An der Fahrzeugakademie Schweinfurt können Hobbyschrauber und Kfz-Handwerker tradierte Arbeitsweisen erlernen – damit die Oldtimer auch morgen noch laufen.

Wer sich einen Oldtimer zulegen möchte, kommt ohne handwerkliches Geschick und technisches Know-how nicht weit. Das notwendige Rüstzeug können sich Interessenten an der Fahrzeugakademie Schweinfurt der Handwerkskammer für Unterfranken aneignen. Und dafür müssen sie nicht einmal einen Kfz-Beruf erlernt haben.
In den Oldtimerseminaren der Akademie lernen und arbeiten Universitätsprofessoren, Zahnärzte, Schreiner oder Raumausstatter Seite an Seite mit Kfz-Meistern oder Karosseriebauern, die ihr Wissen und ihre Fertigkeiten um tradierte Arbeitsweisen erweitern möchten. Was sie eint, ist ihre Leidenschaft für alte Autos, Motorräder, Lastwagen oder Traktoren. Fünf Prozent der Teilnehmer kommen sogar aus dem Ausland, vor allem aus Österreich, der Schweiz, den Niederlanden und Luxemburg, berichtet Thomas Geis. Den Kfz- und Karosseriebaumeister könnte man auch als Galionsfigur der Oldtimerseminare in Schweinfurt bezeichnen.
"Keine Konkurrenz für Kfz-Werkstätten"
Wer mit dem 62-Jährigen spricht, bemerkt schon nach wenigen Worten, wie umfangreich sein Wissen um das Innenleben von Vergasern, die Wartung von Zündverteilern oder die Fehlersuche bei defekten Lichtmaschinen ist. Und darüber, wie sich das Materialgefüge von Blechen verändert, wenn sie mit dem Schweißbrenner erhitzt werden.
Die Hobbyschrauber, die mit großer Leidenschaft ihre Oldtimer in Schuss halten, sieht Geis keineswegs als Konkurrenz für die Kfz-Werkstätten, die gar kein Interesse an Restaurierungsarbeiten hätten. Einerseits, weil bei vielen Modellen der Aufwand nicht den Wertgewinn des Oldtimers deckt, andererseits weil es an Know-how fehlt. "Ohne die Enthusiasten aus der Oldtimer-Szene würden viele historische Fahrzeuge heute gar nicht mehr laufen. In der Folge würde wertvolles technisches Kulturgut einfach verschwinden“, befürchtet Geis.
Das Kursangebot der Akademie deckt alle Bereiche zum Thema Oldtimer ab. Neben rechtlichen Aspekten, die beim Kauf zu beachten sind, geht es vor allem um handwerkliche Fähigkeiten – von der Blechbearbeitung über die Mechanik, Elektrik und Lackierung bis hin zur Sattlerei.
Fachkraft für die Restaurierung historischer Fahrzeugkarosserien
Und wer sein Hobby zum Beruf machen möchte, findet in der Ausbildung zur "Fachkraft für die Restaurierung historischer Fahrzeugkarosserien" das richtige Angebot. Dafür ist allerdings eine einschlägige Ausbildung notwendig. Acht Module müssen die Teilnehmer absolvieren, bevor sie die einwöchige Prüfung antreten können. Danach dürfen sie sich auf Antrag über eine Ausnahmebewilligung selbstständig machen, Restaurierungsarbeiten gegen Entgelt anbieten und Mitarbeiter einstellen. Nur ausbilden dürfen sie ohne Meisterbrief nicht. Heute gibt es bundesweit etwa 20 Kfz-Restaurierungsfachbetriebe mit rund 100 Angestellten, deren Inhaber einst als Schüler in Schweinfurt waren, schätzt Thomas Geis. "So schaffen wir sogar Arbeitsplätze."
Fahrzeugakademie Schweinfurt will wertvolles Wissen konservieren
Entstanden sind die Oldtimerseminare aus wirtschaftlichen Erwägungen heraus, erklärt Matthias Dingfelder, der die Akademie seit ihrer Einweihung 1998 leitet. Schließlich sollten die modern ausgestatteten Werkstätten nicht leer stehen, während die Meisterschüler im Theorieunterricht sitzen. "Außerdem werden bestimmte Handwerkstechniken in der Ausbildung gar nicht mehr vermittelt, weil sie in modernen Fahrzeugen nicht benötigt werden. Mit dem Ausscheiden der älteren Mitarbeiter geht wertvolles Wissen verloren, das wir konservieren möchten“, sagt Dingfelder. Er suchte dafür auch den Austausch mit anderen Bildungsstätten wie dem Leeds College in England. Deren Expertise in der Rollenstrecktechnik kommt bis heute den Besuchern der Blechbearbeitungskurse zugute. Außerdem integriert die Fahrzeugakademie Grundlagen der historischen Arbeitsweisen auch in ihre aktuellen Meisterkurse, obwohl das die Prüfungsverordnung nicht mehr verlangt.
Für die Seminare können Thomas Geis und seine Ausbilderkollegen auf einen wahren Schatz an historischer Technik zurückgreifen. Im Keller findet sich neben ausrangierten Motoren historische Messtechnik oder analoge Oszilloskope zum Ausmessen von Zündspulen. Selbst Lehrmaterial aus den 60er- und 70er-Jahren steht für den Unterricht zur Verfügung. Was andere Berufsschulen oder Kfz-Firmen aussortierten, findet in Schweinfurt immer noch Anwendung. Regelmäßig nutzen die Trainer zudem schrottreife Unfallfahrzeuge für die praktische Ausbildung.
Dass die Oldtimer-Szene einen derartigen Aufschwung erlebt, konnte vor gut zwei Jahrzehnten noch niemand ahnen. Die Seminare der Fahrzeugakademie dürften dabei wie eine Art Turbolader gewirkt haben.
