MDR-Sendung "Fakt ist! aus Erfurt" TV-Kritik: Worin die Wurzeln des Nachwuchsmangels liegen

Der Fachkräftemangel wird für einen Großteil der Probleme im Handwerk verantwortlich gemacht. Doch woher rührt er eigentlich genau? Liegt es am demographischen Wandel? Am schlechten Image des Handwerks? Oder sind die Betriebe gar selbst Schuld am Nachwuchsmangel? Darüber diskutierten verschiedene Gäste in der MDR-Talkrunde "Fakt ist! aus Erfurt“, die einige spannende Erkenntnisse hervorbrachte. 

Handweker tippt auf Armbanduhr, Zeitdruck.
Viele Kunden müssen lange auf den Handwerker warten: Meist ist der Fachkräftemangel Schuld daran. Bei "Fakt ist! aus Erfurt" diskutierten Talkgäste aus unterschiedlichen Bereichen darüber, wie man das Problem lösen kann. - © Aycatcher - stock.adobe.com

Zwei Jahre hat Viola Worsch auf einen Handwerker gewartet, der die defekten Massage-Düsen in ihrer Badewanne repariert. Ein Betrieb habe ihr wegen des zu kleinen Auftrags abgesagt, viele Handwerker seien nicht einmal erreichbar gewesen und einer habe zwar Teile ausgebaut und mitgenommen, sei danach aber nie wieder aufgetaucht. Letztlich habe der Hersteller die Reparatur übernommen und dafür hohe Anfahrtskosten berechnet.  

Das Beispiel der Verbraucherin steht stellvertretend für die Probleme vieler Kunden, wie gleich zu Beginn der MDR-Sendung "Fakt ist! aus Erfurt" deutlich wird: Laut einer Umfrage des MDR, an der mehr als 21.000 Menschen teilgenommen haben, gaben 83 Prozent an, dass es immer schwieriger wird, einen Handwerker zu bekommen. 

Das Problem Fachkräftemangel aus unterschiedlichen Perspektiven

Aufbauend auf diesen Umfrageergebnissen diskutierten in der Talkrunde mit dem Titel "Volle Bücher, keine Leute – Großbaustelle Handwerk" unterschiedliche Gäste über das Thema Fachkräftemangel. Darunter der Präsident des Thüringer Handwerkstages, eine Bildungsforscherin, eine Vertreterin des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) sowie verschiedene Menschen aus dem Handwerk.  

Das war die große Stärke der Sendung: Aus ihren jeweiligen Erfahrungen heraus schilderten die Anwesenden die Auswirkungen des Problems und sie schlugen einen bunten Strauß an Lösungsansätzen vor. Einziges Manko der Folge vom 18. Oktober: Der kurzen Sendezeit von rund 59 Minuten wegen kamen einzelne Talkgäste auch mal zu kurz; und obwohl gleich zwei Moderatoren das ein oder andere Mal kritisch nachfragten, wirkte die Sendung aufgrund des knappen Zeitrahmens stellenweise gehetzt. Nichtsdestotrotz förderte die Runde einige interessante Erkenntnisse zutage. 

Chefin eines Malerbetriebs findet keine Auszubildenden

Bei den Bauelektrikern sind deutschlandweit mehr als 18.000 Stellen unbesetzt, bei den Klempnern sind es 14.000 Stellen, bei den Fleischereifachverkäufern 5.000, hieß es in der Sendung. Und auch Talkgast Sandra Jacobs, Chefin eines Malereibetriebs, bestätigt, dass es ihr an Mitarbeitern bzw. Nachwuchs fehlt. So habe sie zwar genügend Aufträge, aber seit drei Jahren keine einzige Bewerbung für eine Ausbildung erhalten.  

Doch woran liegt es, dass einige Gewerke bei der Nachwuchsfindung mehr Probleme haben als andere? Nach Meinung der Thüringer DGB-Jugendsekretärin Jessica Weber-Täntzler liegt die Ursache darin, dass die Arbeits- und Ausbildungsbedingungen in vielen Betrieben nicht stimmen: "Das fängt mit der Vergütung an, hört mit Überstunden auf." Einige Handwerksberufe würden hierbei jedoch besser abschneiden als andere. Das seien vor allem diejenigen, die vermehrt an Tarifverträge gebunden sind, schildert Weber-Täntzler. 

