Metaller-Präsident Willi Seiger über schwierige Motivation in Krisenzeiten, fehlende Wertschätzung durch die Politik und die Frage, inwieweit die Wirtschaft verpasste Bildung und Erziehung ausgleichen sollte.
Sie haben sich eine Auszeit genommen mit einer fünfwöchigen Motorradtour. Stress und Hektik sind mit den latenten Krisen, dem Krieg, der Flaute und unsinnigen Gesetzesvorhaben schnell wieder da. Wie motivieren Sie sich jeden Tag und vor allen Dingen ihre Mitarbeiter?
Willi Seiger: Schwierig. In erster Linie motiviert mich das Produkt, das wir herstellen und auch unser Gewerk, weil es interessant ist und wir kreativ tätig sind. Wir konstruieren, wir entwickeln Maschinen, arbeiten mit unseren Produkten. Menschen sind begeistert von unseren Produkten, aber kritisieren uns auch dafür. Das versuchen wir positiv aufzunehmen als Ansporn zur Verbesserung. Das Ganze übertrage ich auch auf meine Verbandstätigkeit. Auch hier zählt meine Leidenschaft für unser Gewerk. Ich kommuniziere gerne mit Menschen, höre mir ihre Ideen an und überlege, wie man sie für eine breite Masse im Verband nutzbar machen kann. Das sind alles Dinge, die mich motivieren.
Was wäre das im Moment?
Dem Thema Klimawandel und Klimaschutz stehe ich zum Beispiel offen gegenüber, aber ich mache mir meine eigenen Gedanken und mahne dabei immer an, nicht irgendwelchen Propheten hinterherzulaufen, die ihre Ideologie verbreiten wollen. Wir müssen selber denken. Das gilt sowohl für meine Firma als auch für den Verband. Alles, was wir im Unternehmen gut gebrauchen können, lässt sich auch im Verband weitergeben.
"Ich sehe uns oft ein bisschen als Old Economy in die Ecke gedrängt."
Was bereitet Ihnen denn als Unternehmer die größten Sorgen?
Die größten Sorgen bereitet mir die derzeitige Politik. Die ist nicht mittelstandsfreundlich. Ich sehe uns im Metallhandwerk als Rückgrat der produzierenden Wirtschaft oft ein bisschen in die Ecke gedrängt als Old Economy, die man nicht mehr braucht und auch nicht mehr fördert. Das verunsichert und macht mich nervös. Bei vielen Themen wird über unseren Kopf hinweg entschieden. Die Dienstleistungsgesellschaft nützt uns nur insoweit etwas, solange es Unternehmen gibt, die Dinge mit einem Wert produzieren. Das zweite, was mir wirklich Sorgen macht, ist die Ausblendung wirklicher Probleme – Beispiel Fachkräftebedarf. Wie eklatant der ist, war schon vor vielen Jahren erkennbar. Das wurde auch damals schon in Innungsversammlungen und Verbandssitzungen gepredigt, hat dort aber kein Gehör gefunden. Es ist menschlich, dass Probleme immer erst dann präsent sind, wenn sie uns erreicht haben. Das Problembewusstsein entsteht aber erst jetzt.
Deswegen werben doch alle vermehrt um Jugendliche.
Dass wir jetzt mehr junge Menschen für unsere Gewerke rekrutieren können, halte ich für eine wirklich große Herausforderung. Betriebe und Verbände intensivieren in hohem Maße ihre Angebote für Auszubildende. Der Vorteil des Einzelnen ist aber schnell dahin, wenn das Besondere zum Standard wird. Ob all die Maßnahmen unterm Strich dazu führen, dass wir mehr Menschen in unser Gewerk bekommen, ist bei aller Anstrengung derzeit nicht absehbar.
"Grundsätzlich werden wir das Thema Zuwanderung noch viel dringlicher behandeln müssen."
Woher soll der Nachwuchs sonst kommen?
Begeistern kann man am Ende des Tages nur mit dem Beruf selbst. Um den Bedarf an Fachkräften zu decken, brauchen wir eine gewisse Anzahl an jungen Menschen, aber die haben wir derzeit nicht. Aus dem kleiner werdenden Reservoir jemanden für uns zu begeistern, erfordert auf jeden Fall unser aller Anstrengungen.
Wo kann man sonst ansetzen?
Wir sollten uns fragen, wie wir zielgerecht junge Menschen kriegen, die zum Beispiel in ihren Herkunftsländern überhaupt keine Perspektive haben, weil die Wirtschaft nicht funktioniert. Wir müssen sie unbürokratisch nach Deutschland holen, mit wenig Vorgaben und wenig Hürden. So dass es attraktiv ist, hier eine Berufsausbildung zu machen und vielleicht ein paar Jahre hier zu arbeiten, ohne großen Aufwand. Die Zuwanderung ist das Thema Nummer eins. Da werden auch in unserem Metallhandwerk, noch einige umdenken müssen. Das ist auch nicht schlimm. Aber grundsätzlich werden wir das Thema noch viel dringlicher behandeln müssen.
