Umfrage + Gastkommentar Von Lob bis Kritik: So bewerten Handwerker die (digitale) Verwaltung

Die Bundesregierung hat bei der Umsetzungsstrategie zur digitalen Verwaltung versagt, schreibt John Siegel, Professor für Betriebswirtschaftslehre der öffentlichen Verwaltung, in seinem Gastkommentar. Die Erfahrungen von Handwerkern mit Ämtern und Behörden fallen indes gemischt aus.

John Siegel, Professor für ­Betriebs­wirtschafts­lehre der ­öffentlichen Verwaltung an der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin. - © Oana Popa-Costea

Lutz Fritz, Geschäftsführer des Autohauses Fritz in Oppin
"Die Ineffizienz unserer Kfz-Zulassungsstellen ist nicht nur für unser Autohaus ein Ärgernis. Auch unsere Kunden ­leiden unter langen Wartezeiten und steigenden Kosten, die sich zuletzt auf rund 150 Euro verdoppelt haben. Zudem gibt es selbst innerhalb von Sachsen-Anhalt keine einheitlichen Formulare. Eine Zulassungsvollmacht in Magdeburg sieht anders aus als bei uns in Halle. Wie soll die EU funktionieren, wenn wir hier schon ein solches Chaos haben? Wir importieren Fahrzeuge aus Nordamerika. Da kommt ein Mitarbeiter der Zulassungsstelle zu uns, um die Fahrgestellnummer zu überprüfen. Das könnte doch der TÜV erledigen. Aber das wird auch nur in unserem Landkreis so gehandhabt. Natürlich würde ich am liebsten die digitale Zulassung nutzen. Das würde mir unnötige Wege, viel Zeit und Ärger sparen."

Torsten Haude, Malermeister aus Pforzen
"Mit den Ämtern und Behörden habe ich bisher eher schlechte Erfahrungen gemacht. Und es ist in den vergangenen Jahren zunehmend umständlicher geworden, was ich auf die strengeren Vorgaben der Datenschutz-­Grundverordnung zurückführe. Die Umstellung auf eine digitale Verwaltung empfinde ich eher als Last denn als Erleichterung. Für Leute meiner Generation ist es nicht einfach mit diesen neuen digitalen Anwendungen zurechtzukommen. Ich musste mir schon häufiger Unterstützung holen, zum Beispiel bei der Handwerkskammer. Auch wenn es für die junge Generation altmodisch klingen mag, ist es mir deutlich lieber etwas auf Papier auszufüllen als am Computer. Wenn ein Kunde mich anruft oder mir ein Fax schickt, finde ich das viel angenehmer, als am PC seine Mails bearbeiten zu müssen."

Markus Gentner, Schreinermeister und technischer ­Betriebswirt aus Freiburg
"Ich selbst habe betrieblich gar nicht so viele Behördenvorgänge zu erledigen. Aber ich weiß, dass gerade in Freiburg die Ämter schon relativ weit mit E-Prozessen sind. Vielfach sind leider die Daten der Bürger noch nicht digital hinterlegt. Bei der neuen Grundsteuer zum Beispiel muss diesen Digitalisierungsprozess jeder selbst übernehmen. Meine persönliche Vision ist, dass wir uns viel mehr mit unserer eigentlichen Arbeit beschäftigen, statt mit irgendwelchen Verwaltungsakten. Mit meinem selbst gegründeten Unternehmen Flixworker GmbH wurde eine Software entwickelt, die dieses Ziel im Betrieb umsetzen soll. Kundenanfragen auf der Webseite zum Beispiel erreichen uns inzwischen über eine Smartphone-App. Die Mitarbeiter können dann Aufträge selbstständig umsetzen und die Rechnung wird automatisch erstellt. Irgendwann schließen wir das Büro einfach zu."

Nikola Petrek, Zupfinstrumentenmacher aus Frankfurt am Main
"Ich habe mit Behördengängen kaum negative Erfahrungen gemacht. Das lief immer alles reibungslos und die Menschen waren sehr hilfsbereit und nett. Ich war wegen dem Schritt in die Selbstständigkeit unter anderem beim Gewerbe-, Arbeits- und Finanzamt. Dabei hatte ich eine klare Vorstellung, was ich vorhabe und wurde von den Sachbearbeitern unterstützt. Ich ziehe einen Termin vor Ort dem digitalen Weg vor. Zum einen ist es angenehmer, bei einer Antragstellung echten Menschen gegenüberzusitzen, und zum anderen schränkt es das Fehler­potential ein."

