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Erdacht bei Hörmann Solartechnik Wasserstoffhaus als Insel ohne Anschluss ans Stromnetz

Rita und Markus Hörmann haben sich abgekapselt, die Leitung ins öffentliche Stromnetz gekappt. Die Energie für ihr neues Zuhause produzieren sie selbst. Dahinter steckt ein ausgeklügeltes Konzept.

Ihr Wasserstoffhaus in Zusmarshausen bei Augsburg, in Sichtweite zum Firmensitz ihres Handwerksbetriebs für regenerative Energiesysteme kann als Leuchtturm für Nachhaltigkeit und Klimaschutz bezeichnet werden.

Seit 22 Jahren beschäftigt sich die Firma Hörmann Solartechnik mit regenerativer Energie. Immer auf der Suche nach innovativen Lösungen, haben sich Rita und Markus Hörmann mit dem Wasserstoffhaus einen Traum erfüllt: Ein Leben auf einer Insel ohne Stromanbieter, mit sauberer Energie, die sie selbst ohne umweltschädliche Emissionen erzeugen.

Elektromobilität gehört zum Konzept

Die Herausforderung: Das Überangebot an Sonnenstrom vom Sommer, wenn wenig Energie benötigt wird, für den Winter zu retten. Das gelingt über einen Elektrolyseur, der Wasser in seine Bestandteile Wasserstoff und Sauerstoff umwandelt. Angetrieben wird der Elektrolyseur vom Strom, den die Hörmanns über Photovoltaik-Module auf dem Dach und an der Fassade ihres Hauses erzeugen. Während der Sauerstoff an die Luft entweicht, wird der Wasserstoff über einen Verdichter in einen Speicher gepresst. Dieser besteht aus zwei Bündeln mit jeweils 16 mannshohen Gasflaschen, die hinter der Garage stehen.

Wasserstoffhaus

Als Kurzzeitspeicher, um an sonnenarmen Tagen über die Nacht zu kommen, dient eine Batterie. Außerdem haben die Hörmanns Elektromobilität in ihr Konzept integriert. Geheizt wird mit einer Brennstoffzelle, die im Winter den Wasserstoffvorrat allmählich aufbraucht. Der neben der Wärme von der Brennstoffzelle produzierte Strom fließt in die Batterie für den Kurzzeitspeicher.

Um ihre Idee umzusetzen, vertrauen Rita und Markus Hörmann auf die Technologie der Berliner Firma HPS, was für Home Power Solutions steht. HPS bietet mit seinem Produkt Picea ein System, das Energiespeicher, Heizungsunterstützung und Lüftungsgerät in einem ist. Das funktioniert allerdings nur mit Anschluss ans öffentliche Stromnetz.

HPS und ADS Tec als Technologiepartner

Die Hörmanns aber wollten noch einen Schritt weiter gehen. Also suchten sie einen zweiten Technologiepartner und fanden ihn bei ADS Tec in Stuttgart. Der Speicher von ADS Tec gaukelt dem Picea-System ein Netz vor und ist auch schwarzstartfähig. Neben seiner Funktion als Back-up liefert er im Sommer Energie für die beiden Elektrofahrzeuge, die zugleich als weiteres Back-up dienen.

Dass ihre Rechnung aufgeht, davon sind die Hörmanns überzeugt, zumal eine Smart-Home-Steuerung die Energieverbräuche im Haus überwacht und optimiert. Der erste Winter im neuen Heim scheint ihnen Recht zu geben. Seit das Ehepaar mit seinen vier Söhnen im Dezember in den Neubau eingezogen ist, musste niemand frieren oder sich im gewohnten Komfort einschränken. Der Wasserstoffvorrat, der je 600 Kilowattstunden Energie für Strom und Wärme bereithält, war im Februar bis auf 22 Prozent geschrumpft.

Seit dem 20. März läuft der Elektrolyseur und die Gasflaschen sind bereits wieder zu 80 Prozent gefüllt. „Am 20. Juni erreichen wir 100 Prozent“, blickt Rita Hörmann voraus und beruft sich auf Prognosen der Elektronik, die das Energiesystem im Haus überwacht. Um die wissenschaftliche Auswertung der Daten kümmert sich Sohn Simon, der an der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf in Freising „Management Erneuerbarer Energien“ studiert im Rahmen seiner Bachelorarbeit.

Innovation mit Bundespreis ausgezeichnet

Mit ihrem deutschlandweit einzigartigen Wasserstoffhaus haben Rita und Markus Hörmann für viel Aufmerksamkeit gesorgt. Zur Internationalen Handwerksmesse in München wurden sie mit dem Bundespreis für hervorragende innovatorische Leistungen für das Handwerk ausgezeichnet. Aber auch bei ihren Kunden und der Bevölkerung kommt das Konzept an. Zum Tag der offenen Tür strömten rund 2.000 Besucher zu den Vorträgen und Führungen.

Täglich gehen bei Hörmann Solartechnik bis zu 150 Anfragen zum Thema Wasserstoff ein. „Wir haben extra eine Mitarbeiterin eingestellt, um der Nachfrage gerecht zu werden“, sagt Geschäftsführerin Rita Hörmann, die auch ständig Elektriker sucht als Verstärkung für die 18 Beschäftigten, die zwischen München, Stuttgart und dem Allgäu im Einsatz sind. In diesem Jahr sollen bundesweit rund 50 Neubauten entstehen, die auf Wasserstoff als Langzeitspeicher für Sonnenenergie setzen. In vielen davon werden die Mitarbeiter von Hörmann die Technik installieren.

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