Als man Friseurmeisterin Pia Henrich ansprach, ob sie sich vorstellen könne, eine aus der Ukraine geflohene Friseurin bei sich einzustellen, zögerte sie nicht lange. Henrichs Offenheit wurde schnell belohnt, denn zeitig nach einem Treffen unterschrieb die aus Odessa stammende Daria Karlova ihren Arbeitsvertrag im Friseursalon "Pia Henrich". Eine Win-Win-Situation für beide.

Wenige Wochen, nachdem die russischen Truppen mit ihrer Invasion in die Ukraine begonnen hatten, erreichte die 26-jährige Daria Karlova mit ihrer fünfjährigen Tochter, ihrer Schwester und ihrer Mutter die mittelhessische Kleinstadt Runkel.
Bereits kurz nach ihrer Ankunft brachte Karlova bei verschiedenen Ämtern zum Ausdruck, dass sie in der Ukraine eine schulische Ausbildung zur Friseurin genossen und diverse Weiterbildungen im Färben, Flechten, Schneiden und Stecken mit Erfolg abgeschlossen habe. Gemeinsam mit Freunden habe sie zudem einen eigenen Friseursalon geführt und wolle zukünftig auch weiterhin in ihrem Beruf arbeiten.
Eine Mitarbeiterin der Stadt Runkel nahm sich des Anliegens der Ukrainerin an und stellte für Karlova den Kontakt zu ihrer Friseurin Pia Henrich her. Daraufhin lud Henrich Karlova in ihren Salon ein, wo ihr die Ukrainerin Fotos von Frisuren auf ihrem Smartphone zeigte, die sie in ihrem Arbeitsalltag gezaubert hat. Die Runkeler Saloninhaberin war begeistert und beschloss umgehend, Karlova die Möglichkeit zu geben, beruflich in Deutschland Fuß zu fassen. Somit bereichert Karlova das dreiköpfige Team um Friseurmeisterin Pia Henrich seit Juni vergangenen Jahres.
Verständigung via Smartphone
Als Karlova ihren ersten Arbeitstag im Friseursalon von Handwerksmeisterin Pia Henrich begann, sprach sie ukrainisch und russisch, kein deutsch oder englisch. Für Henrich kam es dennoch nicht in Frage, dass Karlova nur Hilfsarbeiten wie beispielsweise Haare waschen übernehmen sollte. "Durch den direkten Umgang mit Kunden kann Daria einen guten Zugang zu unserer Sprache finden", zeigte sich die Friseurmeisterin von Beginn an zuversichtlich. An zwei Nachmittagen unter der Woche sowie jeden zweiten Samstag begrüßt Karlova daher ihre eigenen Kunden im Runkler Friseursalon. Die Verständigung zwischen Karlova und den Kunden, aber auch zwischen Henrich und den Kolleginnen fand zunächst mit Händen und Füßen statt und auch ein Übersetzungsprogramm auf dem Smartphone erwies sich als hilfreich.
Motivation ist stärker als Sprachbarriere
Zusätzlich nahm Karlova über sechs Monate hinweg an fünf Tagen in der Woche vormittags an einem Deutschkurs teil. Die Konversation mit ihrem Umfeld funktioniere mittlerweile schon flüssiger, berichtet Karlova. Henrich beeindruckt das Engagement der Ukrainerin: "Daria ist sehr fleißig, kommt zu Terminen nie zu spät und springt bei Bedarf auch gerne für ihre Kolleginnen ein." Karlova ist dankbar für die Chance, beruflich am Ball bleiben zu können. "Ich möchte, dass meine Hände ihr Handwerk nicht verlernen", so die Friseurin.
Handwerksmeisterin Henrich liegt am Herzen, Handwerksbetriebe dazu zu ermutigen, sich mit der Integration von Menschen mit Migrationshintergrund auseinanderzusetzen. "Wenn die Motivation oder vielleicht sogar fachliche Kompetenzen vorhanden sind, dann ist die Sprachbarriere mit Deutschkursen und Übersetzungsprogrammen gut zu überwinden", erklärt die 49-Jährige. Das sieht auch Anja Kloos, Willkommenslotsin der Handwerkskammer Wiesbaden, so. "Menschen, die vor dem Krieg geflohen sind, benötigen Stabilität und Verlässlichkeit, um mit dem Verlust von Heimat und Strukturen umgehen zu können", weiß Kloos.