Kolumne Passungsprobleme: Gedanken zu einem Azubi-Dilemma

Jahr für Jahr bleiben Ausbildungsplätze unbesetzt, obwohl tausende Schulabgänger noch ohne Lehrvertrag auf der Straße stehen. Warum Betriebe und Bewerber nicht zueinanderfinden – und was helfen könnte.  

Die Gründe, warum der Topf und Deckel nicht zueinanderfinden, sind vielfältig. - © Janis Smits - stock.adobe.com

Das Dilemma oder die Zwickmühle ist eine Zwangslage der Ausbildenden oder Auszubildenden, wenn sie sich zwischen zwei Möglichkeiten entscheiden müssen, die gleichermaßen schwierig oder unangenehm sind. Es gibt mehrere Auswege, von denen aber oft keiner zum gewünschten Ergebnis führt. Das positive Dilemma führt bei jeder gewählten Entscheidung zum selben Ergebnis. Das negative Dilemma zerstört sich durch die Unmöglichkeit einer Entscheidung. Auch die Wahl zwischen zwei positiven Dingen kann so zu einem Dilemma werden.

Ein solches ist auch die Besetzung der Ausbildungsplätze. Nach wie vor bekommen nicht alle Schulabgänger einen Ausbildungsplatz und das obwohl tausende Stellen unbesetzt bleiben. So ging es auch einer jungen Frau, die Fahrzeuglackiererin lernen wollte.

Warum Betriebe und ausbildungswillige Jugendliche schwer zueinander finden

Die Gründe, warum der Topf und Deckel nicht zueinanderfinden, sind vielfältig. Zum einen bleiben viele Plätze in den Regionen unbesetzt, in denen die Schülerzahlen stark gesunken sind. Dort kann es logischerweise keine oder nur wenige Bewerbungen geben. Zum anderen haben wir es häufig mit den Berufen und Tätigkeiten zu tun, die aufgrund mangelnder Beliebtheit niemand sucht und nur wenige lernen wollen.

Bei der Suche nach einem Bewerber reicht es in vielen Handwerken nicht aus, einfach nur eine Stellenanzeige zu schalten. Die Ausbildenden müssen kreativ für ihre Berufe werben, damit die Ausbildungsplätze überhaupt gefunden werden. Bei den Jugendlichen kann nur punkten, wer deutlich macht, was in der Ausbildung auf sie zukommt und welche Möglichkeiten der Entwicklung es nach der erfolgreichen Ausbildungszeit gibt. Angesichts der Bewerberzahlen ist es wichtig, keine Bewerbergruppe von vornherein auszuschließen. Damit sind aus meiner Sicht unbedingt auch die lernschwachen Jugendlichen gemeint.

Jeder dritte Betrieb findet keine Azubis

Mehr als ein Drittel der knapp 470.000 ausbildenden Betriebe in Deutschland hat große Schwierigkeiten bei der Besetzung der Ausbildungsplätze. Rund 75 Prozent der vom Bundesinstitut für Berufsbildung befragten Betriebe wollen dennoch an der Ausbildung festhalten, viele planen sogar eine Ausweitung ihrer Angebote. Zum Glück entscheiden sich nur wenige ihre Angebote zu reduzieren, noch weniger wollen ganz aussteigen.

Ein völliger Unsinn ist, diese Diskussion auf der Grundlage von Statistiken über den Ausbildungsmarkt zu führen. Hier muss man wissen, dass bei den Agenturen für Arbeit oder Jobcentern natürlich nur die dort gemeldeten Ausbildungsplätze und Lehrstellensuchenden geführt werden. Das sind auf der Seite der Ausbildungsplätze nur ein Teil der offenen Stellen und bei den Suchenden stets mehr als die gemeldeten Plätze. Leider haben viel Ausbildungswillige schlechte Erfahrungen gemacht und melden daher die offenen Stellen nicht mehr.

Weniger Fokus auf Noten, Arbeitsleistung stärker einbeziehen

Es bleibt trotzdem die Antwort auf die Frage offen, wo der Knackpunkt bei der Besetzung der gemeldeten Plätze zu suchen ist. Ist es das Passungsproblem? Einerseits halten viele Meister die Ausbildungsplatzsuchenden für fachlich nicht geeignet und lehnen sie deshalb ab. Andererseits fehlt es, einseitig betrachtet, manchen an der nötigen Anziehungskraft. Dort bewirbt sich niemand.

Jede Fehlbesetzung von einem Arbeitsplatz ist eine Fehlinvestition. Deshalb muss durch die geeignete Auswahl für die bestmögliche Besetzung gesorgt werden. Wichtig ist, dass die in Frage kommenden Personen die grundlegenden Kulturtechniken wie das Schreiben, Lesen und Rechnen beherrschen. Allerdings sollten nicht nur die besten Zeugnisnoten oder Testergebnisse eine Rolle spielen. Zu bewerten sind auch Punkte wie die Fingerfertigkeit oder das Arbeitsverhalten. Bei der Suche hilft ein Praktikum. Die Zielgruppe kann so über einen längeren Zeitraum beobachtet und beurteilt werden. In vielen Handwerksbetrieben folgt der schriftlichen Bewerbung ein Eignungstest und danach das Vorstellungsgespräch.

Der Ausbildungsbetrieb sollte sich an einigen Leitfragen orientieren:

  • Bieten wir eine praxisgerechte Berufswahlorientierung an?
  • Erwarten wir bestimmte körperliche und geistige Voraussetzungen, damit wir erfolgreich ausbilden können und informieren wir darüber, warum es bei uns nicht mit einer Berufsausbildung klappt?
  • Pflegen wir den Kontakt zu den allgemeinbildenden Schulen in der Region oder beteiligen uns an den Berufswahlprojekten dieser Schulen, aus denen möglicherweise die zukünftigen Auszubilden kommen könnten? 

Schulen müssen besser vorbereiten

Der Hauptausschuss vom Bundesinstitut für Berufsbildung kam nach seinen Beratungen zu dem Ergebnis, dass nur die klar erkennbaren Wege für den Übergang von der Schule in die Ausbildung helfen. Es muss besser gelingen, den direkten Übergang von der Schule in die betriebliche Ausbildung zu stärken. Die Wirksamkeit der Angebote zur Förderung von Ausbildungschancen müssen so gestaltet sein, dass weniger Jugendliche in Ersatzmaßnahmen einmünden, die nicht zu einem Abschluss führen.

Dafür muss das Übergangsmanagement stabil, verlässlich und durchschaubar gestaltet sein. Hierzu gehört die frühzeitige Vorbereitung, für einen gelingenden Übergang. Der startet in den allgemeinbildenden Schulen. Nötig ist die gute Beratung, Förderung und Begleitung der jungen Menschen.

Ihr Ausbildungsberater Peter Braune

Peter Braune hat Farbenlithograph gelernt, war Ausbilder und bestand in dieser Zeit die Ausbildungsmeisterprüfung. Er wechselte als Ausbildungsberater zur Industrie- und Handelskammer Frankfurt am Main. Dort baute er dann den gewerblich-technischen Bereich im Bildungszentrum auf und leitete die Referate gewerblich-technischen Prüfungen sowie Ausbildungsberatung, zu der auch die Geschäftsführung vom Schlichtungsausschuss gehörte. Danach war er Referent für Sonderprojekte.