Interview mit Helmut Bramann vom ZVSHK SHK-Branche: "Wir haben es geschafft, einen Trend zu drehen"

Unrealistische Erwartungen an die Wärmepumpe und viele ungelöste Fragen: Darüber spricht Helmut Bramann, Hauptgeschäftsführer des Zentralverbands Sanitär Heizung Klima, im DHZ-Interview. Ebenso über die eigene Stärken und den großen, aber noch immer nicht ausreichenden Erfolg der Nachwuchskampagne.

Helmut Bramann
Helmut Bramann ist Hauptgeschäftsführer des Zentralverbands Sanitär ­Heizung Klima. - © Christoph Papsch - www.christoph-papsch.com

Herr Bramann, wie sehr berührt Sie der Krieg, abgesehen von den ­Preisen?

Helmut Bramann: Natürlich bewegt der Krieg mich persönlich sehr, aber auch unsere Branche ist massiv betroffen. Ich selbst bin in mehreren Krisenstäben unterwegs. Erst recht mit dem Massaker in Butscha droht verschärft ein Energieembargo. Damit müssen wir uns auseinandersetzen.

Ein entscheidender Punkt ist die Unabhängigkeit von russischen Energielieferungen. Wie beurteilen Sie die Initiativen der Regierung, speziell das Osterpaket?

Das Kabinett hat beschlossen, die Regelung zur Heizungsmodernisierung, wonach mit einem Anteil von 65 Prozent an erneuerbaren Energien geheizt werden muss, vorzuziehen. Die Rahmenbedingungen stehen dafür allerdings nicht fest. Inzwischen ist klar, was als Osterpaket kommt. Das Gebäudeenergiegesetz wird nicht dazugehören. Dazu bedarf es auch der Ressortabstimmung mit dem Bauministerium, was offenbar nicht so einfach zu handhaben ist. Die Rahmenbedingungen dieser Koalitionsvereinbarung, die jetzt nochmal um ein Jahr vorgezogen wurde, sind uns nicht bekannt.

Wo sehen Sie Stolpersteine?

Bei den 65 Prozent erneuerbaren Energien für modernisierte Heizungen stellt sich die Frage, wie das kontrolliert wird, wie das nachgewiesen werden kann und mit welchen Systemen und Energieträgern das überhaupt möglich ist. Das können Sie mit Pellets oder Biogas schaffen, aber das gibt es nicht in rauen Mengen. Mit den Gas-Hybrid-Systemen im weitesten Sinne geht es nicht, weil auch die Fernwärme häufig diesen erneuerbaren Anteil nicht schafft, wenn sie zum Beispiel auf Kohlekraftwerken basiert. Das Gleiche gilt im Übrigen auch für die Versorgung mit Wärmepumpen. Wir sind momentan bei einem Anteil von etwas über 40 Prozent an erneuerbaren Energien Stromerzeugung im Schnitt.

"Gerade in den Wintermonaten sind die erneuerbaren Energien überhaupt nicht in der Lage, genug grünen Strom zu liefern."

Verspricht sich die Politik also zu viel von der Wärmepumpe?

Gerade in den Wintermonaten, wenn der Wärmebedarf ja tatsächlich massiv steigt, sind die erneuerbaren Energien überhaupt nicht in der Lage, genug grünen Strom zu liefern. Im Gegenteil, die Produktion, zum Beispiel bei Photovoltaik, ist dann rückläufig. Mit anderen Worten: Man braucht irgendwelche gesetzlichen Übergangsregeln, die zum Beispiel den Strom als komplett erneuerbar produziert erklären, obwohl das überhaupt nicht der Fall ist. Das wäre sicher fragwürdig, aber ansonsten steht das Handwerk derzeit vor der Frage, was es dem Endkunden überhaupt empfehlen soll?

Was heißt das dann aber für die Kunden?

Gerade weil die Rahmenbedingungen nicht feststehen, fürchten wir, dass die Kunden abwarten werden, trotz der Verschärfung der Russland-Krise. Viele werden ihre alten, ineffizienten Heizungsanlagen weiterlaufen lassen.

Wird der Preisdruck kein Um­­denken erzeugen?

