Kolumne Azubis mental auf das Ende ihrer Lehre vorbereiten

Der Azubi kann nach seiner Lehre nicht übernommen werden oder soll nach der Ausbildung an einem anderen Standort zum Einsatz kommen? Dann ist Fingerspitzengefühl bei der Kommunikation gefragt. Wie Unternehmer ihre Auszubildenden frühzeitig auf den Abschied vorbereiten, erklärt Ausbildungsberater Peter Braune in seiner aktuellen Kolumne.

Am Ende der Ausbildungszeit kann sich bei den Auszubildenden eine gewisse Unsicherheit breitmachen. Sie suchen eigentlich nach Orientierung und Unterstützung. - © robsonphoto - stock.adobe.com

Von Gastautor Peter Braune

Ich kaufe regelmäßig meine Bücher bei einer Buchhändlerin, weil ich es nicht anonym, mit irgendjemandem und im Nirgendwo zu tun haben möchte. Die Dame beschäftigt zurzeit eine Auszubildende im dritten Ausbildungsjahr. Die nimmt demnächst an der schriftlichen Abschlussprüfung teil. Seit dem Ausbildungsbeginn begleitete sie die junge Frau bestmöglich und bildete sie sehr erfolgreich aus. Am Anfang der Woche wurde ihr durch den Geschäftsführer mitgeteilt, dass die Auszubildende die Betriebsstätte direkt nach der bestandenen Prüfung verlassen muss.

Sie ist für eine Stelle in einem anderen Laden vorgesehen, der sich in der Nachbarstadt befindet. Die Entscheidung wird mit der These begründet, dass sie am jetzige Ausbildungsort immer die Auszubildende bleiben würde. Die junge Frau ist total geknickt und absolut am Boden. Ein zusätzliches Problem ist, dass sie keinen Führerschein besitzt und daher umziehen müsste.

Die Buchhändlerin hat nun Angst, dass sie die Prüfungen eventuell verhaut oder nicht die Ergebnisse erzielen wird, die sie eigentlich erzielen könnte. Sie bat mich um einen Rat und hoffte auf meine Hilfe. An ihrer Sprache und dem Erscheinungsbild konnte ich spüren, dass sie die junge Frau nicht loslassen möchte.

Am Ende der Lehre kann sich Unsicherheit breitmachen

Ich kenne verschiedene und vergleichbare Situationen. Daraus leite ich zunächst einmal ab, dass es dem Ausbildenden ein wenig am Fingerspitzengefühl mangelt, was den Zeitpunkt der Mitteilung betrifft. Die Sorge der Ausbilderin ist grundsätzlich berechtigt, denn ihre Gedanken sind nicht ganz von der Hand zu weisen.

Am Ende der Ausbildungszeit kann sich bei den Auszubildenden eine gewisse Unsicherheit breitmachen. Sie suchen eigentlich nach Orientierung und Unterstützung. Ich kenne die Fälle, in denen die Auszubildenden, nach so einer Information, absichtlich durch die Prüfung gefallen sind. Es ist sogar zu befürchten, dass die junge Dame den Betrieb ganz verlassen wird und sich der gesamte Aufwand für den Ausbildenden und die Ausbilderin nicht gelohnt hat.

Die Nachricht richtig kommunizieren

Die Übernahme in eine andere Betriebsstätte ist sicherlich als Vorteil für die Auszubildende gedacht. Sie ist offenbar für die neue Aufgabe gut geeignet. Das bedeutet auch, dass sie dort vom Personal anerkannt wird. Dieser Gesichtspunkt wurde der jungen Frau wohl nicht deutlich genug vermittelt. Das wäre leicht nachzuholen. Wenn der Auszubildenden klargemacht wird, dass man an ihr sowie ihrer Leistungsfähigkeit interessiert ist und sie mit dieser Entscheidung fördern will, kann sie sicher in die richtige Richtung gelenkt werden.

In dieser Situation wäre der richtige Ansatzpunkt ein in aller Ruhe geführtes Gespräch. Dabei ist es sehr wichtig, dass eine positive Haltung zum Thema Übernahme von Auszubildenden thematisiert wird und die Verantwortlichen ihr mitteilen wie wichtig es ist, gut ausgebildete Mitarbeiter behalten.

Grundsätzlich ist zu bedenken, ob die Ausbilder, die mit großem Engagement gearbeitet haben, unter Umständen so eine Situation mitverantworten. Hier gilt es loszulassen und nicht zu signalisieren wie enttäuscht sie sind.

Auch Ausbilder frühzeitig vorbereiten

Auch im Handwerk gibt es viele Unternehmen, deren Betriebsstätten auf ganz unterschiedliche Standorte verteilt sind. Die Ausbildenden könnten leicht in ähnliche Situationen kommen wie die Buchhändlerin. Es wäre sicherlich sehr hilfreich, das ausbildende Personal rechtzeitig auf so einen Fall vorzubereiten. Das gilt übrigens auch, wenn die Auszubildenden nicht in ein Beschäftigungsverhältnis übernommen werden sollen.

Mit dem Bestehen der Abschlussprüfung haben die Auszubildenden und Ausbildenden das Ziel erreicht. Weitere Verpflichtungen hat keine der beiden Parteien. Kein Gesetz schreibt vor, die Ausgebildeten in ein Beschäftigungsverhältnis zu übernehmen. Die einzige Ausnahme sind die Mitglieder der Jugend- und Auszubildendenvertretung. Der Abschluss der Ausbildung ist eine einschneidende Situation. Die Auszubildenden müssen loslassen, um frei zu sein für die Aufgaben einer gut qualifizierten Fachkraft.

Entscheidung über Übernahme nicht zu lange hinauszögern

Die Entscheidung über die Übernahme ist von der aktuellen wirtschaftlichen und personellen Situation abhängig. Es ist sinnvoll, die Entscheidung möglichst frühzeitig mitzuteilen.

Bei einer Übernahme in ein Beschäftigungsverhältnis gibt es viele Möglichkeiten, um diesen Schritt vorzubereiten. Ich kenne da ein Bauunternehmen, da tauschen sich der Ausbilder und die Poliere fortlaufend über die Tätigkeiten, Fähigkeiten und Stärken der Auszubildenden aus. Das ermöglicht die frühzeitige Einschätzung, welcher Arbeitsgruppe die jungen Leute zugeteilt werden könnten.

Noch zum Schluss: Bei einer Übernahme der Auszubildenden nach bestandener Abschlussprüfung, ohne einen unterschriebenen Arbeitsvertrag, wird automatisch ein Arbeitsverhältnis auf unbestimmte Zeit begründet.

Ihr Ausbildungsberater Peter Braune

Peter Braune hat Farbenlithograph gelernt, war Ausbilder und bestand in dieser Zeit die Ausbildungsmeisterprüfung. Er wechselte als Ausbildungsberater zur Industrie- und Handelskammer Frankfurt am Main. Dort baute er dann den gewerblich-technischen Bereich im Bildungszentrum auf und leitete die Referate gewerblich-technischen Prüfungen sowie Ausbildungsberatung, zu der auch die Geschäftsführung vom Schlichtungsausschuss gehörte. Danach war er Referent für Sonderprojekte.