Kolumne Wie Betriebe Azubis mit ADHS helfen können

Eine Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung führt dazu, dass Azubis zum Beispiel unkonzentriert sind und sehr empfindsam auf Sinneseindrücke reagieren. Doch, wenn der Betrieb ein gutes Umfeld schafft, kann die Ausbildung erfolgreich werden.

Ausbilder klopft Azubi die Schulter
Bei Azubis mit ADHS hilft es ihnen im Betrieb eine klare Arbeitssturktur zu bieten und sie am Ende des Tages zu loben, wenn sie Aufgaben gut erledigt haben. - © pressmaster - stock.adobe.com

"Die Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung ist eine Modeerscheinung, die im Verlauf der Ausbildungszeit von selbst verschwinden kann." Ganz so ist es natürlich nicht. Das musste ein Ausbildender lernen, der in seinem Autohaus, mit Werkstatt, einen Automobilkaufmann ausgebildet hatte.

Erstmalig hatte der Frankfurter Psychiater Heinrich Hoffmann das Störungsbild 1847 im Struwwelpeter beschrieben. Dort wird der bitterböse Friederich, der die Tiere quält, entsprechend bestraft. Das Paulinchen verbrennt, weil sie mit den Streichhölzern spielt. Kinder, die einen dunkelhäutigen Mann verspotten, werden in ein riesiges Tintenfass gestopft und noch viel schwärzer eingefärbt. Der fliegende Robert wird mit seinem Regenschirm vom Wind auf Nimmerwiedersehen fortgetragen, weil er beim einem Sturm, obwohl es ihm verboten wurde, aus dem Haus geht. Dem Konrad werden, vom Schneider, die Daumen abgeschnitten, weil er heimlich daran nuckelte. Nach den Erkenntnissen der Fachleute entsteht die Störung im Gehirn, durch eine Fehlleitung der Nervenübertragung.

Auffälliges Verhalten bei der Ausbildung

Im Autohaus häuften sich Vorkommnisse, die für den Chef und alle, die mit dem jungen Mann zu tun hatten, zunächst merkwürdig erschienen. Er war offen für Sinneseindrücke aller Art, sehr empfindsam und neigte zu gefühlsmäßigen Überreaktionen. Es fiel ihm schwer, die unwichtigen Reize auszublenden. Es gelang ihm nicht zu Ruhe und Leistungsfähigkeit zu finden. Es mangelte an der nötigen Aufmerksamkeit, um konzentriert der Ausbildung zu folgen. Mit der Zeit entwickelte sich eine schwierige Gratwanderung. Alle waren sich einig, die Situation erforderte auch die eine Unterstützung der Eltern des minderjährigen Jungen und der Lehrkräfte in der Berufsschule.

Der Junge war eine besondere Herausforderung. Aber sie gaben ihn nicht auf. Sie befasste sich mit dem Thema und informierten sich in der Fachliteratur. Da war etwas über die Merkmale der Unaufmerksamkeit und des auffälligen Verhaltens zu lesen. Zur Unaufmerksamkeit gehört, dass die Betroffenen unkonzentriert und vergesslich sind. Sie haben Mühe, dauerhaft bei der Sache zu sein, haben so ihre Schwierigkeiten zuzuhören, tun sich schwer mit den Anleitungen und bei der Arbeit. Sie können sich selbst schlecht organisieren, haben ihre Mühe bei längeren, geistigen Anstrengungen, verlieren und verlegen häufig die Dinge, sind durch die äußeren Reize leicht ablenkbar und übermäßig vergesslich.

Zu den Verhaltensauffälligkeiten gehört, dass sie ständig die Hände und Füße bewegen. Es fällt ihnen schwer, ruhig und besonnen zu arbeiten. Innerlich fühlen sie sich wie von einem Motor angetrieben. Sie antworten, bevor eine Frage vollständig gestellt wurde. Es erscheint ihnen unmöglich, auf etwas oder andere zu warten und sie zeigen ein störendes Verhalten gegenüber anderen.

