"Battle of the Sexes" feiert Deutschlandpremiere Film, Satz und Sieg für das Handwerk

Am 23. November startet der Hollywood-Film "Battle of the Sexes – Gegen jede Regel" mit Emma Stone und Steve Carell in den deutschen Kinos. Obwohl er in erster Linie die Geschichte eines legendären Tennismatches erzählt, stehen dabei auch zwei fingerfertige Handwerker im Mittelpunkt. Es ist nicht der einzige Film, der beim diesjährigen Filmfest Hamburg interessante Perspektiven auf die „Wirtschaftsmacht von nebenan“ eröffnete.

Lars-Christian Daniels

Ein Herz und eine Seele: Friseurin Marilyn Barnett (Angela Riseborough) und Tennis-Star Billie Jean King (Emma Stone). - © Twentieth Century Fox

Ob die frühere Profi-Tennisspielerin Billie Jean King ihr legendäres Show-Match gegen den einstigen Wimbledon-Sieger Bobby Riggs im Jahr 1973 wohl auch gewonnen hätte, wenn sie sich im entscheidenden Moment nicht auf das Auge ihres Maßschneiders und das Fingerspitzengefühl ihrer Friseurin hätte verlassen können? In der sehenswerten Hollywood-Verfilmung des berühmten "Battle of the Sexes" zwischen der damaligen Nr. 2 im Damentennis und dem Hardcore-Chauvinisten Riggs zeigt sich deutlich: Ohne das Handwerk geht es auch im Profisport nicht! Denn in der Phase der höchsten Konzentration können ein maßgeschneidertes Tennis-Outfit und frisch geschnittene Spitzen für Höchstleistungen auf dem Tennisplatz wichtiger sein als jeder taktische Schlachtplan oder manch schweißtreibende Trainingseinheit mit Schläger und Filzkugel…

"Battle of the Sexes", der am 23. November im Kino startet, feierte im Oktober beim Filmfest Hamburg seine Deutschlandpremiere und ließ dort nicht nur die Herzen der Fans von Oscar-Gewinnerin Emma Stone ("La La Land") und Schauspieler und Comedian Steve Carell ("Jungfrau, 40, männlich, sucht…") höher schlagen: Die Regisseure Valerie Faris und Jonathan Dayton, die durch den Indie-Hit "Little Miss Sunshine" weltweite Berühmtheit erlangten, drehten bewusst auf 35-Millimeter-Film und erzählen im 70er-Jahre-Look die Geschichte von US-Tennisspielerin Billie Jean King (Stone), die sich einst für die Gleichbehandlung von Profisportlerinnen stark machte. Damals verdienten Tennisspieler rund achtmal so viel wie ihre weiblichen Kollegen – Grund genug für die Powerfrau, zusammen mit anderen Weltklasse-Spielerinnen aus dem US-Tennisverband auszutreten, eine eigene Turnierserie ins Leben zu rufen und bei einem Show-Match vor über 30.000 Live- und 90 Millionen TV-Zuschauern gegen den früheren Wimbledon-Sieger Bobby Riggs (Carell) anzutreten. Doch welche Rolle spielt das Handwerk bei der anvisierten Rettung der weiblichen Ehre? Eine ganz entscheidende.

Folgenreiche Begegnung im Friseursalon

Denn es ist die Begegnung mit Friseurin Marilyn Barnett (Angela Riseborough), die Kings Leben nachhaltig verändert: Nach dem ersten Kennenlernen im Friseursalon, in dem die Top-Spielerinnen sich für einen Pressetermin stylen lassen, verbringen die bisexuelle Barnett und die eigentlich mit dem smarten Larry (Austin Stowell) verheiratete King immer mehr Zeit miteinander. Barnett wird nicht nur die persönliche Stylistin des Superstars, sondern teilt auch das Bett mit ihr – was Kings Maßschneider Cuthbert "Ted" Tinling (Alan Cumming) nicht verborgen bleibt. Schnell wird hinter vorgehaltener Hand über eine lesbische Affäre spekuliert und der sich anbahnende Konflikt gefährdet den Erfolg im mit Spannung erwarteten Mega-Match. Pünktlich zum großen Finale finden Friseurin und Tennis-Star aber wieder zusammen – und während Maßschneider Tinling in der Umkleidekabine sofort erkennt, dass am Dress für das große Match noch etwas geändert werden muss, schneidet Barnett ihrer besten Kundin noch fix die Spitzen ihres Ponys nach.

Wer das prestigeträchtige Duell gewinnt, soll an dieser Stelle nicht verraten werden – wer sich die Überraschung für den Kinosaal aufheben möchte, sollte Wikipedia & Co. also auch erst hinterher bemühen. Doch auch bei entsprechenden Vorkenntnissen lohnt sich der Kinobesuch: Dramaturgisch wandelt "Battle of the Sexes" zwar meist auf den Pfaden anderer Sportfilme und Biopics, doch sind allein die facettenreiche Performance der glänzend aufgelegten Emma Stone sowie die chauvinistischen Sprüche des notorischen Zockers Bobby Riggs das Eintrittsgeld wert. Nichts würde man Tennis-Ass Billie Jean King lieber wünschen, als diesem Großmaul auf dem Tennisplatz eine Lektion zu erteilen – und wenn dann auch noch zwei Handwerker einen entscheidenden Teil dazu beitragen dürfen, umso besser.