Gerade jetzt stehen dem Thema Zuwanderung aber viele doch sehr skeptisch gegenüber.
Da muss man differenzieren. Für Leute ohne Bleibeperspektive, die aus rein wirtschaftlichen Gründen zu uns gekommen sind, werden Sie in der Wirtschaft wenig Verständnis finden. Ich rede von einer gezielten Zuwanderung. Kanada zum Beispiel hat ein sehr gutes Punktesystem, das für jeden transparent ist. Die neue Gesetzesvorlage der Regierung zur Zuwanderung hat leider eine Vielzahl bürokratischer Hürden, die es in Kanada nicht gibt und die wieder dazu führen werden, dass es bei uns unattraktiv ist. Wir brauchen mehr pragmatische Lösungen. Wir hätten auch keine Probleme damit, zum Beispiel in unseren handwerklichen Bildungsstrukturen Deutschkurse anzubieten. Die Diskussion habe ich in Berlin mit dem Bundeswirtschaftsministerium geführt. Das kann man durchaus auf uns verlagern, wenn es denn die Politik nicht schafft.
"Wir haben einen anderen Auftrag, als versäumte Erziehung oder Bildung nachzuholen."
Muss man sich nicht trotzdem auch verstärkt um die Schulabgänger ohne Abschluss und junge Menschen ohne Ausbildung kümmern?
Es gibt einige in der Politik, die der Meinung sind, dass die Wirtschaft die jungen Menschen, die im System ohne Abschluss bleiben, rekrutieren und aus ihnen Facharbeiter machen sollte. Das wird uns nicht gelingen. Das Metallhandwerk ist technologiegetrieben, wir fertigen digital und brauchen Kompetenzen in den MINT-Fächern. Und wir haben als Wirtschaftsunternehmen einen anderen Auftrag in der Gesellschaft, als versäumte Erziehung oder Bildung nachzuholen. Wir machen in unserem Betrieb die Erfahrung, dass wir Schulabgänger, die bei uns den Eignungstest nicht schaffen, kaum oder gar nicht durch die Ausbildung bringen.
Gibt es denn bei Ihnen überhaupt genug Bewerber?
Für unser Unternehmen gibt es die durchaus. Aber wir führen jedes Jahr Tests durch und wir haben in den letzten fünf Jahren unsere Stellen nicht mehr vollständig besetzen können, seit zwei Jahren haben wir gar keinen Azubi mehr eingestellt. Auch bei Jungen und Mädchen mit qualifiziertem Realschulabschluss sind die Leistungen vielfach zu schwach.
Da wünscht sich der ein oder andere vielleicht mehr Einfluss auf die Politik, zum Beispiel im Bereich Bildung. War das auch für Sie Motivation, Präsident zu werden?
Ich agiere ein bisschen bescheidener. Wir sind ein Verband mit einer gewissen Größe und Ausstrahlungskraft. Eine Vielzahl von ganz unterschiedlichen Gewerken bringt tolle Leistungen. Wir haben Betriebe, die für die Luft- und Raumfahrtindustrie arbeiten oder für den Automotivebereich. Wir haben Betriebe, die in Dimensionen arbeiten, die der Laie gar nicht kennt. Bei so vielen Besonderheiten und Spezialitäten, fehlte mir die starke Stimme, die das nach außen deutlich gemacht hat. Die Imagekampagne fürs Gesamthandwerk ist toll. Das hat sicherlich zum Umdenken in der Branche geführt, für unser Metallhandwerk mit seinen besonderen Ausprägungen müssen wir darüber hinaus eigene Akzente setzen.
"Viele Betriebe sind wirklich unzufrieden mit der derzeitigen Politik."
Was kann der konkrete Nutzen für die Betriebe sein?
Mir liegt daran, ein bisschen stärker politische Entscheidungen aufzugreifen und deren Auswirkungen auf unser Gewerk deutlich zu machen. Ein Beispiel ist das Thema Normen. Das ist so umfangreich und hat so viel Einfluss, dass wir schauen müssen, ob wir das europaweit abgefedert bekommen. Wir wollen auch vermeiden, dass Betriebe von so etwas kalt erwischt werden. Das geht nur, indem man regelmäßig und offensiv Informationen verteilt, die angenommen werden. In dem Bereich können wir eine ganze Menge machen. Was die Arbeit direkt in der Politik angeht, sehe ich jetzt noch nicht so den großen Nutzen für unsere Betriebe. Deshalb engagieren wir uns dort intensiver als bislang.
