Ist-Besteuerung im Gründungsjahr Umsatzsteuer: Was Gründer bei der Ist-Besteuerung beachten müssen

Betragen die Vorjahresumsätze eines Unternehmens nicht mehr als 600.000 Euro, kann das Finanzamt bei bilanzierenden Unternehmen anstatt der üblichen Soll-Besteuerung die so genannte Ist-Besteuerung nach § 20 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 UStG gestatten. Der Vorteil der Ist-Besteuerung: Die Umsatzsteuer muss erst ans Finanzamt abgeführt werden, wenn der Kunde die Rechnung beglichen hat. Doch im Gründungsjahr sind bei der Ist-Besteuerung Besonderheiten zu beachten. 

Von Bernhard Köstler

Grundsätze zur Ist-Besteuerung im Gründungsjahr

Im Jahr der Gründung ist der Umsatz aufgrund der voraussichtlichen Verhältnisse nach Maßgabe der Sollbesteuerung zu schätzen und auf einen Jahresumsatz hochzurechnen (BFH, Urteile v. 11.11.2020, Az. XI R 40/18 und XI R 41/18).

Beispiel: Ein Unternehmer gründete Ende September eine Gesellschaft des bürgerlichen Rechts und beantragte beim Finanzamt die Ist-Besteuerung. Den Gesamtumsatz für das Gründungsjahr – also für die Monate Oktober bis Dezember schätzte der Unternehmer mit 30.000 Euro. Folge: Ende November gewährte das Finanzamt den Antrag auf Ist-Besteuerung, weil der Gesamtumsatz auf Jahr hochrechnet 120.000 Euro betrug (30.000 : 3 Monate x 12 Monate) und somit nicht über der Umsatzhöchstgrenze von 600.000 Euro lag.

Finanzamt kann Gewährung der Ist-Besteuerung zurückziehen

Die Gesellschaft des bürgerlichen Rechts aus dem Beispielsfall hat bereits Anfang November einen Vertrag über die Errichtung einer Photovoltaikanlage zu einem Gesamtpreis von 1.258.000 Euro abgeschlossen. Die gesamte Anlage sollte noch im Gründungsjahr erstellt werden. Anfang November stellt die GbR ihrem Kunden bereits einen Teilbetrag von 450.000 Euro zzgl. Umsatzsteuer in Rechnung.

Das Finanzamt führte zur Überprüfung der Voraussetzungen der Ist-Besteuerung eine Umsatzsteuersonderprüfung durch. Da die Gesellschaft des bürgerlichen Rechts unwahre Angaben zum voraussichtlichen Umsatz im Gründungsjahr gemacht hat, kippte der Umsatzsteuer die gewährte Ist-Besteuerung und forderte die im Gründungsjahr in Rechnung gestellte Umsatzsteuer nach (Anwendung der Sollbesteuerung). Denn dass der Umsatz im Gründungsjahr hochgerechnet auf das Kalender mehr als 600.000 Euro betragen wird, war der GbR bereits vor Gestattung der Ist-Besteuerung durch das Finanzamt mit der Rechnung über 450.000 Euro klar.

Ist-Besteuerung mit Dauerfristverlängerung kombinieren

Werden die Voraussetzungen für die Ist-Besteuerung dagegen erfüllt, empfiehlt sich zusätzlich ein Antrag auf Dauerfristverlängerung. In diesem Fall tritt ein zusätzlicher Stundungseffekt ein. Die Umsatzsteuer muss dann nicht nur erst in dem Zeitpunkt bezahlt werden, in dem der Kunde seine Rechnung begleicht. Bei einer Dauerfristverlängerung die Umsatzsteuervoranmeldung zudem noch einen Monat später als gesetzlich vorgeschrieben beim Finanzamt eingereicht werden. Dadurch hat ein Unternehmer noch einmal einen Monat länger Zeit mit der Zahlung der Umsatzsteuer.

Besonderheit gilt auch bei Kleinunternehmerregelung

Auch bei Beantragung der Kleinunternehmerregelung nach § 19 UStG müssen die Umsätze im Gründungsjahr aufs Kalenderjahr hochgerechnet werden. Grundsätzlich gilt Folgendes: Als Kleinunternehmer beim Finanzamt erfassen lassen kann sich ein Unternehmer, dessen Gesamtumsatz im Vorjahr nicht mehr als 22.000 Euro betragen und im laufenden Jahr voraussichtlich nicht mehr als 50.000 Euro betragen wird. Im Gründungsjahr greift die Kleinunternehmerregelung dagegen nur, wenn der auf Kalenderjahr hochgerechnete Gesamtumsatz nicht mehr als 22.000 Euro betragen wird.

Beispiel: Ein Unternehmer gründet im Mai seinen Handwerksbetrieb und schätzt seinen Umsatz im Gründungsjahr auf 20.000 Euro. Folge: Das Finanzamt rechnet diese 20.000 Euro auf 12 Monate hoch und kommt dabei auf einen Jahresumsatz im Gründungsjahr von 30.000 Euro (20.000 Euro : 8 Monate x 12 Monate). Folge: Die Kleinunternehmerregelung scheidet wegen Überschreitung der Umsatzhöchstgrenze von 22.000 Euro in diesem Fall aus.