TV-Kritik: ZDF - Maybrit Illner Wenn ein Bäcker dem Finanzminister die Realität klarmacht

Deutschland und die Welt befinden sich in einer multiplen Krise. Dass dies Kosten und Einschnitte nach sich ziehen wird, ahnen viele Menschen im Land. Aber wie hoch wird die Rechnung am Ende genau ausfallen? Wer bezahlt sie? Und wie kann der Staat helfen? Bei Maybrit Illner stand Finanzminister Christian Lindner Rede und Antwort. Dabei wurde er mit einem Bäckermeister aus Rostock konfrontiert, der die Probleme in der Praxis deutlich auf den Tisch legte – und für einen Gänsehautmoment sorgte.

Das Handwerk zu Gast bei Maybrit Illner: Matthias Grenzer, selbstständiger Bäckermeister aus Rostock, konfrontierte Finanzminister Christian Lindner mit der Situation in der Praxis. - © Screenshot ZDF / Maybrit Illner

Es ist ja nicht so, dass es derzeit nicht spannend wäre. Kaum schien die Corona-Krise halbwegs bewältigt, da marschierte Russland in der Ukraine ein – und die Preise, die schon zuvor zu klettern begonnen hatten, schossen noch weiter in die Höhe. Nicht nur im Supermarkt und bei der Gasrechnung merken die Deutschen derzeit, dass es die tot geglaubte Inflation doch noch gibt – nein, auch Unternehmen müssen mit stark steigenden Kosten über alle Bereiche hinweg kämpfen. Längst ist nicht nur teure Energie ein Problem, sondern auch Rohstoffe sind auf breiter Front teurer geworden.

Der Staat hat diverse Unterstützungsmaßnahmen angekündigt – von der Energiepauschale bis zum Neun-Euro-Ticket ist so einiges für die Verbraucher und Angestellten dabei, allerdings auch mit ordnungspolitisch zweifelhaftem Hintergrund. Doch wie geht es eigentlich den Unternehmen?

Eine ganze Sendung zu Wirtschaft und Mittelstand

Es war gut und verdienstvoll, dass sich die Redaktion von Maybrit Illner eine ganze Sendung lang mit der Wirtschaft, dem Mittelstand und den Angestellten in diesem Land beschäftigte. Außer Finanzminister Christian Lindner war kein einziger Politiker eingeladen, dafür mehrere Stimmen außerhalb der Politik und von Praktikern.

So waren der Vorsitzende des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) und Aufsichtsratschef des Mittelständlers Hawe Hydraulik, Karl Haeusgen, die neue DGB-Chefin Yasmin Fahimi und die Wirtschaftsweise Veronika Grimm zu Gast – und eben auch der selbstständige Bäckermeister Matthias Grenzer, der unter anderem auch Landesinnungsmeister in Mecklenburg-Vorpommern ist. Und sein Auftritt in der Talkshow war mehr als berechtigt, da er die Diskussion erdete und die Probleme vor Ort skizzierte.

"Brot darf nicht zum Luxusartikel werden"

Denn die Bäcker trifft die derzeitige Krise gleich aus mehreren Richtungen. Backstuben sind naturgemäß energieintensiv, und das Bäcker-Handwerk hängt auch stark von Rohstoffpreisen für Getreide ab. Was das bedeutet, dürfte jeder schon beim Brotpreis festgestellt haben. Er könne aber die gestiegenen Kosten nicht in vollem Umfang an die Kunden weitergeben, sagte Grenzer. Der Preis für Mehl etwa habe sich zwar binnen sechs Monaten von 30 auf 60 Cent verdoppelt, aber "wir können unserer Kundschaft nicht alles zumuten", sagte Grenzer. "Brot darf nicht zum Luxusartikel werden." Er verkaufe deutlich weniger, weil die Kunden neben Freizeitbeschäftigungen wie dem Kino auch bei Lebensmitteln zu sparen beginnen.

So sieht es also aus da draußen, und als es noch um das Thema Energie ging, wurde Grenzer fast noch deutlicher: "Wir haben Angst davor, dass der Gashahn zugedreht wird", sagte der Bäckermeister mit Blick auf eine weitere Eskalation im Wirtschaftskrieg des Westens mit Russland. Auf Strom umzustellen, das gehe nicht, Vorsorge sei deshalb unmöglich.

Die Klage des Bäckermeisters, der in ruhigem, sachlichen Ton sprach und vor der Kamera einen professionellen Auftritt hinlegte, veranlasste Lindner schließlich, die Abschaffung der EEG-Umlage und die Minderung der Energiesteuer als Maßnahmen der Bundesregierung gegen die Teuerung auch für Unternehmen zu verkaufen. Da ist ja auch was dran, doch Grenzer zeigte noch einmal auf, dass die Möglichkeiten für ihn und seinen Betrieb dennoch begrenzt seien. "Wir können nicht von Rostock nach München ziehen, wenn es nicht mehr läuft. Das können vielleicht große Konzerne. Deshalb brauchen wir Unterstützung, wenn es hart auf hart kommt."

