Kolumne Auch "schwächeren" Azubis eine Chance geben

"Was nutzt es dem Handwerker, wenn er eine Abiturientin für die Ausbildung einstellt, die nach der Prüfung verschwindet", fragt Ausbildungsberater Peter Braune in seiner aktuellen Kolumne. Warum er es für sinnvoll hält, auch schwächeren Azubis eine Gelegenheit zu geben, wie sie gefördert werden können – und welche Unterstützungsangebote es für Betriebe gibt.

Zimmermann zeichnet mit Winkel auf Balken.
Zimmermann-Azubi zeichnet mit dem Winkel an. - © contrastwerkstatt - stock.adobe.com

Von Gastautor Peter Braune

Die Qualität der Bewerberinnen und Bewerber hat stark nachgelassen. Die Probleme in Deutsch und Mathematik sind dramatisch, die Konzentrations- und Merkfähigkeit ist mangelhaft und die allgemeinen Anforderungen an die Pünktlichkeit, Höflichkeit oder Zuverlässigkeit werden in vielerlei Hinsicht nicht erfüllt.

Diese Meinung kann man vertreten, ich bin mir aber sicher, dass die berufliche Eingliederung, dieser angeblich mit einem Mangel behafteten jungen Menschen, eine wichtige Aufgabe ist. An der sollten sich auch die Ausbildenden im Handwerk beteiligen. Es ist klar, dieses Ziel ist nicht in allen Fällen über eine betriebliche Berufsausbildung zu erreichen.

Unerträglich sind für mich in diesem Zusammenhang die häufig geführten Diskussionen, über den so genannten Lehrstellenmangel. Sie wird vor allem auf der Grundlage einer gewissen Unkenntnis geführt und zur Begründung werden gerne die falschen Statistiken der Arbeitsagentur benutzt. Es ist weithin unbekannt, dass damit immer nur eine Teilmenge des Ausbildungsmarktes abgebildet wird. Die Fachkräfte der Arbeitsagentur versuchen zwar, mit einem unverhältnismäßig hohen Aufwand, jedoch teilweise geringem Erfolg, bei den Jugendlichen nachzuhaken, um festzustellen, ob sie noch einen Ausbildungsplatz suchen. Diejenigen, die sich nicht melden, bleiben jedoch statistisch erhalten.

Auf der anderen Seite der Medaille stehen die Ausbildenden, die zu einem erheblichen Teil nichts mit der Arbeitsagentur zu tun haben wollen und trotz aller Bemühungen ihre offenen Ausbildungsplätze dort nicht melden. Nach meiner Kenntnis meldet knapp die Hälfte der Betriebe die offenen Ausbildungsplätze. Etwa sechzig Prozent der Jugendlichen suchen über die Agentur für Arbeit einen Ausbildungsplatz.

Bei schwachen Jugendlichen besteht oft eine Mehrfach-Benachteiligung

Unsere Berufsausbildung ist sehr stark von der Meisterlehre geprägt. Doch dieses Angebot greift nicht, weil angeblich die geeigneten Bewerbungen fehlen. Die Anständigen, mit einem Realschulabschluss und beruflichem Ehrgeiz, sind offenbar Mangelware. Wer wagt es schon mit einem Kerl, auf dessen Stirn ein Tattoo prangt und der allgegenwärtig mit einer Kappe die Kopfhaut warmhält?

Aber was nutzt es dem Handwerker, wenn er eine Abiturientin für die Ausbildung einstellt, die sich, bedingt durch ihre Intelligenz, selbst ausbildet und nach der Prüfung verschwindet. Ist es nicht sinnvoller den Schwachen die Gelegenheit zu geben, damit sie ihr Können unter Beweis stellen können?

Bei den schwachen Jugendlichen besteht oft eine Mehrfach-Benachteiligung. Sie haben häufig keinen Schulabschluss, nachdem sie die allgemeine Schulpflicht erfüllt haben. Ein gewisser Anteil kommt aus einer Sonderschule und betritt dann den Ausbildungsmarkt. Bei einigen wurden schwerwiegende Bildungsmängel festgestellt. Zu den Merkmalen gehören unter anderem mangelnde Leistungsfähigkeit, mangelhafte Kenntnisse in Deutsch und Rechnen, Unlust eine Ausbildung zu machen, fehlendes Leistungsbewusstsein und familiären Probleme. Häufig sind sie nicht in der Lage, mit anderen Menschen klar zu kommen oder haben eine gesundheitliche Einschränkung.

