leidenschaft für gute Schuhe entdeckte Hedy, weil ihn die Füße nach 13 Monaten auf der Flucht schmerzten. Mit seinen kritischen Gedanken, seiner Musik und seinen Gedichten war er als Jugendlicher in Afghanistan gefährlich angeeckt, war gekidnappt und misshandelt worden.

Er floh, durchquerte den Iran und die Türkei, kam nach Griechenland und von dort nach Deutschland. Doch seine Einreise war illegal. Drei Monate lang saß er in einer Abschiebezelle in Offenbach, bevor ein Anwalt ihm heraushalf. Der 17-Jährige stellte einen Asylantrag und besuchte die Hochtaunusschule in Oberursel. Nach einem Jahr machte er dort seinen Hauptschulabschluss. "Für einen Sprachkurs hatte ich keine Zeit", sagt Hedy. "Aber ich habe schnell Kontakt zu Deutschen gefunden und viel gesprochen." Es sei ihm klar gewesen, dass er hier nur mit der Sprache Fuß fassen könne. Seine Gabe, Freundschaften zu schließen, half ihm dabei.

Aus Kunden werden Freunde

Viele seiner Kunden und Geschäftsnachbarn sind ihm Freunde geworden. Immer wieder kommt jemand auf ein paar Worte herein. "Der Hut kleidet Sie gut", ruft ihm einer durch die offene Tür zu und deutet auf Hedys auffällige rote Kopfbedeckung. Hedy bedankt sich mit breitem Lächeln und schwärmt: "Wir sind hier fast wie eine Familie." Eine Woche Zeit hatte er sich 2017 genommen, um die Nachbarschaft im Sachsenhausener Kneipenviertel zu erkunden, war von Laden zu Laden gegangen, um die Inhaber kennenzulernen und wusste schnell: Hier würde er seine Schuhmacherei eröffnen. Mittlerweile ist ihm das Viertel Heimat geworden und seit vergangenem Jahr hat er auch die deutsche Staatsbürgerschaft.

Ein älterer Herr kommt in den Laden, an den Füßen Sportschuhe, die Hedy für dessen unterschiedliche Beinlängen und die problematischen Füße angepasst hat: "Wie Pantoffeln sind die jetzt, ich laufe wie von allein", lobt der Kunde. Hedy strahlt. "Natürlich muss ich Geld verdienen, ich muss ja Miete bezahlen und leben. Aber die Freude der Kunden ist mir wichtiger."

Wissen über Füße von Schuhmacher-Meistern aufgesogen

Sein Wissen über handwerkliche Technik, Design und Orthopädie verdankt Hedy einigen Meistern, vor allem aber Johann Ludwig. Der Lehrer an der Berufsschule erkannte schon in den ersten Wochen von Hedys Ausbildung dessen Lerneifer und besondere Begabung für das Schuhmacherhandwerk. Also förderte er ihn intensiv – bis zum Meisterbrief. "Das war ein richtiger Künstler. Bei ihm habe ich in einer Woche Dinge gelernt, für die man in der Schule sonst zwei Jahre braucht", sagt Hedy voller Wärme für den 2021 verstorbenen Ludwig.

Jeden Cent sparte Hedy in dieser Zeit, um die Meisterschule besuchen zu können. Anfangs wohnte er noch in der Flüchtlingsunterkunft, lernte trotz nächtlichen Lärms in der beengten Umgebung und er verlor sein Ziel auch nicht aus den Augen, als er gesundheitliche Probleme bekam. Sieben mal wurde er operiert, dann machte er seinen Meister fertig. "Ich wollte so viel wie möglich lernen und auf meinen eigenen Füßen stehen." 2017 eröffnete er sein Geschäft in der Wallstraße. "Schuhmacherei Hedy" steht in großen Lettern am Schaufenster; den vollen Namen "Hedayatullah Mohammadi" kennt kaum einer.

Arbeit besser als Urlaub

Ein Kunde in Flipflops kommt herein und fragt, ob Hedy über den Sommer schließen würde. Hedy verneint. "Die Arbeit macht mir so viel Spaß, das ist für mich der beste Urlaub. Es ist anders herum. Manche Kunden nehmen Urlaub, um zu mir zu kommen." Eine Australierin habe extra vier Wochen Deutschland gebucht, um bei ihm Schuhe in Auftrag geben zu können. Hedy nahm Maß, stellte die Leisten her und präsentierte der Kundin vor ihrer Rückreise ein Probemodell. Den eigentlichen Schuh bekommt sie per Post, denn der Entstehungsprozess vom Maßnehmen bis zum fertigen Schuh dauert mehrere Monate.

Auch am Wochenende ist Hedy oft im Laden und tüftelt an schwierigeren Aufträgen. Ausgleich hat er trotzdem. Manchmal komme ein Freund vorbei, mit dem er im Laden zusammen musiziert. Eine Gitarre und ein Saxophon zeugen davon. Drei mal die Woche geht der 30-Jährige zum kickboxen. "Das ist ein guter Sport, man benutzt den ganzen Körper – und der Trainer ist mein Freund."

Zu arm für billige Schuhe

Kontakte zu Menschen sind für Hedy das A und O. In seinem Freundeskreis helfe man sich gegenseitig, und auch bei seinem alten Chef schaut er alle paar Wochen auf einen Kaffee vorbei. Mit neuen Kunden redet Hedy schnell vertraut. Sie kommen aus Frankfurt zu ihm und aus der ganzen Welt. Etwa alle zwei Wochen fragt jemand nach Maßschuhen; mal Kunden, die sich eine Maßanfertigung aus seltenem Fischleder für 13.000 Euro gönnen, mal Menschen mit Schmerzen. "So viele Probleme hängen mit den Füßen zusammen", betont Hedy; nicht nur orthopädische Einschränkungen, auch Hautprobleme seien oft die Folge von Giften im Schuhwerk. Dann lächelt Hedy: "Ein Kunde sagte kürzlich zu mir, ’Ich bin so arm, ich kann mir keine billigen Schuhe leisten.’" Und das sei richtig. Seine Schuhe seien nachhaltig, er könne sie immer wieder reparieren und auch die Optik vollständig verändern. Für Interessenten, die mit einem Auto für 80.000 Euro bei ihm vorfahren, denen aber 2.500 Euro für ein Paar gute Schuhe zu teuer scheinen, hat er kein Verständnis. "Ihre Füße müssen sie doch bei allem tragen, ein ganzes Leben lang!"

Auf eigenen Füßen stehen

Die Schuhe hätten sein Leben gerettet, sagt Hedy heute. "Ich stehe hier als Schuhmacher auf meinen eigenen Füßen. Und ich kann andere auf ihre eigenen Füße stellen", sagt er stolz. Sein jüngerer Bruder hat bei ihm die Schuhmacherausbildung gemacht. Er wird die kleine Schuhmacherei in der Wallstraße führen, wenn Hedy demnächst expandiert. Derzeit richtet er Räume für eine Manufaktur ein, mit der er handgemachte Schuhe aus Frankfurt unter seinem Namen herstellen möchte.

Zwei ausgelernte Schuhmachergesellen und ein frischer Meister werden mit von der Partie sein, wenn Hedy damit seinem Ziel näher kommt: "Ich möchte, dass die Menschen gut über mich sprechen, über das, was ich für sie getan habe; so wie ich heute über meinen Lehrer Herrn Ludwig spreche. Ich möchte, dass mein Name bleibt."