Kolumne Überstunden während Ausbildung müssen Ausnahme sein

Auszubildende müssen Überstunden leisten, wenn Ausbildende das anordnen. An diesen leider weit verbreiteten Irrglauben musste ich spontan denken, als ich gezwungenermaßen ein recht laut geführtes Gespräch im Bus mithören konnte.

Gastautor Peter Braune

Digitale Zeiterfassung mit Chip. - © Ralf Geithe - stock.adobe.com

Ein junger Mann berichtete seiner Freundin, dass er gestern, als er in der Berufsschule für die Elektroniker war, per SMS von seinem Meister gefragt wurde, ob er nächste Woche einige Überstunden leisten könne. Er müsse dann an einem der zwei Berufsschultage, nach mehr als fünf Unterrichtsstunden, nicht mehr in den Betrieb kommen. So könnte er diese Überstunden abbauen.

Noch von unterwegs habe er seinem Ausbilder geantwortet, dass er nicht könne und ging in den Betrieb. Dort sei er angemeckert worden, dass er nie Überstunden leisten würde und dass er sich ja letztendlich auch den festangestellten Beschäftigten angleichen müsse. Er versuchte daraufhin dem Meister klar zu machen, die geforderten Überstunden leisten zu wollen, wenn es denn passt. Der kam dann mit dem Argument, er würde ja schon öfter frei bekommen, um seine privaten Termine wahrzunehmen. Wie das Thema mit den Überstunden ausging, konnte ich nicht mehr erfahren, denn ich musste aussteigen.

Überstunden während der Ausbildung sind weder vorgesehen noch einzuplanen

Ich muss mich als Ausbilder mit Leib und Seele zurückhalten, wenn ich so etwas höre. Gerne würde ich, auch ungefragt, meine Meinung dazu äußern. In diesem Fall wären die Überstunden alle Zeiten, die über die im Ausbildungsvertrag vereinbarte, tägliche Arbeitszeit hinausgehen. Die Auszubildenden müssen aber grundsätzlich keine Überstunden leisten. Sie können auch nicht angeordnet werden. Die Überstunden während der Ausbildung sind immer nur eine Ausnahme, sind also weder vorgesehen noch einzuplanen.

Einige Sonderfälle könnten sich im Zusammenhang mit einem Notfall ergeben, bei dem die Treuepflicht den Ausbildenden gegenüber greift. Das könnte bei einer Überschwemmung, einem Sturm- oder Brandfall oder in anderen Situationen sein, in denen es um die Abwehr von Gefahren für den Betrieb geht.

Für volljährige Auszubildende gilt der Acht-Stunden-Tag, hier gibt es aber einige Ausnahmen. So dürfen sie dann bis zu zehn Stunden am Tag arbeiten, wenn innerhalb von sechs Kalendermonaten oder 24 Wochen dennoch im Schnitt acht Stunden werktäglich gearbeitet wird. Es dürfen also nur einzelne Tage sein, an denen Überstunden anfallen und dafür muss an anderen Tagen kürzer gearbeitet werden. So müssen die Ausbildenden den Volljährigen für die zusätzlich geleisteten Stunden einen Ausgleich gewähren. Das kann in finanzieller Form geschehen oder dadurch, dass sie die entsprechende Zeit freibekommen. Dieser Ausgleich muss innerhalb eines Jahres stattfinden.

Ausbildung nicht mit Angestelltenverhältnis gleichzusetzen

Ein Berufsausbildungsvertrag ist kein Arbeitsvertrag. Es handelt sich hierbei um ein Beschäftigungsverhältnis besonderer Art. Es sind eine ganze Reihe arbeitsrechtlicher Vorgaben anzuwenden. Das gilt jedoch nicht in diesem Fall. Der Umgang mit dem Thema Überstunden ist nicht gesetzlich geregelt. Auch von den Beschäftigten können nur dann Überstunden verlangt werden, wenn es eine entsprechende Vereinbarung gibt. Das kann der Arbeitsvertrag sein, eine Vereinbarung mit dem Betriebsrat oder ein Tarifvertrag. Ohne die Vereinbarungen dürfen die Überstunden nur in den absoluten Notfällen verlangt werden. Ein überraschend eingehender Terminauftrag ist zum Beispiel kein Notfall. Wenn es keine Vereinbarung gibt, müssen sie im Einzelfall ausgehandelt werden.

Im Gegensatz zu den Arbeitnehmern darf mit den Auszubildenden im Ausbildungsvertrag oder in einer Nebenvereinbarung nicht festgelegt werden, dass Überstunden zu leisten sind. Eine solche Regelung wäre eine nichtige Vereinbarung. Wenn die Auszubildenden die Überstunden freiwillig machen, gelten die gesetzlichen Höchstarbeitszeiten. Für die Minderjährigen gilt laut Jugendarbeitsschutzgesetz eine maximale Arbeitszeit von 40 Stunden. Für die Volljährigen gilt, nach dem Arbeitszeitgesetz, eine maximale Arbeitszeit von 48 Stunden in der Woche. Auch die Überstunden dienen immer dem Ausbildungszweck. Die auszuführenden Tätigkeiten sind immer einem Lernziel im betrieblichen Ausbildungsplan zuzuordnen. Es muss ein Ausbilder oder eine Ausbilderin anwesend sein.

Überstunden bei volljährigen Azubis vergüten oder ausgleichen

Wenn es bei den volljährigen Auszubildenden wirklich einmal zu Überstunden kommt, muss diese über die vereinbarte regelmäßige Ausbildungszeit hinausgehende Beschäftigung besonders vergütet oder durch entsprechende Freizeit ausgeglichen werden.

In so einem Fall könnten die Betroffenen die Überstunden sogar dann noch geltend machen, wenn das Ausbildungsverhältnis schon beendet ist. Daher sollten die ausbildenden Meisterinnen und Meister ein paar Grundregeln beachten, damit sie bei einem Streit vor Gericht nicht den Kürzeren ziehen.

Es wird stets aufgeschrieben und von beiden Parteien unterschrieben, an welchen Tagen, wie lange, womit und in welchem Zusammenhang, mit welchem Lernziel eine Mehrarbeit notwendig war. Nie aus heiterem Himmel die nötigen Überstunden ankündigen, sondern möglichst rechtzeitig mit den betroffene Auszubilden reden, in der Regel haben die dafür Verständnis und machen freiwillig mit. Logischerweise muss bei den Überstunden immer die Ausbilderin oder der Ausbilder dabei sein, denn sonst kann ja niemand, mit der geeigneten Methode, die erforderliche Unterweisung vornehmen.

Ihr Ausbildungsberater Peter Braune

Peter Braune hat Farbenlithograph gelernt, war Ausbilder und bestand in dieser Zeit die Ausbildungsmeisterprüfung. Er wechselte als Ausbildungsberater zur Industrie- und Handelskammer Frankfurt am Main. Dort baute er dann den gewerblich-technischen Bereich im Bildungszentrum auf und leitete die Referate gewerblich-technischen Prüfungen sowie Ausbildungsberatung, zu der auch die Geschäftsführung vom Schlichtungsausschuss gehörte. Danach war er Referent für Sonderprojekte.