Anteil junger Anzubis mit Hauptschulabschluss erhöhen

Trotz dieser Hürden und teilweisen Zumutungen sollte es das wesentliche Ziel sein, den Anteil der jungen Menschen, die mindestens einen Hauptschulabschluss haben, in der dualen Berufsausbildung zu erhöhen. Ein wichtiger Baustein sind die Bemühungen der Lehrerinnen und Lehrer, in den Schulen mit Hauptschulzweig, die Berufsorientierung und damit die Übergänge in die Arbeitswelt zu verbessern.

Es gibt recht gute Ansätze, um diese Ziele zu erreichen. Sehr erfolgreich sind zum Beispiel die kontinuierlichen Praxistage. In den Schulen, wo das Konzept konsequent genutzt wird, steigerte sich der Übergang, in die nicht geförderte Berufsausbildung, auf 60 Prozent. Es sieht einen verbindlichen, betrieblichen Arbeitstag pro Woche, mit sieben Stunden Arbeitszeit vor. Die Schülerinnen und Schüler der Klassen 8 und 9 haben die Möglichkeit maximal vier Berufe kennen zu lernen. Die Vorbereitung startet in der siebten Klasse. Es beteiligen sich sehr erfolgreich, seit mehreren Jahren, auch die Meisterbtriebe aus verschiedenen Gewerken. Ein Teil davon hatte seit Jahren keine Bewerberinnen und Bewerber auf die angebotenen Plätze.

Einstiegsqualifizierung nutzen

Ein weiteres gutes Werkzeug ist die Einstiegsqualifizierung. Die wird den jungen Leuten angeboten, denen die Aufnahme einer Berufsausbildung noch nicht gelungen ist und deren Chancen damit verbessert werden soll. Das gelingt bis zu 70 Prozent. Das Ziel ist die Vermittlung von arbeitsplatzbezogenen Qualifikationen. In sechs bis zwölf Monaten sind die Jugendlichen im Unternehmen. Es sind überwiegend kleine und mittlere Unternehmen eingebunden, die bisher nicht ausgebildet hatten. Wie beim kontinuierlichen Praxistag entsteht eine Bindung zwischen den Beteiligten. Dieses Konzept durfte ich vor einiger Zeit bei der Innung der Rollladen- und Sonnenschutzmechatroniker vorstellen. 

Für die schwächeren Jugendlichen können die Ausbildenden im Handwerk eine ausbildungsbegleitende Hilfe beantragen. Dabei hauptsächlich Förder- und Stützunterricht sowie sozialpädagogische Begleitung. Der Förderunterricht wird individuell an die Bedürfnisse des Jugendlichen angepasst.

Fördern und Fordern

Wenn die Ausbildungsbetriebe im Handwerk der besonderen Zielgruppe eine Ausbildungschance bieten, brauchen sie eine Bildungsbegleitung, für die Sicherung des langfristigen Eingliederungserfolges, die Vermeidung von Ausbildungsabbrüchen und zum langfristigen Erhalt der Ausbildungsplätze. Die Begleitung sollte dem pädagogischen Prinzip "Fördern und Fordern" folgen. Sie hilft bei der Planung, fördert, gewährleistet, organisiert, koordiniert, begleitet, dokumentiert kontinuierlich den Qualifizierungsverlauf und fördert die Auszubildenden durch Lernhilfen in der Theorie.

Ihr Ausbildungsberater Peter Braune

Peter Braune hat Farbenlithograph gelernt, war Ausbilder und bestand in dieser Zeit die Ausbildungsmeisterprüfung. Er wechselte als Ausbildungsberater zur Industrie- und Handelskammer Frankfurt am Main. Dort baute er dann den gewerblich-technischen Bereich im Bildungszentrum auf und leitete die Referate gewerblich-technischen Prüfungen sowie Ausbildungsberatung, zu der auch die Geschäftsführung vom Schlichtungsausschuss gehörte. Danach war er Referent für Sonderprojekte.