Haben Sie das Gefühl, dass Sie insgesamt stärker durchdringen?
Ich dringe in unseren eigenen Gremien gut durch. Beim Bundesobermeistertag habe ich kürzlich ein sehr positives Echo bekommen. Die Leute haben erkannt, dass sie mit ihren Forderungen Gehör finden.
Wie war die Stimmung?
Ich kann als Meinungsbild mitbringen, dass viele Betriebe wirklich unzufrieden sind mit der derzeitigen Politik. Aus diesem Gremium heraus wurde sogar diskutiert, ob wir uns auch mit Aktionen bemerkbar machen müssen. Statt Worte an die Politik zu richten, werden Taten gefordert.
"Es wurde laut über eine Demonstration oder Plakataktionen nachgedacht."
Was heißt das konkret?
Es wurde laut über eine Demonstration oder Plakataktionen nachgedacht, um auf unsere Probleme aufmerksam zu machen. So dass es gelesen wird und wir uns ein bisschen deutlicher erkennbar geben. Es herrscht der Eindruck, dass uns keiner zuhört.
Haben Sie denn das Gefühl, dass die Politik Ihnen zumindest das Gefühl gibt, dass Sie Ihnen zuhört?
Ich sehe das nicht. Meiner Meinung nach ist das Klammern an der politischen Macht deutlich stärker als der Wille zur tatsächlichen Veränderung. Es bringt uns ja nicht weiter, wenn jeder sagt: "Ja, ich erkenne die Probleme. Das ist wunderbar, dass sie uns das auch noch mal so pragmatisch schildern." Während der Pandemie hatten wir über den ZDH gute Kontakte ins Bundeswirtschaftsministerium. Peter Altmaier hat sich tatsächlich erkundigt, welche Auswirkungen bestimmte Entscheidungen auf kleine oder mittlere Betriebe haben. Beim neuen Bundeswirtschaftsminister haben wir kritisiert, dass die Fachleute nicht mehr zu den Themen befragt werden. Er hat dann versprochen, eine Art Gremium aufzustellen, um das aufzugreifen und sich dieser Themen wieder anzunehmen. Inwieweit das gemacht wird oder nicht, muss man abwarten. Zumindest wurden Handynummern ausgetauscht.
"Uns ist bewusst, dass Politik ein komplizierter Prozess ist. Deswegen setzen wir uns im Bundesverband permanent ein und machen Druck."
Das klingt aber auch so ein bisschen nach Hinterzimmerpolitik.
Es ist doch sinnvoller, wenn die Praktiker vorher zu bestimmten Ideen befragt werden. Ob zum Beispiel ein KfW-Darlehen hilft. Oft stellt man im Nachhinein fest: Das war gut gemeint, aber unterm Strich bringt uns das gar nichts. Ständiges Nachbessern und Ändern an Gesetzen und Verordnungen schafft kein Vertrauen.
Von dieser Stimmung profitieren leider auch die politischen Extreme. Haben sie da auch manchmal das Gefühl, sie müssen als Präsident dann moderieren?
Das sehe ich ebenso als meine Aufgabe an. Bei Pauschalaussagen muss man auch mal dagegenhalten. Ich versuche dann, den Kollegen den Spiegel vorzuhalten und ihnen klarzumachen, dass es so einfach dann doch nicht ist. Die Forderungen an den Bundesverband Metall sind im Moment extrem. Je unzufriedener die Kollegen sind, umso mehr wird verlangt, dass wir etwas unternehmen. Nach zwei Monaten kommt dann oft schon ungeduldig die Frage, warum sich in dieser oder jener Sache noch nichts bewegt hat. Das zeigt die Betroffenheit der Kolleginnen und Kollegen. Dabei wird oft übersehen, dass Politik ein komplizierter Prozess ist. Das ist uns bewusst und genau deshalb setzen wir uns im Bundesverband permanent für die Belange des Metallhandwerks ein und machen Druck.
Zur Person
Seit 2022 ist Willi Seiger Präsident des Bundesverbandes Metall. Der dreifache Familienvater ist Inhaber eines Maschinenbauunternehmens für Drehmaschinen im nordrhein-westfälischen Lippstadt. Bereits mit 21 Jahren gründete er 1984 sein Unternehmen. Der Maschinenbauermeister beschäftigt 60 Mitarbeiter und engagiert sich seit 24 Jahren ehrenamtlich als Obermeister. Seit 2017 ist Seiger Vorsitzender des Fachverbandes Metall Nordrhein-Westfalen. Als Bundesverbandsvorsitzender vertritt der 60-Jährige die Interessen von 33.000 Unternehmen und 478.000 Mitarbeitern in Deutschland.
