TV-Kritik zu Azubi-Doku des WDR Wie nah ist "Passt, wackelt und hat Luft" an der Azubi-Realität?

Schon in der dritten Staffel schaut der WDR mit der Sendung "Passt, wackelt und hat Luft" Handwerks-Azubis bei ihrem Berufsalltag über die Schulter. Das Handwerk kommt insgesamt sehr positiv weg, doch die Sendung liefert auch Anlass zur Reflexion. Denn irgendwie bleibt die Frage: wenn alles so toll ist, warum gibt es in der Realität dann all die Probleme?

"Passt, wackelt und hat Luft" gibt Einblicke in einen Handwerker-Alltag, den es so in der Praxis kaum gibt. - © terovesalainen - stock.adobe.com

Der flotte Spruch ist zurück auf der Mattscheibe. "Wenn Probleme auftreten, fragt jemand anderen." "Bist ein geiler Typ, ne." "Jetzt geht der Ernst des Lebens wieder los." "Ein Stoppschild wird nicht grün." Schon der Einstieg in die dritte Staffel der WDR-Doku "Passt, wackelt und hat Luft" ist ein wahres Potpourri an Sätzen, die Ausbilder ihren Handwerks-Azubis oder umgekehrt an den Kopf werfen - im schönsten Baustellen-Jargon, locker und lässig. So stellt sich der geneigte Zuschauer den Alltag im Handwerk vor. Aber hat das auch etwas mit der Wirklichkeit zu tun?

Sympathische Teams

Der WDR hat schon zum dritten Mal mehrere Auszubildende auf ihrem Weg zum vollwertigen Gesellen beobachtet und inszeniert auch die dritte Staffel der Reihe in gewohnter Manier: mit eingespielten, sympathischen Azubi-Ausbilder-Teams, lustigen Szenen aus dem Ausbildungsalltag, garniert mit Interview-Einsprengseln. Das ist das derzeitige Standard-Dokutainment-Programm, also die Mischung aus Dokumentation und Unterhaltung. Dazu kommen schöne Bilder über fröhlicher Musik, und fertig ist die gut gemachte, wenn auch etwas oberflächliche Unterhaltung.

Der produzierende WDR bezeichnet die Sendung selbst als "beliebt", und man darf davon ausgehen, dass auch im nicht so sehr wie die Privatsender quotenorientierten öffentlich-rechtlichen Rundfunk keine drei Staffeln einer Reihe produziert würden, wenn sie beim Publikum nicht in Form von Quoten oder positiven Rückmeldungen Gefallen finden würde. Im vergangenen Sommer gab es nach den ersten beiden Staffeln sogar ein "Live-Event", bei dem die Azubis aus den bis dato gelaufenen Folgen ihre Erfahrungen noch einmal schildern durften. Die Vermarktungs-Kuh, man muss es so klar sagen, wird hier ausgiebig gemolken, solange sie Milch gibt.

Die ewig gleichen Bilder

Allerdings wird nun in Staffel drei zunehmend deutlich, dass sich solche Formate mit der Zeit auch überleben. Die Bilder sind die ewig gleichen, auch die Protagonisten wurden zumindest teilweise aus vorherigen Staffeln übernommen und weiterhin mit der Kamera begleitet. Der WDR hat sich von Beginn an um einen an sich interessanten Mix aus unterschiedlichen Charakteren bemüht. Die engagierten Tischlerinnen, der Flüchtling, der eine Lehrstelle in Deutschland gefunden hat, der lockere Azubi von nebenan, der mit dem Ausbilder feixt - all das war gerade zu Beginn der Reihe sehr unterhaltsam, wenn auch fachlich noch nie besonders tiefgehend. Nun, in Staffel 3, stellt sich indes zunehmend ein Abnutzungseffekt ein. Die Fröhlichkeit, mit der die Protagonisten offenbar tagtäglich an ihren Job gehen, wirkt ein wenig aufgesetzt, auch der handwerksfremde Zuschauer muss sich irgendwann fragen, was all das mit der Realität da draußen zu tun hat. Klar, das idealisierte Bild des Handwerks ist attraktiv und unterhaltend für den Zuschauer. Er bekommt, was er sich unter einem Handwerker vorstellt: einen taffen Anpacker, der sympathisch, geerdet und nicht auf den Mund gefallen ist. Das zieht und bringt Quote.

