Baumärkte bieten an, die Arbeit von Handwerkern zu koordinieren – von der Auftrags-und Materialbeschaffung bis zur Rechnungsstellung. Kann dieses Geschäftsmodell funktionieren?

Heimwerker, die selbst bauen, tapezieren, streichen und basteln, sind typische Baumarkt-Kunden. Ihnen stehen hierfür in Deutschland nach Angaben des Markt- und Konsumentendatenanbieters Statista knapp 2.070 Baumärkte zur Verfügung. Früher gab es in zahlreichen Zeitschriften Bau- und Renovierungsanleitungen für Freizeit-Arbeiten. Heutzutage steht dem Do-it-Yourself-Bereich das Internet zur Verfügung, das in Zeiten des Handwerkermangels besondere Relevanz hat. Viele Heimwerker versuchen nämlich, mit Online-Lernvideos komplexe handwerkliche Tätigkeiten selbst auszuführen. "Onlinevideos können Heimwerkern helfen, einen großen Teil handwerklicher Aufgaben selbst auszuführen, wenn ihnen kein Profi zur Verfügung steht", erklärt Aris Neumann. Der Geschäftsführer der Adon GmbH aus Fulda ist mit seinem 16-köpfigen Team deutschlandweit für verschiedene Fertighausanbieter sowie Privatkunden im Bereich Innenausbau tätig.
Baumärkte reagieren auf den Fachkräftemangel
Wenn die Arbeiten für Heimwerker jedoch zu anspruchsvoll werden, bietet die Baumarktkette Bauhaus ihren Kunden einen Montageservice an, bei dem Profi-Handwerker zum Einsatz kommen. Es geht hierbei meist um technisch aufwendige Vorhaben, die für den Kunden nicht in Eigenleistung umsetzbar sind und bei unsachgemäßer Ausführung im Nachgang erhebliche Schäden mit hohen Folgekosten nach sich ziehen können, so der Baumarkt. Insbesondere in den Bereichen Elektro, Heizung und Sanitär empfiehlt Bauhaus seinen Kunden, ortsansässige Fachleute hinzuzuziehen, die mit Bauhaus kooperieren. Ähnlich funktioniert der Handwerkerservice bei Hornbach. Ruben Lehmann, Leiter Profi-Service Deutschland der Hornbach Baumarkt AG, erklärt: "Meist geht die Initiative von den Kunden aus, die um Unterstützung bitten. Wir fungieren als koordinierende Plattform und bringen Handwerksbetrieb und Kunden zusammen." Jeder Hornbach-Markt verfügt über einen Pool von rund 1.000 Handwerkern und Firmen, die projektbezogen regional vermittelt werden.
Kooperation zwischen Baumarkt und Betrieben
Zumeist geht Hornbach proaktiv auf regionale Handwerker zu, die immer auch gleichzeitig Kunden des Baumarkts sind, um sie als Servicepartner zu gewinnen. Lehmann: "Einige Handwerksbetriebe bitten aber auch von sich aus, in unseren Pool aufgenommen zu werden, um ihre Auftragsbücher zu füllen." Besonders gern werde dies von neu gegründeten Firmen genutzt, um regional bekannt zu werden. "Auch solche, die ihren Fokus auf handwerklichen Aufgaben statt auf Büroarbeit legen, kooperieren mit uns. Wichtig ist, dass sie gute Arbeit liefern, für die wir ja die Gewährleistung übernehmen", führt Lehmann aus.
Fachleute bieten Bauhaus ebenfalls ihre Manpower an. Die für den Montageservice arbeitenden Partner sind zumeist kleinere und regional angesiedelte Firmen. "Den Tipp mit uns zu kooperieren, erhalten sie häufig von anderen Handwerkern, die schon länger mit uns zusammenarbeiten oder durch die Direktakquisition unserer Handwerkskoordinatoren", schildert Bauhaus. "Es spricht sich unter Handwerkern schnell herum, dass Bauhaus ein großes Auftragspotenzial bietet. Das geringe Selbstrisiko, das die Betriebe tragen müssen, ist für sie ein Pluspunkt für eine engere Zusammenarbeit mit uns", so der Händler.
