Zeitreise ins Wirtschaftswunderland Zwischen "Edelschrott" und einem E-Motor der 70er

Die Fladungen Classics rücken Oldtimer ins Rampenlicht. Die hochglanzpolierten Karossen zeugen vom handwerklichen Geschick ihrer Besitzer, die mit großer Leidenschaft technische Kulturgüter erhalten.

Tempo Matador, Fladungen Classics
Malermeister Achim Kümmeth mit seinem Tempo Matador, bei dem sich der Tank unter der Fronthaube befindet, während der Vierzylinder-Boxermotor hinter der Vorderachse verbaut ist. - © Ulrich Steudel

Für ein Wochenende lebt in der Rhön das Wirtschaftswunder auf. Anfang Juli strömen tausende Menschen nach Fladungen, um in eine Zeit einzutauchen, in der der Aufschwung unter den Deutschen Zuversicht verbreitete. Die Symbole jener Epoche sind ihre Fahrzeuge, die heute als Oldtimer immer mehr Bewunderer finden.

Dabei übernimmt das Handwerk eine entscheidende Aufgabe. Denn ohne geschickte Hände und das Verständnis für technische Zusammenhänge würden die historischen Fahrzeuge nicht nur vor sich hin rosten, sondern als technische Kulturgüter allmählich in Vergessenheit geraten. Bei den Fladungen Classics hingegen präsentieren die Oldtimer-Freunde ihre fahr­baren Schätze im schönsten Sonntagskleid. Überall ziehen die hochglanzpolierten Karossen neugierige Blicke auf sich.

Kein gewöhnliches Oldtimer-Treffen

Dabei heben sich die Fladungen Classics von vielen anderen Oldtimer- Treffen im Land ab. Hier bietet das Flair der aufstrebenden Bundesrepublik mit Rock’n’Roll und Petticoat die passende Kulisse für die restaurierten Zeugnisse früherer Ingenieurs- und Handwerkskunst. Kein Wunder, dass im Organisationsteam Handwerker eine wichtige Rolle spielen. Wie Achim Kümmeth, einer der Initiatoren der Veranstaltung, die 2022 nach acht Jahren ihre Neuauflage erlebt. Zwischen 2008 und 2014 hatte das Treffen immer mehr Freunde der Oldtimer-Szene in die nördlichste Stadt Bayerns gelockt. Viele haben den Fladungen Classics die Treue gehalten und waren in diesem Jahr wieder am Start.

Der Betrieb von Malermeister Achim Kümmeth im Ortszentrum von Fladungen lockt besonders viele Besucher an. 1933 von seinem Großvater gegründet, zählt der Handwerksbetrieb heute acht Mitarbeiter, darunter drei Lehrlinge. Und während sich Sohn Lukas auf die bevorstehende Meisterprüfung konzentriert, kurvt Vater Achim mit seinem historischen Fahrrad durch die Straßen, um den rund 400 Oldtimern aus nah und fern einen Standplatz zuzuweisen.

Vor der Fachwerkfassade seines Firmensitzes am Marktplatz steht eine VW T1 Doka mit Westfalia-Nachläufer. Beladen mit Holzgerüst und Schubkarre wirkt das Gespann, als wäre es startklar für den nächsten Arbeitseinsatz. In den 60er-Jahren gehörten solche Fahrzeugkombinationen im Handwerk zum Alltag, heute wecken sie Nostalgie. Achim Kümmeth hat den Bulli, der einst als Feuerwehrfahrzeug in Portugal im Einsatz war, liebevoll restauriert. Der Anhänger stammt von einer Zimmerei im Ort.

Edelschrott aus Uruguay

Der Parkplatz seiner Mitarbeiter dient während der Fladungen Classics als historische Tankstelle. Vor den Zapfsäulen lockt ein weiteres Schmuckstück aus Achim Kümmeths Oldtimer-Sammlung Fotografen an. Der Tempo Matador, Baujahr 1951, gilt als Rarität. "Meines Wissens ist das der einzige Pritschenwagen mit Straßenzulassung in Deutschland", sagt der Malermeister nicht ohne Stolz.

Die Rostlaube, die er in Uruguay ausfindig machte, bezeichnet er als Edelschrott. Wie viel Aufwand in der Restaurierung des Kleinlasters steckt, lässt sich nur erahnen. "Die meiste Zeit habe ich aber mit der Internetrecherche verbracht, um fehlende Teile zu besorgen", sagt der Tüftler. Dabei stieß er auf so manche Überraschung. Die Blinkzeiger, die er auf einer niederländischen Plattform ersteigerte, waren noch fabrikneu, hergestellt vor 70 Jahren bei der Firma Preh im be­­nachbarten Bad Neustadt.