Streit um die Lohn-Preis-Spirale

Wie diese aussehen könnte, darum stritt sich die Runde praktisch die kompletten 60 Minuten lang. Mitunter ging es hektisch durcheinander, es wurden allerdings nur altbekannte Positionen ausgetauscht. DGB-Chefin Fahimi betonte, dass in den anstehenden Tarifverhandlungen ordentliche Ergebnisse erzielt werden müssten und verneinte, dass eine Lohn-Preis-Spirale drohe – also eine sich selbst verstärkende Dynamik zwischen stark steigenden Löhnen und Preisen.

VDMA-Chef Haeusgen warnte indes genau vor dieser, räumte aber angesichts der Inflation ein, dass es natürlich angemessene Erhöhungen brauche. Eine Art vermittelnde Position hatte Wirtschaftswissenschaftlerin Grimm inne. Sie versuchte das Thema auch immer auf die anstehende Transformation der Wirtschaft hin zu mehr Nachhaltigkeit und einer ökologischen Wirtschaftsweise zu lenken. Und schließlich landeten die Teilnehmer oft bei Lindner und luden ihre Forderungen bei ihm als Finanzminister ab – er konterte diese allerdings in den meisten Fällen aus.

Wie viel Hilfe soll der Staat leisten?

Bei einem der grundlegenden Punkte der Diskussion kamen die Teilnehmer indes nicht zusammen, nämlich der Frage, wie weit der Staat bei den Hilfen für Unternehmen und Verbraucher gehen sollte und welchen Beitrag die Wirtschaft leisten solle. Fahimi forderte mit Blick auf Lindner, der Staat dürfe nicht wie ein "kleiner Kämmerer" daherkommen, sondern müsse jetzt Investitionen tätigen.

Haeusgen sprach in diesem Kontext anstatt ständiger Hilfen aber auch die Rahmenbedingungen für die Wirtschaft an. "Es wird immer gesagt, was kann der Staat tun, aber 90 Prozent der Investitionen kommen in Deutschland aus der Privatwirtschaft", stellte er klar. Und es müsse klar sein, dass es nicht nur staatliche Entlastungspakete brauche, um das zu überwinden. "Es darf nicht sein, dass wir denken, dass das alles über staatliche Verteilung aufgefangen wird."

Da war die DGB-Chefin natürlich erneut ein wenig anderer Meinung und brachte die Bedürftigen in die Diskussion ein, die die Unterstützung angesichts der Inflation dringend bräuchten. Daran herrschte letztlich auch kein Zweifel. Die anstehenden Tarifverhandlungen, das wurde klar, dürften jedenfalls interessant werden.

"Kulturgut deutsches Brot" bald unerschwinglich?

Insgesamt war es eine zivilisiert geführte Diskussion, die sich allerdings mitunter im Klein-Klein verlor. Und so blieb es Bäckermeister Grenzer vorbehalten, eben jenen Klein-Klein-Modus einmal zu verlassen und das Gespräch auf eine andere Ebene zu heben, die bei all den Entlastungspaketen, Subventionen und Steuersenkungen oft zu kurz kommt.

Mit Blick auf die gestiegenen Kosten in seiner Backstube und die Tendenz der Kunden, beim Kauf genauer zu rechnen und hinzuschauen als früher, fragte er mit ruhiger, aber dennoch klarer Stimme, als Lindner seine Entlastungspakete runter gerattert hatte: "Müssen wir nicht dafür Sorge tragen, dass jeder sich das Kulturgut deutsches Brot noch leisten kann?" Diese neue Perspektive sorgte für Gänsehaut.

Lindner antwortete mit seiner Herkunft aus einer Bäckerfamilie und dass er diesbezüglich wohl der beste Ansprechpartner in der Bundesregierung sei. Das war ein wenig flapsig und der Sache nicht angemessen. Denn angesichts der Inflation und der generellen Unsicherheit im Land droht ja nicht nur das Geld in den Kassen knapp zu werden. Zuerst sterben lieb gewonnene Traditionen, stirbt eben Kulturgut, dessen Pflege man sich nicht mehr leisten kann, wenn immer spitz gerechnet werden muss. Das Verdienst, in einer mitunter hektischen Diskussion darauf hingewiesen zu haben, gebührt Bäckermeister Grenzer.

>>> Die vollständige Sendung können Sie online nachschauen: "Maybrit Illner: Krieg, Corona, Inflation – eine Krise zu viel?"