Interview mit Tatjana Lanvermann Unternehmerfrauen: "Wir wollen keine Sonderstellung"

Tatjana Lanvermann über ihre Ziele als neue Bundesvorsitzende der Unternehmerfrauen im Handwerk (UFH), Chancen der Pandemie und was sie sich von einem neuen ZDH-Präsidenten wünscht.

Tatjana Lanvermann aus Borken ist die neue Bundesvorsitzende der Unternehmerfrauen im Handwerk. - © UFH

Frau Lanvermann, seit Oktober sind Sie neue Bundesvorsitzende der Unternehmerfrauen im Handwerk (UFH). Konnten Sie sich trotz Corona in Ihrem neuen Amt schon einarbeiten?

Tatjana Lanvermann: In diesen Zeiten geht ja alles ein wenig langsamer voran, aber das finde ich gar nicht schlimm. Meinen Antrittsbesuch beim Zentralverband des Deutschen Handwerks habe ich schon gemacht. Auch mit den Junioren des Handwerks und den Betriebswirten des Handwerks sind wir in Kontakt und unterstützen uns gegenseitig. Der neue Bundesvorstand muss sich jetzt erst einmal finden und den Herausforderungen der Zeit stellen.

Was bedeutet es für Sie, die Nachfolge der langjährigen Vorsitzenden Heidi Kluth anzutreten.

Heidi Kluth hat viele Projekte ins Leben gerufen und die UFH weit nach vorne gebracht. Daran möchte ich natürlich anknüpfen. Es wird nicht alles neu werden, aber manches werden wir auch anders machen.

Was sind die Herausforderungen, denen Sie sich stellen müssen?

Wir müssen mehr junge Mitglieder gewinnen. Dazu müssen wir neue Wege bei der Mitgliederwerbung gehen und als Verband noch bekannter werden. Wir wollen Frauen aller Altersklassen im Handwerk ansprechen. Darüber hinaus müssen wir unseren Verband zeitgemäß aufstellen. Unser Ziel ist es, in diesem Jahr ein Leitbild zu erstellen, mit dem sich jede Unternehmerfrau identifizieren kann. Und natürlich müssen wir auch nach innen schauen, dass wir mit der Arbeit im Bundesverband unsere Arbeitskreise und Landesverbände unterstützen, um die Verbandsarbeit vor Ort zu erleichtern.

Was bedeutet das?

Jede Frau im Handwerk soll wissen, dass es die Unternehmerfrauen gibt und sie sich dort austauschen kann. Gerade der gewerkeübergreifende Erfahrungsaustausch ist den Unternehmerfrauen wichtig und für ihren beruflichen Alltag wertvoll.

Inwiefern?

Als Unternehmerfrauen schätzen wir diesen Erfahrungsaustausch, weil man sich ganz anders unterhalten kann als etwa im Freundeskreis. Es braucht Fachwissen und Erfahrung. Das ist genauso wichtig wie das Prinzip des lebenslangen Lernens, das die Unternehmerfrauen ebenfalls ver­treten.

Wie hat die Corona-Pandemie die Arbeit der UFH verändert?

Anfangs wurden ja alle Veranstaltungen abgesagt. Wir haben uns dann schnell mit den neuen Gegebenheiten auseinandergesetzt und online Meetings und Seminare angeboten, damit Frauen weiterhin einen Erfahrungsaustausch haben und sich weiterbilden können. Wie zu erwarten, ist die Beteiligung wegen der beruflichen und familiären Belastungen durch die Pandemie zwar etwas zurückgegangen. Aber es sind eben auch neue Lösungen entstanden – gerade für Frauen in Elternzeit oder mit kleinen Kindern, die gar nicht an Präsenzveranstaltungen hätten teilnehmen können. Wir stellen fest, dass Online-Seminare sehr gut von jüngeren Frauen angenommen werden.

Der neue Bundesvorstand der Unternehmerfrauen im Handwerk

  • Bundesvorsitzende Tatjana Lanvermann
  • Stellvertretende Bundesvorsitzende Angelika Baur-Schermbach
  • Schatzmeisterin Iris Leisenheimer
  • Schriftführerin Beate Bliedtner
  • Geschäftsführerin Miriam Schulze

Was bedeutet das für die Zukunft?

Die Corona-Pandemie hat einen digitalen Vorschub geleistet. Als Bundesverband der Unternehmerfrauen haben wir viel dazugelernt. Das Spektrum wird aber immer breiter und man muss alles bedienen. So können wir jedoch auch viele verschiedene Gruppen ansprechen und andere Seminare anbieten. Ich hoffe, dass wir Frauen in der derzeitigen Situation damit gut abholen.

