TV-Kritik Junge Handwerker in traditionellen Berufen

In der ZDF-Reportage "Altes Handwerk, junge Meister" werden ein Hufschmied, ein Metzger und eine Tischlerin vorgestellt. Alle drei versuchen, ihren Gewerken einen moderneren Anstrich zu geben, ohne dabei die althergebrachten Traditionen zu vergessen, und sie haben damit Erfolg.

Die jungen Metzger von "Kumpel&Keule" geben in der ZDF-Reportage "37 Grad" Einblicke in ihren Berufsalltag. - © Screenshot - ZDF Mediathek

Von Schul-Durchschnittsnote 5,6 zum kreativen Metzgermeister? Das hat Jörg Fostera geschafft. Ihm sei in der Schule noch ein Leben als "Sozialhilfeempfänger" in Aussicht gestellt worden. Dann jedoch gab ihm sein heutiger Altmeister eine Chance, weckte die Begeisterung für das Metzger-Handwerk in dem jungen "Schulversager". Er brach für die Lehre die Schule nach der neunten Klasse ab. Die Gesellenprüfung schaffte Fostera dann schon mit einer eins, holte noch das Abitur nach und absolvierte die Meisterschule. Heute leitet er den Betrieb "Kumpel&Keule" in Berlin als, wie es in der Reportage heißt, "einer der erfolgreichsten Metzger Deutschlands". Nachwuchssorgen hat er nicht, denn sein Unternehmen läuft und bietet auch jungen Kräften ein Umfeld, in dem sie sich wohl fühlen und ihren Job mit Stolz ausüben können.

Stolz ist das Wichtigste

Überhaupt, der Stolz: er spielt in dem Beitrag im Rahmen der ZDF-Reportagereihe "37 Grad" eine wichtige Rolle. Stolz auf die eigene Arbeit als Handwerker, auf das im Leben Erreichte. Die Reportage zeigt anschaulich, wie auf dieser Basis aus Stolz und guter Arbeit auch Erfolg gedeihen kann. Dafür bedienen sich die ZDF-Redakteure eher einer sachlich-nüchternen Bildsprache, zeigen Arbeitsabläufe und das Alltagsleben der Protagonisten. Sie verfallen zu keiner Zeit in blumige Worte oder verkünstelte Bilder, lassen die Farbwelten der unterschiedlichen Gewerke für sich sprechen. Ein wenig mehr an künstlerischem Ehrgeiz hätte es durchaus sein dürfen bei diesem doch sehr emotionalen Thema. Gelungen ist die Reportage dennoch auf jeden Fall.

Verschiedene Gewerke, unterschiedliche Farbwelten

Sind es eher die kühlen Farben, die in der Metzgerei vorherrschen, so dominieren bei Tischlerin Johanna Röh aus dem niedersächsischen Alfhausen die warmen Rottöne. Die junge Handwerkerin hat sich auf aufwändige Möbelstücke spezialisiert. Sie stellt zusammen mit ihrem Azubi Unikate her, die schon mal sechsstellige Summen kosten können. Weltweit auf der Walz ausgebildet, lernte sie, sich in einer Männerdomäne durchzusetzen - und hat mit ihrem Konzept Erfolg. Ein Kunde möchte das Profil des Jakobswegs in seine Schrankwand integriert haben, und Röh setzt das um. Da wird zunächst skizziert, dann dreht sich die Kreissäge. "Da steckt viel Arbeit und Zeit drin, deshalb hoffe ich, dass der Kunde damit dann auch zufrieden ist", sagt Röh, und der Zuschauer merkt, dass es das Wohlergehen ihrer Auftraggeber und deren Wertschätzung für die Handwerksarbeit sind, die der Tischlerin den Antrieb geben, immer weiter zu machen. Das klingt ziemlich banal, aber das Leuchten in den Augen der jungen Frau zeigt, dass es das beileibe nicht ist, sondern den inneren Antrieb darstellt, den Beruf mit Spaß und Freude auszuüben.