Marion Haubner, mitarbeitende Unternehmerfrau bei Maler Haubner in Berngau bei Neumarkt in der Oberpfalz
"Über die Zusammenarbeit mit Behörden kann ich nur Gutes berichten. Wir wohnen auf dem Land und hier kennt jeder jeden, also kennt man sich auch auf dem Bürgermeisteramt. Was Behörden angeht, haben wir kurze Wege. Da ist das gar kein Problem. Das ist in einer Stadt wahrscheinlich anders. Als wir für unser innovatives FFT Funktionsflächentextil eine Erweiterung der Tätigkeiten in der Gewerbeanmeldung wollten, funktionierte das völlig unkompliziert per Mail. Hier bei uns arbeiten drei Gemeinden sehr gut zusammen und bündeln ihre Kräfte, indem sie sich für einige behördliche Aufgaben eine Stelle teilen. Das funktioniert sehr gut."

Bettina Schmauder, kaufmännische Leiterin der Schmauder & Rau GmbH in Kirchheim unter Teck
"Als mittelständischer Handwerksbetrieb im Kfz-Gewerbe haben wir regelmäßig Kontakt mit Behörden. Je unkomplizierter Anträge behandelt werden, umso höher ist unsere Entlastung. Leider stellen wir fest, dass insbesondere ­öffentliche Verwaltungen bei der Digitalisierung von externen ­Prozessen noch nicht so weit sind, wie wir uns das als Unternehmen wünschen. Zwar können analoge Anträge ­online eingereicht werden, aber es fehlt noch an einer ­komplett digitalen Umsetzung. Die Agentur für Arbeit da­gegen ist bereits einen Schritt weiter. Dort können wir ­Anträge teilweise digital absetzen und auf persönliche ­Besuche verzichten." sg

Resignation und Planlosigkeit

Ein Gastkommentar von John Siegel, Professor für ­Betriebs­wirtschafts­lehre der öffentlichen Verwaltung an der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin

Am 31. August leistete die Bundesregierung ihren Offenbarungseid. Sie beschloss eine Digitalisierungsstrategie, mit der die Stagnation beim E-Government greifbar und festgeschrieben wird.

Aus der gescheiterten Umsetzung des Onlinezugangsgesetzes (OZG) wurden ebenso wenig angemessene Konsequenzen gezogen wie aus der Tatsache, dass die deutsche Verwaltung angesichts des dramatischen Fachkräftemangels keine andere Chance hat, ihre Handlungsfähigkeit zu sichern, als die Potentiale der digitalen Transformation zu nutzen. Stattdessen: Resignation und Planlosigkeit gekleidet in durchschaubare Worthülsen und beliebige Allgemeinplätze.

Dabei gibt es – mindestens – drei Handlungsfelder, die kurzfristig und nachdrücklich angegangen werden sollten, wenn die nachholende Modernisierung der Verwaltung noch gelingen soll:

Erstens brauchen Behörden und ihre Mitarbeiter konkrete Anreize und Sanktionen für die Reformen. So könnte ein gesetzlicher Anspruch auf Schadenersatz durch die Verwaltung festgeschrieben werden, wenn es ihnen nicht gelingt, zumindest die wichtigsten Leistungen digital und einfach anzubieten.

Zweitens: Nur wenn konsequent Digital- und Veränderungskompetenzen entwickelt, ihre Routinen grundsätzlich hinterfragt und allen Ebenen angemessene finanzielle Ressourcen bereitgestellt werden, könnte der dringend erforderliche Schwung in die Sache kommen.

Drittens: Es braucht eine neue Kultur und eine Haltung in der Verwaltung, die Innovation, Kreativität und Flexibilität schätzt, fördert und fordert. Gelingt die Trendumkehr nicht, verlieren Staat und Kommunen weiter an Akzeptanz, Wirksamkeit und Effizienz.

Die traditionelle deutsche Fokussierung auf die Rechtmäßigkeit des Verwaltungshandelns hilft dabei nicht weiter – im Gegenteil. Die digitale Transformation sollte sich an wenigen, verständlichen Prinzipien orientieren: Nur eine einfache, transsparente, schnelle und zu­gängliche Verwaltung kann nachhaltig und effizient ihre Aufgaben erfüllen. Die Umsetzung muss flexibel und pragmatisch, aber auch verbindlich und konsequent erfolgen.

Dazu müssen Politik und Verwaltungsführung aus Erfahrungen und Fehlern lernen und den legitimen Erwartungen der Bürger und Unternehmen an eine moderne Verwaltung gerecht werden.

john.siegel@hwr-berlin.de