Klimawandel und Hitze Überleben nur noch mit Klimaanlage

Extreme Hitze, Starkregen und Wetterkapriolen zeigen sich in Deutschland und weltweit immer deutlicher. Bis zum Ende des Jahrhunderts könnten drei Viertel der Menschheit unter Hitzestress leiden, warnt die Technische Universität München. Um die Klimafolgen für den Menschen abzuschwächen, müssen Gebäude in Zukunft anders gebaut werden. Für das Handwerk hat das direkte Folgen. Manche Gewerke spüren das bereits.

Löschhubschrauber über Waldbrand
Waldbrände wie in Nordamerika sind nur eine Folge von Extremwetter. Auf lange Sicht könnte ein Großteil der Menschheit auf technische Hilfsmittel angewiesen sein, um der Hitze zu trotzen. - © Karsten - stock.adobe.com

Der Mensch kann sich an Temperaturen anpassen, aber nur bis zu einem gewissen Grad. Wenn, wie im Juli 2021 in Kanada und im Nordwesten Amerikas, extreme Hitze häufiger wird und die Temperatur über eine längere Dauer auf hohem Niveau bleibt, versetzt das Menschen, Tiere und Pflanzen in Stress.

Dabei gibt es Schwellenwerte, wann Temperatur zu einem Problem wird, zeigen die Untersuchungen von Prof. Senthold Asseng, Direktor des Hans Eisenmann-Forums für Agrarwissenschaften an der Technischen Universität München (TUM).

"Wir haben bevorzugte und schädliche Temperaturen bei Menschen, Rindern, Schweinen, Geflügel und landwirtschaftlichen Nutzpflanzen untersucht und herausgefunden, dass diese erstaunlich ähnlich sind", sagt Asseng. Wohlfühltemperaturen liegen demnach zwischen 17 und 24 Grad Celsius.

Wann wird es für den Menschen zu heiß?

Bei hoher Luftfeuchtigkeit beginnt eine leichte Hitzebelastung für den Menschen bei etwa 23 Grad Celsius und bei niedriger Luftfeuchtigkeit bei 27 Grad Celsius.

Diese Werte bestätigt Heribert Baumeister, Obermeister des Bundesinnungsverbands des Deutschen Kälteanlangebauerhandwerks. "Wichtig ist nicht nur die absolute Temperatur, auch die Raumluftfeuchte hat großen Einfluss auf das Wohlbefinden." Die optimale Luftfeuchte für den Menschen läge bei 40 bis 60 Prozent. "Dann kann der Mensch durch Schwitzen Wärme abgeben." Liegt die Luftfeuchtigkeit höher, so gibt es keinen Kühleffekt durch Schwitzen mehr. Liegt der Wert niedriger, verliert der Mensch zu viel Feuchtigkeit an die trockene Luft.

Entsprechend kritisch wird es für den Menschen, wenn zwei ungünstige Werte zusammenkommen. "Wenn Menschen längere Zeit Temperaturen über 32 Grad Celsius bei extrem hoher Luftfeuchtigkeit oder über 45 Grad Celsius bei extrem niedriger Luftfeuchtigkeit ausgesetzt sind, kann das tödlich sein", warnt Prof. Asseng. "Extremhitzeereignisse mit Temperaturen weit über 40 Grad Celsius, wie sie gerade an der amerikanischen Westküste zu beobachten sind, erfordern daher technische Unterstützung etwa in Form von klimatisierten Räumen."

Nachfrage nach Klimaanlagen deutlich gestiegen

Auch wenn in Deutschland die Hitzewellen bisher weniger intensiv waren als in Nordamerika und Kanada, bestätigt der Fachverband Gebäude Klima eine deutlich gestiegene Nachfrage. "Bei den Aufträgen im Segment der Klima- und Lüftungsanlagen ist eine starke Steigerung zu verzeichnen. Im letzten Jahr waren es ca. 100.000 Geräte, zahlreiche Großhändler waren ausverkauft. Weiterhin gab es starke Zuwächse im Wohnhausbereich", so eine Sprecherin. Vor allem Privatleute hätten zuletzt vermehrt Aufträge erteilt, beobachtet Heribert Baumeister für die Kältetechniker.

Die Betriebe können auf das immer höhere Nachfrageaufkommen nur mit Zeitverzögerung reagieren. "Die Wartezeiten sind länger geworden, das hängt auch mit dem Fachkräftemangel in unserem Gewerk zusammen", so Baumeister. Im Schnitt hätte das Kältetechnikerhandwerk derzeit Arbeit für rund sechs Wochen in den Auftragsbüchern stehen.

Gebäude hitzeresistenter machen

Neben der Kältetechnik im Haus hat auch die Art zu Bauen selbst einen wichtigen Einfluss auf die Hitzeentwicklung.

Professor Asseng empfiehlt eine verstärkte natürliche Beschattung durch Bäume oder eine bauliche Beschattung, um die zunehmende Hitzebelastung abzuschwächen. Städte und Gebäude sollten so umgestaltet werden, dass sie temperaturpassiver sind. Er empfiehlt hellere, reflektierende Dach- und Wandfarben oder eine verbesserte Wand- und Dachisolierung.

 "Bis zum Ende des Jahrhunderts könnten 45 bis 70 Prozent der globalen Landfläche von Klimabedingungen betroffen sein, bei denen der Mensch ohne technische Hilfen, wie etwa Klimaanlagen, nicht mehr überleben kann. Derzeit sind es 12 Prozent", warnt Prof. Asseng vor den massiven Folgen. Das bedeute, dass in Zukunft 44 bis 75 Prozent der menschlichen Bevölkerung chronisch durch Hitze gestresst sein werden. Eine ähnliche Zunahme der Hitzebelastung sei für Vieh, Geflügel, Nutzpflanzen und andere lebende Organismen zu erwarten.

"Eine genetische Anpassung an das geänderte Klima benötigt oft viele Generationen und die verfügbare Zeit ist für viele höhere Lebensformen zu kurz. Wenn die derzeitigen Klimaentwicklungen so weitergehen, könnten viele Lebewesen vom Temperaturwandel schwer betroffen sein oder sogar ganz von der Erde verschwinden", resümiert Prof. Asseng.

Originalpublikation: Asseng, S., Spänkuch, D., Hernandez-Ochoa, I. M. & J. Laporta (2021): The upper temperature thresholds of life. In: The Lancet Planetary Health. Volume 5, Issue 6, June 2021, Pages e378-e385. DOI: https://doi.org/10.1016/S2542-5196(21)00079-6