Nachhaltiges Baumaterial Wenn die Fliesen mal Bauschutt waren

Die Herstellung von Baumaterialien verschlingt viele Ressourcen. Meistens. Doch es geht auch anders. "Shards" sind Fliesen aus Bauschutt. Sie bestehen nur aus dem, was schon einmal verbaut war. In diesem Jahr wird aus der Materialstudie eine Manufaktur. Die Erfinderin erzählt.

Shards - Fleisen aus Bauschutt
Fliesen aus Bauschutt gehen in die Serienproduktion: Erste Praxistests haben die "Shards" schon erfolgreich absolviert. - © Shards

Lea Schücking schreibt Rezepte. Die Zutaten: Glas, Bauschutt und vor allem alte Ziegelsteine und Dachziegel. Bauschutt in verschiedener Zusammensetzung macht sie zu neuem Baumaterial, genauer gesagt Wandfliesen. Kreislauf pur; ressourcenschonend und nicht unkompliziert. Denn damit man ganze Wände mit Fliesen bestücken kann, die nahezu gleich aussehen, muss man eben herausbekommen, welche "Zutat" welche Farbe ergibt. Von verschiedensten Grüntönen, über braun, creme bis schwarz ist alles dabei. Zusätzliche Farbstoffe kommen nicht hinein.

"Wenn man die roten Ziegelsteine brennt, oxidieren Metallionen wie Eisen und ergeben unterschiedliche Farben," erklärt Lea Schücking. "Ein magischer Prozess" sei es, wenn aus Rot plötzlich Grün wird. Ihre Fliesen kommen ohne jeglichen Import von umweltbelastenden Farbstoffen oder anderen Zusätzen aus.

Fliesen aus Bauschutt gehen in die Serienproduktion

Lea Schücking ist die Gründerin von Shards. Sie macht Fliesen aus Bauschutt. "Shards" – englisch für "Scherben" – sind noch Prototypen von Wandfliesen, die komplett aus Materialen bestehen, die einmal im Einsatz waren. In diesem Jahr steht für Shards die Marktreife an, denn mit dem Aufbau einer rund zehn Mann und Frau starken Manufaktur soll die Serienproduktion beginnen können.

Alles findet in Kassel statt. Dort hat Lea Schücking nach einer Tischlerausbildung ein Produktdesign-Studium an der Kunsthochschule absolviert. Dabei hat sie mehrere Jahre immer wieder in intensiven und weniger intensiven Phasen an den Fliesen gearbeitet und unzählige Materialstudien durchgeführt.

"Mein Ansatz war von Anfang an, dass ich ein Material verwenden wollte, für das es eigentlich gar keine Verwendung gibt – Bauschutt eben", sagt sie. Entstanden sind dabei grüne Flatschen. Interessant in der Farbe und auch haptisch angenehm. "Aber es hat eine Weile gedauert, bis mir klar wurde, dass das Material eine Fliese sein wollte", erzählt die 37-Jährige.

Lea Schücking_Shards - Fleisen aus Bauschutt
Lea Schücking ist die Erfinder der "Shards". Sie baut nun eine Manufaktur für die Fliesenherstellung auf. - © Hessen Design/Britta Hünning

Damit begann die Zeit des Rezepteschreibens, die bis heute anhält. Dazu kamen Messen und Wettbewerbe, auf denen Lea Schücking ihre Fliesen vorgestellt hat – mit Erfolg. 2018 bekamen die Shards den Bundespreis Ecodesign, 2021 folgten der Hessische Gründerpreis und der Deutsche Nachhaltigkeitspreis Design. "Mir war dann irgendwann klar, dass die Fliesen nicht nur ein Projekt sind, ein Forschungsergebnis oder eine Idee, sondern ein Business", erklärt die Nachwuchsunternehmerin. Nun baut sie ihr Fliesen-Business auf. In einem Video auf der Website shardstiles.com zeigt sie den aktuellen Herstellungsprozess und erklärt die Hintergründe der zirkulären Herstellung der Fliesen.

Fliesen ohne Primärrohstoffe: Shards aus Bauschutt

Im Vergleich zu ähnlichen Produkten, die es bereits auf dem Markt gibt, ist der Kreislauf bei den Shards ein tatsächlicher. So verwenden andere Hersteller entweder Farbstoffe, die hinzugesetzt werden, oder sie integrieren einfach die eigenen Abfälle in den Herstellungsprozess und beschreiben dies dann als besonders nachhaltig. Shards geht weiter und nutzt keine Primärrohstoffe für die Fliesen. Außerdem können die Fliesen aus Bauschutt theoretisch immer wieder zu neuen gemacht werden, falls sie denn einmal kaputt gehen oder nicht mehr gefallen.

Shards - Fleisen aus Bauschutt
Der Bauschutt für die "Shards" kommt unter anderem von Recyclingunternehmen. Foto: Shards - © Shards

Der Bauschutt dafür kommt von regional ansässigen Recyclingunternehmen und Mahlwerken und auch von Ziegelherstellern, die Reste und kaputte Stücke ihrer Produktion nicht selbst verwerten. Alle diese Abfälle sind schon einer Gefahrstoffuntersuchung unterzogen worden. Diesen Schritt möchte ihre Firma in Zukunft auch selbst organisieren können. "Dann könnten wir zum Beispiel aus Dachziegeln, die erneuert werden, Fliesen für eine Wand im selben Haus fertigen“" erklärt Lea Schücking den Ansatz, dann noch lokaler zu wirtschaften. Denn auch in der Regionalität bzw. Lokalität der Kreisläufe sieht sie einen Vorteil der Shards. "Wir sind nicht abhängig von den weltweiten Lieferketten."

Einen längerfristigen Praxistest haben die Shards auch bereits überstanden. Seit 2016 kann Lea Schücking sie immer wieder in der Küche im Haus ihrer Mutter begutachten. Damals hat ein Fliesenleger sie dort angebracht und "dabei auch keine Unterschiede zum Fliesen mit herkömmlichen Produkten festgestellt", erzählt die Produktdesignerin. Mittlerweile kamen auch schon eine Reihe weiterer Bauvorhaben dazu, bei denen mit Shards gefliest wurde wie das Rathaus der nordhessischen Gemeinde Korbach, ein Industriegebäude in Heidelberg oder ein mehrstöckiges Bürogebäude in den Niederlanden.

Shards: Fliesen aus Bauschutt
"Shards" heißt "Scherben", es sind Fliesen aus Bauschutt, die ohne jegliche Primärrohstoffe auskommen. Foto: Shards

Fliesen aus Bauschutt: Von der Wand auf den Boden

2022 geht sie mit den Shards nun einen großen Schritt weiter. Der Aufbau der Produktion mit bis zu zehn Mitarbeitern soll bis Anfang 2023 erfolgen. Neben den Wandfliesen sollen dann auch noch Bodenfliesen hergestellt werden können. Da diese aber andere Anforderungen an Härte und Abrieb haben, sind sie bislang noch Teil von neuen Materialstudien.

Wichtig ist der Unternehmerin, dass alles in nachhaltigen Schritten verläuft. Denn das Ziel ist – obwohl der Begriff an sich oft schwer zu greifen ist – die "klimaneutrale" Fliese. So nutzt Schücking beispielsweise Öfen, die mit Ökostrom betrieben werden. An den regionalen Kreisläufen möchte sie festhalten. Und sie bekommt schon jetzt mit, dass auch denjenigen, die sich für die Fliesen interessieren, genau dieser Ansatz wichtig ist und vielen immer wichtiger wird.