Wenn der Hufschmied den Tierarzt ersetzt

In einem sehr klassischen Gewerk ist Hufschmied Georg Stinauer aus Moosach bei München zu Hause. Er hilft Pferden und deren Haltern weiter, auch wenn Tierärzte schon ratlos sind. So diagnostiziert er bei einer Kundin, dass die Rückenschmerzen ihres Pferdes von falschen Hufen kommen. Die Modernisierung des uralten Berufs ist Stinauer ein großes Anliegen. Er stellt deshalb Hufe nach Maß her, die im besten Fall auch schon vorhandene Beschwerden bei Pferden wieder kurieren können. Der Handwerker als Tierarzt-Ersatz - mit dem entsprechenden Konzept und großer Erfahrung lässt sich also auch das bewerkstelligen. "Das Pferd kommt mit einer gewissen Schuhgröße auf die Welt", bringt es Stinauer anschaulich auf den Punkt. "Es wächst dann, und wir machen die Schuhgröße jetzt wieder passend. Zu kleine Schuhe sind nichts, zu große Schuhe sind nichts." Auch hier klingt es vermeintlich banal, was der Handwerker als Grundlage für seine Arbeit ausspricht - aber Hufe "von der Stange" führen eben dazu, dass die Tiere Haltungsschäden entwickeln. Er selbst sagt, dass er "körperlich immer gut ausgelastet" sei, deshalb gut schlafe und so wiederum wenig Schlaf benötige. In der Werkstatt stellt er Eisen selbst her, fünf Achtel Eisen, drei Achtel Kunststoff. Seit Jahren hatte er keinen Urlaub, er brauche ihn aber auch nicht, tüftele lieber am perfekten Hufeisen.

Nicht nach dem schnellen Geld gieren

Die Kamera-Einstellungen der Reportage sind auch hier sehr sachlich, sehr nah an den handwerklichen Arbeitsschritten. Die Interviews bestechen mit kurzen, aber inhaltsreichen Aussagen. "Wenn man es mal erfahren hat", sagt Stinauer mit Blick auf seine Arbeit mit Tier und Mensch, "dann ist das viel schöner als zu studieren". Ich glaube, viele wollen einfach ein schnelles Geld verdienen, aber das ist heutzutage nicht mehr. Dann mache ich lieber das, was ich gerne mache." Die ZDF-Redakteure bringen an dieser Stelle einige Fakten zum fehlenden Nachwuchs im Handwerk, verglichen mit stetig steigenden Studentenzahlen, und schlagen dann wiederum den Bogen zur Tischlerin Röh, die ihren eigenen Lehrling ausbildet.

Modernes Handwerk – eigentlich sehr konservativ

Genau wie der junge Metzger Jörg Fostera. Bei ihm arbeiten die Azubis offenbar mit Freude an ihrem Handwerk. Was am Ende des Jahres vom Gewinn übrigbleibt, wird zu gleichen Teilen an alle Mitarbeiter ausgeschüttet. Fostera hat eine moderne Arbeitswelt in seiner Metzgerei kreiert, die auch den Nachwuchs anzieht, und er kümmert sich etwa vor Prüfungen auch selbst um seine Lehrlinge und begutachtet deren Ausbildungsstand.

Dabei hat er für alles eine klare grundsätzliche Herangehensweise entwickelt, die er anschaulich so zusammenfasst: "Handwerker müssen auch einen gewissen Stolz wieder entwickeln für ihren Berufsstand. Also auch klar sagen: Ich bin Metzger und ich bin Metzger, weil ich gerne Metzger bin."

Das gilt, in gänzlich anderen Gewerken, aber dennoch analog, auch für Tischlerin Johanna Röh und Hufschmied Georg Stinauer. Sie alle haben es geschafft, ihr Handwerk, ihre Betriebe in die Moderne zu führen, ohne dafür aktuellen Moden nachzugeben, sondern mit dem guten alten Fokus auf Qualität und die althergebrachten Techniken ihrer Gewerke. Und das ist – bei aller Modernisierung – dann doch schon wieder auch eines: Ziemlich konservativ im besten Sinne.

Hier geht es zum Beitrag "Altes Handwerk, junge Meister" in der ZDF-Mediathek.