TV-Kritik: ZDF – "Wie gehts, Deutschland?" zur Bundestagswahl Das Handwerk als Nadel im Heuhaufen

Vor der Bundestagswahl 2017 verließ AfD-Politikerin Alice Weidel erzürnt die erste Ausgabe von "Wie gehts, Deutschland?". Was das ZDF vier Jahre später aus dem Format, bei dem sieben Spitzenpolitiker mit "normalen" Menschen aus dem Volk konfrontiert werden, gemacht hat.

Vor der Bundestagswahl brachte das ZDF Wähler und Spitzenpolitker zusammen, um über die Fragen zu sprechen, die die Bürger aktuell bewegen. Doch relevante Themen für Mittelstand und Handwerk kamen dabei kaum zur Sprache. - © Nadine Hebrock - stock.adobe.com

Eigentlich klang es ganz gut, was das ZDF im Vorfeld über die Sendung "Wie gehts, Deutschland", verkündete. Sie spiegle einen Lebenszyklus wider, und innerhalb der verschiedenen Lebensstationen würden die jeweils wichtigen Themen dann zwischen Spitzenpolitikern und per Video zugeschalteten Bürgern diskutiert. Letztere könnten digital via Emojis ihre Zustimmung oder ihren Unmut kundtun. Nach etwas mehr als den geplanten 90 Minuten war allerdings klar: Das Konzept ging nicht so recht auf, weil die Themenauswahl hausbacken und die Integration der Zugeschalteten in die Sendung nicht durchdacht war.

Einige der Menschen auf der Videowand kamen während der gesamten Zeit gar nicht zu Wort, und einem der wenigen Unternehmer in der Sendung, Heino Freudenberg, der unter anderem eine Firma für Verschlusslösungen wie Korken führt, waren nur ein paar Sekunden vergönnt, die hinterher bei den Politikern und dem Moderator auch keinen Widerhall fanden. Und so kreisten die 90 Minuten im Wesentlichen um die Themen Klima, Bildung, Familie und Pflege. Sicher, alles wichtig und teils auch mit wirtschaftlichen Auswirkungen, doch es ist mitten in der heißen Phase der Wahlberichterstattung evident, dass Themen speziell rund um den Mittelstand oder gar das Handwerk mit seinen Millionen von Beschäftigten weder in den Talksendungen noch in Dokumentationen eine angemessene Rolle spielen.

Die eingeübten Stanzen der Politik

Und so durften die anwesenden Politiker (Jens Spahn, CDU, Alexander Dobrindt, CSU, Katrin Göring-Eckardt, Grüne, Dietmar Bartsch, Linke, Franziska Giffey, SPD, Alice Weidel, AfD und Christian Lindner, FDP) sich auch zu oft in ihren eingeübten Stanzen ergehen. Unter einer das geplante Programm abspulenden Moderation kam kaum eine Diskussion unter den Politikern auf, und die Menschen auf der Videowand hielten zwar mitunter engagierte oder sogar leicht aggressive Vorträge - doch die Wirkung kam durch die Leitung nicht im Studio an. Beim Klima echauffierte sich eine junge Fridays-for-Future-Aktivistin lautstark über die Politik, die zu wenig für den Klimaschutz tue. Bei der Pflege konnte eine engagierte Pflegerin, die sich zu Hause um ihre Mutter kümmert, ihre Wut auch kaum bändigen. Doch all das wurde im Studio sichtlich routiniert zur Kenntnis genommen und mit den üblichen Versatzstücken gekontert. Vielleicht ist gerade bei diesen beiden Themen auch schon ein gewisser Gewöhnungseffekt an die immer gleichen Maximalforderungen, die in der immer gleichen Freund-oder-Feind-Logik vorgetragen werden, eingetreten. Jedenfalls kam nicht richtig Schwung in die Bude.

Bei der Bildung wird es etwas relevanter

Allenfalls bei der Bildung wurden Themen mit ökonomischer Konnotation, wie Qualität der Ausbildung oder die Frage, ob es immer ein Studium sein muss, angeschnitten. Spahn verteidigte die Berufsausbildung und stellte fest, im Handwerk würde manch einer mitunter mehr verdienen als ein Jurist, und Lindner kritisierte die Ausstattung der Schulen, was man mitunter schon an den dortigen Toiletten sehen konnte. Seltsam blass blieb über weite Strecken Dobrindt von der sich doch eigentlich so wirtschaftsnah gebenden CSU. Auch er konnte keine Aspekte einbringen, die über das Altbekannte hinaus gingen, ähnlich wie Giffey von der SPD.

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Steuern und Abgaben – nur kurz ein Thema

In der zweiten Hälfte der Sendung immerhin kamen unter der Überschrift "Die Mitte des Lebens", in der sich nun mal in der Regel auch das gesamte Arbeitsleben abspielt, ein wenig mehr Themen zur Sprache, die Mittelstand und Handwerk immerhin ein wenig tangierten. Nachdem eine Familie vorgestellt worden war, in der beide Eltern arbeiten - sie als Zahnarzthelferin, er in einer Umschulung zum Zerspanungsmechaniker –, und bei der trotzdem das Geld knapp ist, sah Christian Lindner seine Chance gekommen wies darauf hin, dass genau solche Leute die Mitte der Gesellschaft darstellten, die zwischen Armen und Millionären zu oft in Vergessenheit gerate. Genau diesen Menschen solle nicht mit noch mehr Steuern Geld weggenommen und mit einer weiteren Verteuerung des Autos Mobilität erschwert werden. Göring-Eckardt setzte dagegen, bald werde man auch mit kleinem Geld und entsprechender Förderung E-Auto fahren können, Bartsch betonte, die Vorschläge der Linken liefen genau auf die Entlastung von Familien mit weniger Geld hinaus.

Als dann der erwähnte Unternehmer Freudenberg zu Wort kam und betonte, die Politik solle einfach nur die Rahmenbedingungen setzen, unter denen sich die Menschen frei entwickeln könnten und den angehenden Zerspanungsmechaniker in seinem Elan der Umschulung unterstützte und sogar zu einer Bewerbung in seinem Unternehmen aufforderte, bestand kurz die Hoffnung auf einen Spin in die Richtung von Themen, die etwa auch für einen Handwerker oder Unternehmer von großem Belang sein könnten. Doch Weidel durfte nur noch kurz über die Belastung von Mittelstand und mittleren Einkommen in Deutschland klagen und zu hohe Abgaben auch an der Zapfsäule und beim Heizen beklagen, da wechselte das Thema schon wieder zur Pflege, und die gerade aufgekeimte Hoffnung war schon wieder zerschlagen.

Gehetzt und erwartbar

Mit "Wie gehts, Deutschland?" lieferte das ZDF einen Parforceritt durch altbekannte Themen, den die Beteiligten ohne groß neue Argumente routiniert absolvierten. Viel schlauer als zuvor, das merkte auch einer der zugeschalteten Bürger an, war man hinterher jedenfalls nicht - und daran änderten auch kleine Spielchen zwischendurch nicht, etwa wenn die Politiker ihre Forderungen zur Bildung in Schulheften aufschreiben mussten. Die Sendung wirkte gehetzt, kam vom Hölzchen aufs Stöckchen – und blieb immer zentimetergenau auf der erwartbaren Spur. Die bittere Bilanz: Wer derzeit für Mittelstand und Handwerk relevante Wahlkampfthemen sucht, der sollte nicht nur in der politischen Debatte, sondern auch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen stets eine Lupe im Gepäck haben.

Link zur Sendung: "Wie geht's Deutschland?" in der ZDF-Mediathek