The Cakemaker: Ein Konditor begeistert Jerusalem

"Battle of the Sexes" war erfreulicherweise nicht der einzige Film, der beim Filmfest Hamburg 2017 die Geschicke eines Handwerkers in den Mittelpunkt rückte: Spielen gerade in der deutschen TV-Landschaft sonst oft Kommissare, Ärzte oder Juristen die Hauptrollen, wählt der deutsch-israelische Filmemacher Ofir Raul Graizer einen Konditormeister als Protagonisten. In seinem sensibel erzählten Drama "The Cakemaker" stürzt sich der bisexuelle Berliner Konditor Thomas (Tim Kalkhof) in eine Affäre mit dem verheirateten israelischen Geschäftsmann Oren (Roy Miller) – und beginnt ein neues Leben im Jerusalemer Straßencafé von dessen Witwe Anat (Sarah Adler), als Oren bei einem Autounfall tödlich verunglückt. Wenngleich Thomas Beweggründe für den Aufbau einer neuen Existenz und das damit verbundene Schließen seiner florierenden Konditorei etwas behauptet wirken, schließen wir den jungen Mann in seiner Trauer sofort ins Herz – und warten mit großer Spannung auf den unausweichlichen Moment, in dem sich der junge Handwerker seiner neuen Geschäftspartnerin als Ex-Lover ihres toten Mannes zu erkennen geben muss.

Was das auffallend stille, aber ungemein ästhetisch in Szene gesetzte Drama, das in Hamburg in der Sektion "Kaleidoskop" gezeigt wurde, nicht nur für Bäcker, Konditoren und Freunde des süßen Naschwerks so sehenswert macht, ist der Fokus auf Thomas‘ Fingerfertigkeiten und Künste in der Küche des kleinen Cafés, das sich zum kulinarischen Geheimtipp von ganz Jerusalem mausert: Geduldig erklärt der "Kuchenmacher" seiner staunenden Kollegin, wie der Teig richtig geknetet und auf Temperatur gebracht wird – und macht kein Geheimnis aus seinem begehrten Rezept für Zimtkekse, die sein Ex-Liebhaber bei seinen regelmäßigen Berlin-Besuchen stets mit nach Israel genommen hat. Kameramann Omri Aloni fängt die handwerklichen Produkte, die einem förmlich das Wasser im Munde zusammenlaufen lassen, regelmäßig in tollen Detailaufnahmen ein: Als die Kamera sekundenlang über prachtvolle Torten und leckeres Schokogebäck streift, ging bei der Premiere im Hamburger Studio-Kino ein bewunderndes Seufzen durch den Saal.

Taste of Cement: Geflüchtet aus der Heimat, gefangen im Rohbau

Diese formvollendete Ästhetik und den Fokus auf Rohstoffe, Werkzeuge und Produkte des Handwerks teilt "The Cakemaker" mit einem weiteren Film, der beim Filmfest Hamburg in der politischen Sektion "Veto!" lief: Denkt man an die jüngst veröffentlichte Handwerksmelodie aus der Imagekampagne, ließe sich aus der Tonspur in Ziad Kalthoums Hybridfilm "Taste of Cement" gleich ein ganzes Handwerkskonzert komponieren. Im Zentrum der auch visuell beeindruckenden Verschmelzung aus Dokumentation und Experimentalfilm stehen syrische Bauarbeiter, die vor dem Bürgerkrieg in ihrem Heimatland geflohen sind und im benachbarten Libanon eine vorübergehende Heimat gefunden haben: Im Rohbau eines Wolkenkratzers mit spektakulärem Blick über Beirut setzen die Handwerker Stein auf Stein, während die Häuser in ihrer Heimat zusammenstürzen. Im Rohbau fließt der Zement, es wird fleißig geschweißt, gehämmert und gebohrt.

Nach Feierabend aber herrscht für die syrischen Flüchtlinge Ausgangssperre, so dass sie sich im halbfertigen Keller in notdürftig eingerichteten Schlaflagern zusammenfinden und über ihre Smartphones die schrecklichen Zustände in ihrem Heimatland verfolgen, von dem sie nicht wissen, ob sie je dahin zurückkehren können. Zu den beeindruckendsten Sequenzen des Films zählt eine Parallelmontage aus der Ego-Shooter-Perspektive: Während ein Baugeräteführer seinen Kran über die Skyline der Millionenstadt schwenkt, schwenkt in Syrien das Rohr eines Panzers durch den Staub eines Wohnblocks, den er Sekunden zuvor in Schutt und Asche geschossen hat. "Taste of Cement" ist ein erschütternder, fast nihilistisch erzählter Beitrag ohne feste Handlung – Dialoge gibt es im Film keine, denn die wenigen Worte stammen von einem Sprecher aus dem Off. Die Durchschlagskraft dieses bemerkenswerten Werks, das das Handwerk einmal aus einer ganz anderen Perspektive einfängt, schmälert das aber nicht im Geringsten.