Die Handwerksbetriebe haben über die Kooperation den Vorteil, dass der administrative Aufwand, wie Angebotserstellung, Kundengespräche und Beratung, entfällt. Dies wird bei Bauhaus vom Handwerkskoordinator übernommen. Darüber hinaus muss der Handwerker keine Materialien vorfinanzieren und erhält den für die jeweilige Region üblichen Lohn mit allen kalkulatorischen Auslagen, die er ebenfalls berücksichtigen müsste, wenn er den Auftrag selbst durchführen würde. Einer der wichtigsten Aspekte ist, laut Bauhaus, dass der Aufwand des Handwerkers in jedem Fall vergütet wird und er selbst so gut wie kein Risiko trägt, da der Baumarkt als Rechnungssteller auftritt.
Konkrete Koordination für Handwerker
Entscheidet sich ein Kunde beispielsweise für einen Montageservice, wählt Hornbach die passenden Fachleute aus. Der Baumarkt koordiniert die Termine zwischen Handwerker oder Fachbetrieb und Endkunden, die gemeinsam mit dem Koordinator des Baumarkts auf der Baustelle zusammentreffen. Sobald sich der Kunde entscheidet, setzt sich der Koordinator mit dem ausführenden Handwerksbetrieb in Verbindung, um einen Montagetermin zu vereinbaren und sonstige Aufwände abzustimmen. Danach startet der Auftrag mit Sortimentsorganisation, Terminvereinbarung und Projektumsetzung. Lehmann erklärt: "Es handelt sich in diesem Fall also um eine Dreierbeziehung zwischen Hornbach als Koordinator, dem Handwerker und dem Endkunden. Wir steuern und betreuen die komplette Auftragsabwicklung und Projektumsetzung."
Neumann erläutert: "Oft steht bei kleineren Baustellen der Aufwand für die komplette Planung in keinem Verhältnis zu der auszuführenden Arbeit. In einem solchen Fall könnte die Organisation durch die Baumärkte besonders für kleine Handwerksbetriebe nützlich sein, weil sie die verhältnismäßig aufwendige Planung und die administrative Arbeit übernehmen."
Falls es zu Reklamationen seitens des Privatkunden kommt, trägt der Baumarkt im Normalfall das Risiko. Um dies zu vermeiden, fungiert beispielsweise der Handwerkskoordinator von Bauhaus als Bindeglied zwischen Kunden und lokalem Handwerksbetrieb, stimmt die Arbeiten aufeinander ab und kontrolliert sämtliche Arbeitsschritte. Nach Fertigstellung nimmt er alle Leistungen vor Ort im Beisein des Kunden ab. Bauhaus versichert, dass jedes Angebot und jeder Auftrag zum Festpreis erfolgen und der Kunde nach der Abnahme eine Gewährleistung von fünf Jahren erhält.
Aber auch der Handwerker kann sich als Subunternehmer des Baumarkts im Zweifel nicht von fehlerbehafteter Arbeit freischreiben. Im konkreten Gewährleistungsfall werden die üblichen Reklamations- und Beanstandungsprozesse angestoßen, die der Baumarkt abwickelt. Lehmann beschwichtigt: "Wir sehen hier aber keine Risiken. Die Handwerker sind für uns bekannte Kunden, mit denen wir erst einmal einen Prozess des Kennenlernens mit ersten kleineren gemeinsamen Vorhaben durchlaufen, bevor wir größere Projekte starten."
Baumärkte erfuhren während der Pandemie einen Boom. Trotz Energiekrise und Inflation laufen die Geschäfte weiter gut. Neumann glaubt, dass es Handwerkern mit Unterstützung von Baumärkten gelingen kann, ganz neue Kunden zu gewinnen oder den Kundenstamm zu erweitern. Er rät insbesondere neuen Kollegen, sich ein eigenes Bild vom Service der Baumärkte für Handwerker zu machen, denn viele Baumarkt-Kunden werden bei der Lösung komplexerer Aufgaben die Unterstützung von Profis brauchen.