Doch, aber neben der Unsicherheit darüber, was das beste Heizungssystem ist, kommt das Thema Lieferprobleme dazu. Das betrifft die Wärmepumpe ganz besonders. Die Anfragen nach auf Wärmepumpen basierten Systemen sind sprunghaft gestiegen. Ohne entsprechende Rahmenbedingungen ist nicht klar, ob ein Betrieb tatsächlich regelkonform mit 65 Prozent Erneuerbaren möglich ist. Die Stromversorgung wäre bei einem massiven Anstieg der Wärmepumpe nicht gewährleistet. Womöglich müsste man Atomstrom aus Frankreich dazukaufen. Das sind alles offene Fragen, die schon beim Kunden ankommen. Der Handwerker braucht aber eine gute Story, um was Vernünftiges verkaufen zu können, und er möchte es ja auch ehrlich und guten Gewissens tun.

"Ich würde mir wünschen, dass man den Lösungsraum für Modernisierungsmöglichkeiten nicht zu sehr verengt."

Wie würden Sie sich Rahmenbedingungen für eine Wärmewende vorstellen?

Vorab muss ich einen ganz wichtigen Aspekt ansprechen, der jedoch auf die Frage vernünftiger Rahmenbedingungen einzahlt. Das sind die Montagekapazitäten. Können wir das überhaupt umsetzen, was politisch vorgegeben wird? Sind wir in Deutschland in der Lage dazu, beispielsweise bis 2030 sechs Millionen Wärmepumpen einzubauen, wie es Herr Habeck im Januar vorgeschlagen hat? Allein dafür bedarf es zusätzlich 60.000 Monteure im Jahr, denn wir können ja auch nicht alle anderen Aufgaben, wie etwa eine Badmodernisierung, vernachlässigen. Eine Wärmepumpe einzubauen, ist doppelt so zeitaufwändig wie etwa ein simpler Kesseltausch. Deswegen würde ich mir wünschen, dass man den Lösungsraum für Modernisierungsmöglichkeiten nicht zu sehr verengt, sonst kriegen wir ein Klumpenrisiko. Das haben wir beim Gas aus Russland leider so gemacht und jetzt fangen wir das Gleiche beim Strom an.

Was ist die Alternative?

Am Ende wird es Wasserstoff sein, weil es der einzige erneuerbar erzeugbare und auch lagerbare Energieträger ist, mit dem wir diese Diskrepanz, ausgleichen können. Wir werden im Winter nicht über Windräder allein und schon gar nicht über Solar­anlagen Verbrauchsspitzen im Wärmebedarf in Deutschland abdecken können. Die Nachfrage ist dreimal so hoch wie die Erzeugungskapazität insgesamt derzeit im erneuerbaren Strombereich. Das sind für mich ungelöste Fragen.

Mit anderen Worten: Die Wärmepumpe sollte eine Lösung unter vielen bleiben. Würde sie denn überhaupt überall reinpassen?

Die Technik eignet sich fast überall. Sie müssen allerdings den Energieverbrauch beachten. Im Winter wird der Stromverbrauch exorbitant steigen und damit natürlich auch die Stromrechnung. Frankreich wird oft als Vorbild genommen. Allerdings sind dort die Stromkosten deutlich geringer. Der Strom kommt aus Atomkraftwerken und wird auch nicht großartig besteuert. Deswegen wird selbst in Südfrankreich mit Wärmepumpen geheizt. Das taugt allerdings nicht als Vorbild für uns.

"Seit über 30 Jahren bauen wir verstärkt Gasheizungen ein. Jetzt sagen wir auf einmal: Das ist böse."

Derzeit werden hauptsächlich Gasheizungen verkauft, 650.000 im vergangenen Jahr. Warum hinkt die Wärmepumpe so weit hinterher?

Vor zwei Jahren erst wurde die Förderlandschaft angepasst. Die Politik hat dabei voll auf Gashybrid gesetzt, bis ins letzte Jahr rein. Über 50 Prozent der geförderten Systeme sind Gasbasiert. Was wir derzeit erleben, ist also disruptiv. Das Heizungshandwerk und seine Kunden sind nicht darauf vorbereitet. Seit über 30 Jahren bauen wir verstärkt Gasheizungen ein, seit zehn Jahren intensiv beworben durch die Bundesregierung, zuletzt sogar massiv gefördert. Jetzt sagen wir auf einmal: Das ist böse.

