Kolumne Azubi-Dresscode: Darf der Ausbilder ein Piercing verbieten?

Als eine Azubine im Lebensmittelhandwerk mit einem Augenbrauen-Piercing auf der Arbeit erscheint, kommt es zum Streit mit dem Meister. Doch war die Zurechtweisung berechtigt? Ausbilder müssen ihre Erwartungen an die Kleiderordnung eindeutig formulieren, schreibt Ausbildungsberater Peter Braune in seiner Kolumne.

Von Gastautor Peter Braune

Junge Frau mit Nasenpiercing. - © olly - stock.adobe.com

Der Nasenring und das Piercing-Metall an allen Körperteilen sind die idealen Ergänzungen im Erscheinungsbild einer Fachverkäuferin im Lebensmittelhandwerk.

Dieser Meinung schloss sich offenbar auch eine Auszubildende in einer Fleischerei an. Sie kam öfter leicht verspätet in den Betrieb. Dem Chef war aufgefallen, dass sie immer wieder die Berufskleidung der vergangenen Woche trug. Spuren waren darauf deutlich erkennbar. Als vorläufigen Höhepunkt hatte sie sich ein gut sichtbares Augenbrauen-Piercing machen lassen. Das gefiel dem Meister nicht so gut. Heute reichte es ihm. Es kam zum Streit und einer Zurechtweisung. Alles im Beisein der Kundinnen und Kunden. Für sie war das eine unangenehme und peinliche Situation. Sie fühlte sich öffentlich bloßgestellt.

Betrieblicher Alltag ist für viele junge Menschen noch neu

Nun geht es bei der Ausbildung, neben der Vermittlung von Kenntnissen und Fertigkeiten, auch um solche Dinge wie das Erscheinungsbild und die Umgangsformen. Auch die Arbeitskleidung, Pünktlichkeit oder das Verhalten gegenüber der Kundschaft und den Beschäftigten im Betrieb sind wichtige Elemente der Qualifizierung. Im Verlauf der Ausbildungszeit sollten die Ausbildenden berücksichtigen, dass für junge Menschen vieles im betrieblichen Alltag nicht selbstverständlich ist und erst noch gelernt werden muss. Die Situation in der Arbeitswelt ist, gegenüber dem bisherigen Schülerdasein, mit zahlreichen Veränderungen verbunden. Ein wesentlicher Baustein ist ein ordentliches Auftreten im Betrieb. Aus den verschiedensten Gründen ist das nicht die Privatsache der Lehrlinge. Entscheidend ist dabei immer, ob die Auszubildenden eine gewisse Seriosität ausstrahlen müssen und viel Kundenkontakt haben.

Sowohl im Privatleben wie bei der Berufsausbildung kommt es immer wieder vor, dass die Menschen ein und dieselbe Situation unterschiedlich wahrnehmen. Während der ausbildende Geselle und Meister die Meinung vertreten, eindeutige Regeln zur Kleiderordnung und zum Erscheinungsbilde gesetzt zu haben, meint die Auszubildende, darüber sei bisher gar nicht gesprochen worden und alles ist bei ihr in Ordnung.

Erwartungen an die Kleiderordnung müssen eindeutig formuliert werden

Ein guter Ausbildungsverlauf braucht eindeutige Vereinbarungen. Nur so sind Missverständnisse und Konflikte vermeidbar. Der Meister hat hier offensichtlich seine Erwartungen bezüglich der Kleiderordnung, Pünktlichkeit und zum Erscheinungsbild, vor allem beim Kundenkontakt, nicht eindeutig formuliert. Ebenso hatte er es schon im Bewerbungsgespräch versäumt, insbesondere zum Thema Piercing, seine eindeutigen Regeln für das Verhalten im Betrieb zu beschreiben. So wusste die Auszubildende nicht, was von ihr erwartet wird.

Offensichtlich ist es für den Meister schwierig, ein Problem anzusprechen. Er wartet damit zu lange. Er hatte sich schon seit längerer Zeit über das Aussehen der Jugendlichen geärgert, hatte seinen Unmut aber für sich behalten. So hatte sich der Ärger und die Wut angestaut. In der aktuellen Lage kam es dann zu einer heftigen Explosion.

In der Praxis kommt es oft vor: Wenn Gefühle und persönliche Empfindungen im Spiel sind, wird es schnell unsachlich und verletzend. Hier wäre ein Gespräch unter vier Augen angebracht gewesen, um die Auszubildende nicht vor anderen zurechtzuweisen. Eine Gespräch auf einer angemessenen Augenhöhe führt in der Regel dazu, in einer unbefriedigenden Situation die passende Lösungen zu finden. Indem der Inhaber des Betriebes die Kritik und persönliche Meinung vor anderen Personen angebracht hat, würdigt er die Auszubildende herab. Die ganze Situation gerät in eine Schieflage.

Kein Piercing-Verbot, aber technische Regeln

Ein Piercing-Verbot gibt es nicht, weder in den Arbeitsschutzvorschriften noch in einer rechtlichen Grundlage. Es gibt nur technische Regeln. Diese beschreiben lediglich Maßnahmen und geben praktische Durchführungshilfen. Alles, was zum Beispiel zu einem Unfall führen könnte, ist abzudecken. Die Hygienevorschriften können die Auszubildenden dazu zwingen, den Körperschmuck während der betrieblichen Ausbildungszeit zu entfernen. Teilweise ist es aufgrund der Hygienevorschriften auch nicht erlaubt, Ringe oder Ketten zu tragen. Immer wenn ein Kundenkontakt entsteht, muss die Geschäftsführung entscheiden, ob das Erscheinungsbild der Beschäftigten und Lehrlinge zur Zielgruppe passt und ein sichtbares Piercing geduldet wird. Ein Piercing darf weder die Beschäftigten beschädigen, noch Personen, die von außen in den Betrieb kommen.

Wenn im Ausbildungsvertrag nichts vereinbart wurde, ist ein später eingebautes Piercing kein Grund zu einer fristlosen Kündigung.

Es soll Schülerinnen und Schüler mit einer ganz eigenartigen Meinung geben: Mit dem stolz zur Schau getragen Piercing glauben sie sich alle Rechte herausnehmen zu dürfen, alle anderen müssen das dulden. Sie meinen, nur ihre Leistung ist wichtig und die Körpergestaltung wäre ihre Privatsache. Ein Meister oder eine Meisterin, die so eine Ausschmückung ablehnt, könne keinen Ausbildungsplatz mit Wohlfühlatmosphäre bieten. Übrigens noch am Ende: Mit einem Körperschmuck haben sich schon manche die Übernahme nach der Ausbildungszeit vermasselt.

Ihr Ausbildungsberater Peter Braune

© privat

Peter Braune hat Farbenlithograph gelernt, war Ausbilder und bestand in dieser Zeit die Ausbildungsmeisterprüfung. Er wechselte als Ausbildungsberater zur Industrie- und Handelskammer Frankfurt am Main. Dort baute er dann den gewerblich-technischen Bereich im Bildungszentrum auf und leitete die Referate gewerblich-technischen Prüfungen sowie Ausbildungsberatung, zu der auch die Geschäftsführung vom Schlichtungsausschuss gehörte. Danach war er Referent für Sonderprojekte.