Aufgrund ihrer starken Wahrnehmung des Alltags, sorgen sie durch ihren Ideenreichtum, aber auch durch ihre Liebenswürdigkeit immer wieder für Überraschungen. Ihre Ideen beruhen jedoch weniger auf sorgfältigen Überlegungen, sondern vor allem auf plötzlichen Eingebungen und der Verknüpfung von Vorstellungen. Sie können begeistern und vor Ideen sprühen, bis sie ihre Energie verbraucht haben und sich plötzlich zurückziehen. Sie sind jedoch auch verletzlich und ihren Gefühlen stark ausgeliefert. Sie haben weniger Kraft, die Misserfolge oder Konflikte wegzustecken. Stattdessen werden die Reizüberflutung und der Ärger unüberlegt mit der entsprechenden Wut und dem Zorn beantwortet. Das Gefühl ausgeliefert zu sein führt dazu, dass sie unter Umständen die Selbstachtung und das Selbstvertrauen verlieren.

Konkrete Hilfe im Betrieb

Das Ausbildungspersonal hinterfragte seine Gedanken und Handlungen. Er wurde unterstützt, die spontanen Eingebungen und vorschnellen Handlungen zu bremsen und vorher über die Folgen nachzudenken. Vor einer Arbeit oder einer Besprechung, musste er alle Informationen aufschreiben, bevor er loslegte oder sich zu Wort meldete. Es wurde eine anregende Arbeitsumgebung geschaffen, durch die Arbeit in einer Gruppe oder einen Aufgabenwechsel, aber immer ohne ihn zu überreizen.

Er suchte gerne die Auseinandersetzung, vor allem mit den Gesellen in der Werkstatt. War dabei ein gewisser Streitpegel erreicht, fühlte er sich innerlich ruhiger. Die innere Unruhe wurde nach außen verlagert und bewirkte eine Entlastung. Für die Gesellen wurde die Streitsucht nach und nach zur Belastung. Daher vereinbarten sie mit ihm, die wichtigen Themen, die einen Konflikt auslösen könnten, zielgerichtet und systematisch unter vier Augen zu bereden. In den Gesprächen schenkten sie ihm die ungeteilte Aufmerksamkeit.

Er brachte selten die Arbeiten zu Ende. Seine mangelhafte Arbeitsorganisation wurde zu einer Belastung, vor allem, wenn nicht klar war, warum er die aufgetragenen Arbeiten nicht bewältigen konnte. Hier war es erforderlich, eine Struktur in seinen Alltag zu bringen. Es wurden Dinge in den Blick gerückt, die er gerne übersehen hatte. Ein weiterer Punkt war, dass er mit seiner Aufmerksamkeit nur kurz bei dem erteilten Arbeitsauftrag blieb oder einer Unterweisung folgte. Das hatte oft zur Folge, dass er unvollständig oder fehlerhaft arbeitete oder sich nur die Hälfte der Erklärungen merken konnte. Das geschah, obwohl er sonst im Kopf klar war und nichts gegen seine gute Arbeitsleistung und die Arbeitsergebnisse sprach. Für diese Fälle wurde mit ihm vereinbart, dass er jederzeit entsprechende Rückfragen stellen sollte, sobald für ihn irgendetwas unklar war. Die Tage endeten immer mit einem deutlichen Lob für alles was er gut erledigt hatte. Damit wurde sein Selbstvertrauen gestärkt.

Es gab Tage an denen er den Menschen in seiner Umgebung das Gefühl vermittelte, sie seien nicht wichtig genug, um ihnen zuzuhören. Es wollte auf keinen Fall jemand zu Wort kommen lassen und redete ohne den Punkt und das Komma zu setzen. Seine unangemessenen Bemerkungen platzen nur so aus ihm heraus. Er vergriff sich sehr im Ton und verletzte manche Kolleginnen und Kollegen. Hier half das gute Vorbild sowie die regelmäßigen Rückmeldungen, wenn er sich gut in seinem sprachlichen Verhalten verbessert hatte. Die Ausbilderinnen und Ausbilder zeigten ihm, wie sie die Menschen auf eine angemessene Weise ansprechen und die Verantwortung für den Inhalt und den Verlauf der Gespräche übernehmen.

Ihr Ausbildungsberater 

Peter Braune