Das heißt, Sie würden sich auch gegen ein Verbot von Öl- und Gasheizungen aussprechen?

Also ich würde mich dafür aussprechen, dass wir in beiden Bereichen einen generischen Pfad erzeugen, der neben dem Hochlauf erneuerbar erzeugten Stroms einen Hochlauf von synthetisch erzeugten flüssigen Brennstoffen bietet und die molekülbasierte Umstellung von Erdgas auf Wasserstoff ermöglicht. Das wird bislang nicht aufgebaut. Ich bin der Überzeugung, dass wir das eher hinkriegen, als so schnell allein auf erneuerbar erzeugten Strom umzustellen.

Aber von Öl würden Sie sich schon verabschieden?!

Wir müssen uns perspektivisch sowohl von Erdgas als auch von Öl verabschieden, je schneller, desto besser. Das kann man nur nicht von oben verordnet mit irgendwelchen Jahresfristen machen, weil man von der Basis her denken muss: Wie baue ich die alternative Energieversorgung auf und wie setze ich die Modernisierungsmaßnahmen im Netz wie auch in der Heizsystematik um? Das braucht Kapazitäten und das ist das, was bislang zumindest weder in der Koalitionsvereinbarung noch in den Aussagen der Ministerien spürbar verankert ist. Wir tragen das kontinuierlich in die Politik und langsam entsteht das Verständnis dafür.

"Es ist noch viel wichtiger, dass wir dem Handwerker vermitteln, dass die Wärmepumpe ein gutes Geschäftsmodell für ihn ist."

Die Betriebe haben selbst Nachholbedarf, was die Wärmepumpe angeht. Wie können Sie sich Unterstützung vorstellen?

Ich sehe nicht nur technischen Nachholbedarf. Das Thema ist über Jahre nicht transportiert worden, weil andere Heizsysteme im Vordergrund standen. Es wäre so eine Art Grundlagenvermittlung nötig. Es ist aber noch viel wichtiger, dass wir dem Handwerker vermitteln, dass die Wärmepumpe ein gutes Geschäftsmodell für ihn ist. Aber in der gesamten Gebäudesystematik die Leistungsfähigkeit einer Wärmepumpe zu definieren, ist äußerst schwierig. Viele Angebote, die derzeit auf das Handwerk zurollen, werden auch deshalb nur sehr zögerlich bedient, weil sie zu pauschal kommen. Viele Interessenten bräuchten statt eines pauschalen Angebots vorher eine Planungsleistung. Im Neubau ist die Wärmepumpe gesetzt. Aber im Altbau muss der Betrieb sehr viele Rahmenbedingungen bedenken. Der Handwerker kann hier keine Wirtschaftlichkeitsversprechen abgeben, wie er das bei einem einfachen Kesseltausch machen konnte.

Können Sie diese Weiterbildungsnachfrage selbst decken im Verband?

Das machen wir derzeit mit Kooperationspartnern, wie zum Beispiel verschiedenen Herstellern. Wir haben mit dem Bundesverband Wärmepumpe eine Schulung aufgestellt. In einem Pilotprojekt versuchen wir, bis zum Sommeranfang eine breite Schulung aufzubauen, die eben beides umfasst, Vermittlung des Geschäftsmodells wie auch technische Grundlagenschulung. Nur wenn beides da ist, wird der Betriebsinhaber sagen: Okay, ich stelle darauf um, ich biete das mit an. In Berlin wird sogar überlegt, eine Halle am Tempelhofer Feld anzumieten. So etwas geht in Städten. Für eine Verbreitung in der Fläche brauchen wir Unterstützung. Der Staat sollte unser Berufsförderungswerk unterstützen, das dann bundesweit solche Aktionen koordiniert.

Wo sehen Sie weitere Ansätze?