Werbung für das Handwerk macht auch das neue Projekt "Handwerk ist hier auch Frauensache". Wie ist es angelaufen?

Unser Projekt "Handwerk ist hier auch Frauensache" entwickelt sich toll. Wir haben bereits 30 Betriebe zertifiziert und sehr viele weitere Anfragen.

Wer kann das Siegel erhalten?

Das Siegel können nur Betriebe erhalten, bei denen eine Unternehmerfrau oder Unternehmerin Mitglied bei den UFH ist. Aber auch rein männlich geführten Betrieben bieten wir die Möglichkeit, das Siegel über eine Fördermitgliedschaft zu bekommen.

Was ist das Ziel?

Wir wollen, dass Mädchen und junge Frauen wissen, dass sie im Handwerk und speziell in diesem Betrieb willkommen sind. Dass sie keine Exoten sind, sondern in diesem Betrieb als Handwerkerin akzeptiert werden. Dass man sich um ihre Belange kümmert. Das Siegel kommt bei den Betrieben super an. Jetzt müssen wir abwarten, wie es sich in der Praxis durchsetzt. Ob sich Mädchen und junge Frauen angesprochen fühlen und bewerben. Das können wir natürlich noch nicht sagen, weil das Projekt erst im Oktober 2021 gestartet ist.

Sie legen Wert darauf, bei diesem Projekt nicht die Frauenkarte zu spielen.

Genau, Klischees oder einen Exotenstatus wollen wir nicht mehr. Frauen wollen einfach nur ein Handwerk lernen und nicht als etwas Besonderes gelten, nur weil sie Frauen sind. Genau das wollen wir mit diesem Projekt erreichen.

Wie lange sind Sie selbst schon bei den UFH?

Ich bin schon eine erfahrene UFH-Frau (lacht). Über zwölf Jahre habe ich den UFH-Landesverband Nordrhein-Westfalen geführt. Seit 23 Jahren engagiere ich mich im Arbeitskreis in Borken, davon 21 im Vorstand.

Vita

Tatjana Lanvermann ist gelernte Hauswirtschafterin, Groß- und Außenhandelskauffrau sowie Betriebswirtin des Handwerks. Zusammen mit ihrem Mann Dirk führt die 53-Jährige den Familienbetrieb Ludwig Lanvermann in Borken-Marbeck (Nordrhein-Westfalen). Rund 50 Mitarbeiter sind in den Fachbereichen Heizungs-, Sanitär-, Lüftungs-, Solar- und Klimatechnik tätig. Zwei ihrer drei Kinder arbeiten ebenfalls im Familienbetrieb.
Seit Oktober 2021 ist Tatjana Lanvermann neue Bundesvorsitzende der ­Unternehmerfrauen im Handwerk (UFH) und damit Nachfolgerin der langjährigen Vorsitzenden Heidi Kluth.

Der scheidende ZDH-Präsident Hans Peter Wollseifer kommt ja auch aus Nordrhein-Westfalen.

Ja, wir kennen uns schon sehr lange und ich fühle mich als Bundesvorsitzende gut aufgenommen. Wir haben schon gescherzt, dass ich ihm als ZDH-Präsident die erste Einladung geschickt habe, als unser Landesverband damals Jubiläum feierte.

Was wünschen Sie sich von seinem Nachfolger?

Ich wünsche mir, dass ein neuer ZDH-Präsident uns mindestens genauso gut aufnimmt wie er und uns als UFH weiterhin unterstützt. Wir sind einer der größten Verbände und können viel zum Erfolg des Handwerks beitragen.

Sie führen mit Ihrem Mann zusammen einen SHK-Familienbetrieb in Borken.

Ja und seit vergangenem August sind auch unsere Söhne mit im Betrieb. Einer hat gerade seine Meisterprüfung als Anlagenmechaniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik bestanden. Unser anderer Sohn hat nach seiner Ausbildung zum Tischler noch Groß- und Außenhandelskaufmann gelernt. Nachdem er drei Jahre in Leipzig gearbeitet hat, ist er nun bei uns im kaufmännischen Bereich eingestiegen und arbeitet im Kundendienst.

Wenn Sie sich etwas wünschen könnten: Was wünschen Sie sich als Bundesvorsitzende der Unternehmerfrauen?

