Noch bis einschließlich Sonntag können beim Stuttgarter Trickfilm-Festival über 1.000 Filme aus aller Welt bestaunt werden. Auch Handwerker spielen in so mancher animierten Geschichte eine tragende Rolle – wenn auch nicht immer so, wie man es zunächst erwarten würde.
Lars-Christian Daniels

Die nackten Zahlen sind alarmierend: Laut einer KfW-Studie wird fast jeder vierte Betriebsinhaber im Handwerk in den nächsten fünf Jahren seinen Betrieb übergeben oder stilllegen. Die Zahl der zu übergebenden Betriebe liegt doppelt so hoch wie die der potenziellen Nachfolger. Angesichts dieser misslichen Lage ist der sympathische 3D-Animationsfilm "The Death, Dad & Son", der beim diesjährigen Internationalen Trickfilm-Festival (ITFS) in Stuttgart in der Panorama-Sektion gezeigt wird, trotz seiner schwarzhumorigen Geschichte mitten aus dem Leben gegriffen: Auch hier sucht ein erfolgreicher Unternehmer vergeblich einen Nachfolger – und scheitert zunächst kläglich dabei, seinem dafür prädestinierten Sohn die Übernahme des Geschäfts schmackhaft zu machen.
Töten? Nein, danke!
Im Zusammenhang mit dem französischen Kurzfilm von Regisseur Denis Walgenwitz und Comic-Autor Winshluss von "Leben" zu sprechen, birgt eine gewisse Ironie, denn kein Geringerer als der Tod höchstpersönlich möchte seinen prächtig laufenden Betrieb – gestorben wird schließlich immer – an seinen Sohn Mitchell übergeben. Doch der Kleine möchte lieber Schutzengel werden, und auch mit handwerklichen Tätigkeiten hat er wenig am Hut: Das Streichen des Gartenzauns, dass ihm sein Vater als Tagesaufgabe aufträgt, beendet er schon nach wenigen Pinselstrichen zugunsten einer gemütlichen Couch-Session und das Schlachten einer Kuh setzt ihm dermaßen zu, dass wohl auch kein guter Metzger an ihm verloren ginge.
Mitchells Talent als Schutzengel fällt aber ebenfalls überschaubar aus: Als er eine Kuh vor dem Tod im Schlachthaus rettet, müssen nach einer Kettenreaktion drei Menschen dafür ihr Leben lassen – und als er diese mehr schlecht als recht wiederzubeleben versucht, wandelt sich der Trickfilm zum waschechten Zombie-Comic, bei der die Untoten Jagd auf alles Lebende machen. Mitchell ist als Schutzengel schlichtweg eine Niete – und es ist köstlich, ihm beim Scheitern zuzusehen. "Keine Panik, du bestimmst heute nicht den Rest deines Lebens", möchte man ihm in Anlehnung an den bundesweit plakatierten Spruch aus der Imagekampagne des Handwerks zurufen – und am Ende reift die Erkenntnis, dass der Beruf seines Vaters vielleicht doch eine Option für die Zukunft sein könnte.
Der sexy Handwerker als Retter in der Not
Auch bei einem weiteren Trickfilm, der in den Stuttgarter Kinos und auf dem Schlossplatz zu sehen ist, werden die Familienverhältnisse gehörig durcheinandergewirbelt – doch anders als Mitchell hat der ausgelernte Handwerker in Chintis Lundgrens handgezeichnetem Kurzfilm "Manivald" seine berufliche Passion bereits gefunden. Der Fuchs Toomas ist nicht nur gelernter Mechaniker, sondern auch gut gebaut und attraktiv – und dass er nackt bis auf den Pelz zur Reparatur der defekten Waschmaschine erscheint, bringt eine herrische Fuchs-Pensionärin und ihren arbeitslosen Sohn Manivald gehörig ins Schwitzen. Schnell ist die Maschine repariert und man geht zum gemütlichen Teil des Besuchs über – doch nicht nur die Mutter, sondern auch Manivald selbst hat ein Auge auf den gut aussehenden Handwerker ohne Blaumann geworfen.
Was die estisch-kroatisch-kanadische Co-Produktion zu einem kurzweiligen Vergnügen macht, ist vor allem das Spiel mit den üblichen Klischees: Sexy Handwerker und ähnliche Stereotypen kennen wir schließlich nicht nur aus Werbespots, sondern auch aus unzähligen platten Komödien. Im Trickfilm entwickelt sich die Geschichte erfreulicherweise aber anders, als man vermuten würde: Mechaniker Toomas ist bei weitem nicht das wandelnde Klischee, für das man ihn zunächst halten mag – und sorgt am Ende sogar dafür, dass sich Manivald und seine Mutter aus der Sackgasse und Lethargie lösen, in die sie ihr gemeinsames Leben über die Jahre manövriert haben.
Reichlich Routine im Jubiläumsjahr
Beim Blick ins Programmheft des ITFS, das vom 24. bis 29. April an verschiedenen Schauplätzen in Stuttgart stattfindet, muss man ansonsten lange suchen, um unter den über 1.000 Filmen mal etwas Handwerk entdecken. Überhaupt zählt die 2018er Ausgabe des 1982 gegründeten Festivals nicht zu den stärksten, denn schon die Eröffnungsfeier fiel ähnlich enttäuschend aus wie der Trailer: Routiniert moderiert und mit unzähligen Grußworten aus Politik und Kreativwirtschaft gespickt konnten die höflichen Glückwünsche zur 25. Jubiläumsausgabe nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Applaus beim ungewohnt schwachen Kurzfilmprogramm zurückhaltend ausfiel. Die rund 5.000 Fachbesucher wird es nicht stören: Gemeinsam mit der Fachkonferenz FMX, der Businessplattform Animation Production Day und dem Werbefilm-Festival spotlight verwandelt das Trickfilm-Festival die baden-württembergische Landeshauptstadt für eine Woche zum Hot Spot der internationalen Animationsbranche.
Weitere Informationen zum ITFS finden Sie unter: www.itfs.de