Nicht immer ist alles bunt und locker

Mitunter allerdings wird auch gezeigt, dass Jobs im Handwerk nun mal nicht gerade selten hart sind, Termindruck herrscht, schlecht gelaunte Kunden die Stimmung drücken und ganz allgemein eben nicht nur jeden Tag flott dahergeredet, sondern oft auch einfach malocht wird. Da machen die Azubis Fehler, die aufwändig korrigiert werden müssen, da klappt etwas bei der Arbeit nicht, was dem Ausbilder sauer aufstößt. Für solche Interventionen - lieber früher als zu spät - sind die Ausbilder schließlich auch da, aber es gehört eben zur Ausbildung, dass sie nicht nur lustig, sondern mitunter auch mal nicht ganz reibungslos verläuft. "Fehler sind nicht schön, aber sie müssen gemacht werden, um daraus zu lernen", formuliert es ein Ausbilder. In diesen Szenen, in denen nicht alles so bunt und locker wie sonst ist, scheint dann auch einer der Gründe durch, warum es einen Fachkräfte- und ganz besonders auch Nachwuchsmangel gerade im Handwerk gibt, und die Sendung bietet Anlass zu genauerem Nachdenken. Denn viele Jobs dort dürften eben nicht jeden jungen Menschen geradezu magisch anziehen .

Lieber Konzern als arbeitsame Werkstatt?

"Vier Augen sehen mehr als zwei. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser." Diese Sätze formuliert Sergio, der als Meister den Konstruktionstechniker-Azubi Mohammad ausbildet, wenn es darum geht, wie er und sein Lehrling zusammenarbeiten. Weil es um genaues Arbeiten geht und dem Azubi natürlich noch einiges an Können und Erfahrung fehlt, ist das auch völlig nachvollziehbar und normal. So manchem jungen Menschen heutzutage, der von innerer Erfüllung und der Entfaltung seiner Persönlichkeit im Kontext des Arbeitslebens träumt, würden solche Sätze indes sauer aufstoßen. Da ist dann natürlich der Großkonzern mit den "wertschätzenden Strukturen" und zahlreichen Beauftragten die bessere Adresse als die arbeitsame Werkstatt oder das Haus eines Kunden, der für sein Geld auch Leistung, und zwar in angemessener Zeit und für einen angemessenen Preis, erwartet. Dachdecker-Azubi Nick wird etwa zum Schuhe putzen geschickt, ehe es auf die Baustelle geht, weil der Chef "viel Wert darauflegt, dass wir sauber und ohne Löcher in der Hose" auf die Baustelle kommen. Der freien Entfaltung der Persönlichkeit in Form eines "Anstands-Laissez-Faire" sind hier also gewisse Grenzen gesetzt.

Die Probleme sind auch hausgemacht

Hier zeigt sich trotz des üblichen Handwerks-Gefrotzels, eine Problematik bei der Nachwuchsfindung: Die schlichten Notwendigkeiten der Arbeit im Handwerk - das Ranklotzen ohne Diskussionen, Termintreue, sauberes Arbeiten unter Druck - decken sich oft einfach nicht mit den Erwartungen einer zunehmend größeren Zahl von jungen Menschen. Andererseits: Dass der Ton mitunter wirklich rau ist, und auch mal zu rau werden kann, dass Azubis mitunter nicht ordentlich ausgebildet werden, sondern als billige Arbeitskraft dienen, kommt natürlich auch vor. Auch im Handwerk ist nicht immer alles Gold, was glänzt, es gibt auch viele hausgemachte Probleme. Von Themen wie Bezahlung oder Sozialleistungen - die logischerweise in größeren Konzernen oder dem größeren Mittelstand im Durchschnitt besser sind als in so manchem Kleinbetrieb, ganz zu schweigen.

Auf all diese Fragen liefert "Passt, wackelt und hat Luft" keine Antworten auf diese Fragen, weil der Sinn der Sendung letztlich die Unterhaltung ist. Aber abseits flotter Sprüche lohnt sich das Ansehen aus diesem Blickwinkel auch für Handwerker, die den Alltag von Azubis ohnehin kennen und denen die Einblicke in die täglichen Arbeiten keinen allzu großen Mehrwert bieten. Wer die dargestellte "Realität" mit der echten Realität draußen vergleicht und sich entsprechend reflektiert, findet in der WDR-Sendung unter Umständen einen guten Mix aus Unterhaltung und ernsthaftem Anlass zum Nachdenken.

Handwerk in positivem Licht

Ein wenig oberflächlicher betrachtet: Ob nun Dachdecker-Azubi Nick, die angehenden Tischlerinnen Heather und Gina, der schon 30 Jahre alte SHK-Anlagenmechaniker-Azubi Stefan oder die Raumausstatter-Azubi Josi - alle Charaktere sind höchst sympathisch, nahbar und können super mit ihren Ausbildern. Natürlich wurden vom WDR für eine Unterhaltungssendung auch entsprechende Protagonisten ausgewählt, die eher vorbildlich an die Ausbildung ihrer Azubis herangehen. Aber das ändert nichts daran, dass das Handwerk für den durchschnittlichen Zuschauer in einem positiven Licht dargestellt wird. Jetzt kommt es nur noch drauf an, ob sich das Format wirklich totläuft oder der WDR doch noch eine Staffel dranhängt. Nach Staffel drei scheint in dieser Richtung alles möglich.

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