Opel GT mit Elektroantrieb, Baujahr 1971

Die Brücke zur Gegenwart schlägt bei den Fladungen Classics ein Opel GT mit Elektroantrieb. Georg von Opel stellte mit dem umgerüsteten Sportwagen 1971 mehrere Weltrekorde auf dem Hockenheimring auf und erreichte dabei eine Höchstgeschwindigkeit von 214 Kilometer pro Stunde. Doch ein Blick ins Cockpit offenbart, warum E-Mobilität damals noch keine Rolle spielte. Die 590 Kilogramm schweren Batterien lassen gerade noch Platz für den Fahrer.

Organisiert wurde der Elektro-Flitzer von Peter Laudensack. Als Ge­­schäftsführer eines Opel-Autohauses in Bad Neustadt pflegt er gute Beziehungen zum werkseigenen Museum in Rüsselsheim. Mit viel Liebe zum Detail hat Laudensack selbst einen Opel-Blitz- Abschleppwagen aus den 50er-Jahren restauriert und damit einen weiteren Blickfang für die Fladungen Classics geschaffen, zu deren Mitbegründern er gehört.

Goggomobil, Fladungen Classics
Goggomobil und Boogie-Woogie: Bei den Fladungen Classics lassen Veranstalter und Besucher die 50er- und 60er-Jahre aufleben. - © Ulrich Steudel

Zwischen Goggomobil und Oldtimer-Campingplatz

Während sich die meisten der Be­sucher durch das Zentrum der Kleinstadt drängen – vorbei am Goggo­mobil des pensionierten Zerspanungsmechanikers Peter Klein aus Herbstein oder vor der Bühne beim Auftritt von Rock’n’Roll-Altstar Peter Kraus –, machen es sich die Gäste auf dem Oldtimer-Campingplatz in ihren Klappstühlen bequem. Auf dem Ge­lände entlang der Stadtmauer sind nur Fahrzeuge, Wohnwagen oder Campingutensilien erlaubt, die bis 1975 gebaut wurden.

Für Ralf Pötzel stellt das kein Problem dar. Der Kälteanlagenbauer und seine Frau Gaby sind mit einem durchaus ungewöhnlichen Gespann aus Gießen angereist. Im Schlepptau des amerikanischen Mercury Mont­clair, Baujahr 1957, hängt mit dem Klappfix eine Camping-Ikone aus DDR-Produktion. Passend lackiert wirkt die Ost-West-Kombination wie eine Einheit. Dass der 265 PS starke V8-Motor des Straßenkreuzers im Hängerbetrieb satte 18 Liter schluckt, hält das Ehepaar nicht davon ab, mit ihm bis in die Schweiz oder nach Schweden in den Urlaub zu fahren. "Auf den Campingplätzen sprechen uns immer freundliche Leute an, die sich für unser Auto interessieren", freuen sich die Pötzels über viele nette Begegnungen, die sie ohne ihren Oldtimer wohl nicht hätten.

Schreiner als Holzkarosseriebauer

Über mangelndes Interesse können sich auch Gerhard und Florian Grohmann aus Oberfladungen an ihrer Zweiradwerkstatt nicht beklagen. Dass Vater und Sohn, die zusammen 13 Motorräder ehemaliger Nürnberger Marken wie Ardie, Triumph oder Zündapp besitzen, eigentlich Schreiner sind, lässt sich nur an einer Holzkonstruktion erkennen. "Dabei handelt es sich um einen Türrahmen für einen Opel Blitz aus dem Jahr 1948. Damals wurde noch nicht die komplette Karosserie aus Metall gefertigt", erklärt Gerhard Grohmann, der sich auch als Holzkarosseriebauer betätigt.

Inzwischen hat die Oldtimer-Karawane Fladungen wieder verlassen. Aber Malermeister Kümmeth und seine Mitstreiter denken schon ans nächste Wirtschaftswunder: Nach den Classics ist vor den Classics, heißt ihre Devise.

Starkes Wachstum

Oldtimer werden immer beliebter. Innerhalb der vergangenen zehn Jahre ist ihre Zahl von rund 259.000 auf mehr als 730.000 gestiegen. Damit sind rund 1,1 Prozent aller gemeldeten Kraftfahrzeuge und Anhänger älter als 30 Jahre, wie aus der Statistik des Kraftfahrt-Bundesamtes hervorgeht. 88,6 Prozent der Oldtimer sind Pkws, gefolgt von Lkws mit 4,8, Zugmaschinen mit 3,1 und Motorräder mit 2,5 Prozent.