Wir müssen – und das ist der zweite Aspekt – von den hohen Montagezeiten im Wärmepumpenbereich runter, und das muss auch die Industrie. Das heißt, wir analysieren derzeit auch in Forschungsvorhaben, unterstützt von der Bundesregierung, wie die Montage in der Praxis läuft. Es geht um die Frage, wie wir Montage- und Produktionsaktivitäten optimieren können? Bei uns werden die einzelnen Teile für die Wärmepumpe noch mit Rollwagen durch die Werkhallen geschoben. Es gibt also belegbare Beispiele für Optimierungspotenzial, das allerdings erst gehoben werden wird, wenn die Stückzahlen tatsächlich massiv hochgehen.

"Wir sollten uns Gedanken machen, wo denn unsere eigenen Qualitäten liegen."

Das heißt also, wir hinken gegenüber anderen Ländern hinterher?!

Die Wärmepumpentechnologie ist keine deutsche Technik. Wir fahren sie bei uns gerade erst hoch. In Asien dagegen ist sie schon lange gang und gäbe. Deswegen sollten wir uns aber auch mal Gedanken machen, wo denn unsere eigenen Qualitäten liegen. Unsere Unternehmen sind bei molekülbasierten Heiztechnologien führend. Wenn diese auf Wasserstoff umgestellt würden, könnten sie ein Exportschlager werden. Stattdessen beschneiden wir uns selbst für den Wärmemarkt und legen damit eine ganze Industrie lahm, die zum Beispiel die H2-Readiness-Geräte entwickelt hat. Die hat sonst keiner. Ich glaube, es würde dem Standort Deutschland guttun, wenn man technologieoffene Ansätze weiterverfolgt.

Sie haben es eben angedeutet. Allein die schiere Masse an Umbauten berührt die Fachkräfte- und Nachwuchsfrage insgesamt. Wie gut kommt man an Nachwuchs?

Wir haben derzeit Abbrecherquoten von bis zu 35 Prozent einzufangen. In manchen Regionen ist das jedoch schwer, weil es keine Ansprechpartner gibt, die die frustrierten Jugendlichen wieder zurückholen und vielleicht nochmal anders vermitteln, damit sie in der Branche bleiben. Es gibt einzelne Leuchtturmprojekte, allerdings nicht in der Fläche. Auch hier erleben wir: Die Ministerien sind häufig schon sehr schnell am Ende mit ihrem Latein, aber bei den immer enger werdenden Zielen müssten Mittel auch mal schnell bereitgestellt werden können.

"Die Bundesregierung sollte mehr gegen zu viel Akademisierung unternehmen."

Trotz der Abbrecherquote haben Sie im vergangenen Jahr die Zahl der Auszubildenden nochmal gesteigert. Meinen Sie, da ist noch mehr drin?

Wir haben es mit der branchenbezogen größten Einzel-Nachwuchskampagne im gesamten Handwerk geschafft, einen Trend zu drehen. Der Anlagenmechaniker SHK hat ein hochkomplexes Aufgabenfeld, zählt als Klimaschützer und ist derjenige, der generationengerechtes Wohnen ermöglicht. Diese positive Besetzung ist uns in großen Teilen gelungen, und das hat dazu geführt, dass wir Zuwächse haben. Die reichen aber keinesfalls aus.

Wo könnte man noch ansetzen?

Die Bundesregierung sollte mehr gegen Fehlallokationen unternehmen, zum Beispiel gegen zu viel Akademisierung. Förderung sollte zum Beispiel im gleichen Rahmen für das Handwerk ausgerollt werden, zumindest für die Berufe, für die Steuerung nötig wäre, also die klimaschutzrelevanten Handwerksberufe.

Sie sprachen die Abbrecherquote an. Lassen sich die jungen Leute halten, wenn die Ausbildung erleichtert würde, eine Ausbildung light etwa?

Also ich denke, der Geselle muss der Geselle bleiben. Über die Inhalte muss man sich unterhalten, aber unterhalb von dreieinhalb Jahren Ausbildung wird es nicht funktionieren, denn sie müssen die Schwerpunkte vermitteln, die zunehmend auch technologische Aspekte haben. Also ich glaube, wir müssen eher darauf schauen, dass wir noch eine andere Klientel an Jugendlichen für uns gewinnen.