Mein Wunsch ist es, noch mehr Unternehmerfrauen zu begeistern, Frauen für das Handwerk zu begeistern, insbesondere aber auch junge Frauen zu begeistern. Ich bin überzeugt davon, dass wir mit unserem Programm genau das erreichen können. "Handwerk ist hier auch Frauensache" – genau das ist uns wichtig. Wir wollen keine Sonderstellung, sondern wir wollen mit den Männern zusammenarbeiten und nicht gegen die Männer.

Neues Siegel "Handwerk ist hier auch Frauensache"


Viel wurde schon getan, um den Frauenanteil im Handwerk zu erhöhen. Doch noch immer sind Frauen in vielen Handwerksberufen unterrepräsentiert. Insbesondere in Berufen, die seit Jahren als Männerdomänen gelten oder zu den sogenannten Mintberufen zählen wie Elektroniker oder Kraftfahrzeugmechatroniker.

Um Mädchen und junge Frauen zu ermutigen, sich auch für klassische Männerberufe zu interessieren, hat der Bundesverband der Unternehmerfrauen im Handwerk (UFH) das Siegel "Handwerk ist hier auch Frauensache" ins Leben gerufen. Voraussetzung zum Erhalt des neuen Siegels ist, dass es sich um einen Handwerksbetrieb handelt, in dem eine Unternehmerin oder Unternehmerfrau UFH-Mitglied ist. Alternativ könnten auch Betriebe zertifiziert werden, die Fördermitglied im Bundesverband der Unternehmerfrauen sind – dies gilt also für rein männlich geführte Unternehmen.

Ziel des neuen Siegels der UFH ist es, Hemmschwellen für Mädchen und junge Frauen abzubauen. Frauen sollen sich frei und rein nach ihren Interessen und Fähigkeiten für einen Beruf entscheiden können. Dazu gehört der Abbau von Vorurteilen und Klischees gegenüber jungen Frauen und Mädchen genauso wie dafür zu sorgen, dass männer­dominierte Handwerksberufe von ihnen stärker wahrgenommen werden. Nur dann könnten diese Berufe auch bei der Entscheidung, welchen Beruf eine Frau ergreift, eine Rolle spielen.

Genau hier setzt das Siegel an. Ein zertifizierter Betrieb signalisiert: Frauen sind in diesem Unternehmen ausdrücklich willkommen.
Das erste Siegel "Handwerk ist hier auch Frauensache" erhielt im Januar 2022 die Zimmerei Lotze-Franke im niedersächsischen Hannoversch Münden aus den Händen der neuen UFH-Bundesvorsitzenden Tatjana Lanvermann.

Nach Angaben des Bundesverbandes der Unternehmerfrauen im Handwerk sind seit Start des Siegels im vergangenen Oktober 30 Handwerksunternehmen zertifiziert worden.

Handwerksunternehmen, die das Siegel erhalten möchten, können sich im Internet unter www.ufh-bv.de registrieren und einen Fragebogen ausfüllen. Unter anderem müssen sie angeben, wie im Betrieb Frauenförderung etabliert ist und das Unternehmen zu etwa folgenden Aussagen steht: "Frauen und Männer arbeiten in unserem Betrieb gut zusammen". "Gleichberechtigung ist Teil unserer Unternehmenskultur".

Darüber hinaus müssen die Handwerksbetriebe einer Selbstverpflichtung zustimmen. Dazu gehört, dass sie die Leistung von Frauen im Handwerk und der Gesellschaft anerkennen und wertschätzen. Der Bundesverband der Unternehmerfrauen im Handwerk prüft, ob der Handwerksbetrieb den Voraussetzungen entspricht und vergibt das Siegel "Handwerk ist hier auch Frauensache".

Das Siegel ist angelehnt an Farbe und Design der Imagekampagne des Handwerks. Neben dem Schriftzug "Handwerks ist hier auch Frauensache" ist ein stilisierter "Daumen hoch" zu sehen. Die Zimmerei Lotze-Franke möchte nach eigenen Angaben mit dem Siegel in Stellenanzeigen und auf Fachmessen gezielt um weibliche Auszubildende werben.

Der Frauenanteil im Handwerk und in handwerksähnlichen Berufen liegt bei 11,7 Prozent. Diese Zahl gibt das Statistische Bundesamt für das Jahr 2019 bekannt. Das ist geringfügig mehr als der EU-weite Durchschnitt von 10,8 Prozent. Am höchsten ist der Frauenanteil in Bulgarien (25,3 Prozent). Schlusslicht in der Europäischen Union ist Malta (4,0 Prozent).

Informationen und Zertifizierung unter ufh-bv.de