Architekt behilft sich mit eigenem Bautrupp

Gast Sven Rogga ist zwar kein Handwerker, doch als Architekt hat er ebenfalls mit dem Fachkräftemangel zu kämpfen. Er ist viel im Bereich Gebäudesanierung tätig, in dem Aufträge schnell erledigt werden müssen. Doch kurzfristig einen Handwerker zu bekommen, sei oftmals unmöglich. Um dem Problem zu entgegnen, ließ er sich eine Lösung einfallen: Er stellte einen eigenen Bautrupp zusammen, engagierte einen Maurer, Putzer, Fliesenleger und SHK-Meister. Seine Mitarbeiter könne er dank guter Löhne halten, verrät er. Aber trotz seines kreativen Ansatzes berichtet auch Rogga von Problemen. So wollte er den Cousin seiner Frau aus Russland anstellen, der Schweißer ist. Die Bürokratie machte ihm letztendlich einen Strich durch die Rechnung. 

Nach Meinung von Stefan Lobenstein, Präsident des Thüringer Handwerkstages, müsse die Regierung in diesem Bereich mehr tun: "Das müsste viel unkomplizierter gehen. Regulatorik, Bürokratie, das ist ein Hemmschuh." Doch noch ein anderer Punkt sei wichtig, um dem Nachwuchsmangel entgegenzutreten: Die Berufsorientierung müsse optimiert werden. Um schon früh Lust am Handwerk zu schüren, habe der Thüringer Handwerkstag Initiativen gestartet, die schon Kindergartenkinder mit Handwerksberufen in Berührung bringen. Daneben seien etwa auch mehr Praktika in den Schulen nötig. 

Sind die Betriebe selbst Schuld am Fachkräftemangel?

Nach Angaben des Thüringer Handwerkstages sind von 30.000 Betrieben im Land nur knapp 13.000 als Ausbildungsbetrieb gemeldet. Davon hätten nur 3.300 im Jahr 2021 ausgebildet. Sind die Betriebe etwa selbst Schuld am Fachkräftemangel, weil sie keine Lust haben, auszubilden?

Lobenstein begründet diese Zahlen auch mit dem großen Aufwand und hohen Kosten, die eine Ausbildung für Betriebe mitbringe. Für die Durchführung fehle vielen Unternehmen schlichtweg das Personal. DGB-Vertreterin Weber-Täntzler mahnte aber auch diejenigen Betriebe an, die nicht ausbilden wollen. Das sei "auch ein Stück verantwortungslos, nicht nur gegenüber den jungen Menschen, sondern natürlich auch gegenüber der eigenen Branche und gegenüber der Gesamtwirtschaft." Zudem gäbe es Betriebe, die sich selbst die Ausbildung sparen, dann aber Fachkräfte, die in einem anderen Betrieb ausgebildet wurden, mit einem besseren Gehalt abwerben. 

Gast Dirk Meyer, Serviceleiter bei der Autohauskette Liebe, die in drei Bundesländern an acht Standorten ausbildet, forderte diesen Kreis zu durchbrechen. "Nehme ich mir die Mühe nicht am Anfang, auch wenn es schwer ist, brauche ich mich doch in zwei, drei Jahren nicht wundern, wenn ich dann nicht etabliert bin als Ausbildungsbetrieb."

Nachwuchs mit vielseitigen Möglichkeiten locken

Zum Schluss der Sendung wurden auch Beispiele gezeigt, bei denen die Suche nach dem Nachwuchs positiv verläuft. Dorothee Schwertfeger versucht in ihrer Möbeltischlerei in Eisenach jedes Jahr zwei bis drei Lehrlinge auszubilden. Ein Drittel ihrer Belegschaft bestehe aus eigens ausgebildeten Azubis. Der Grund für ihren Erfolg? Sie stelle auch duale Studenten ein, biete Weiterbildungen an und beteilige sich an Kosten für Meisterkurse.  

Sigrun Nickel vom Centrum für Hochschulentwicklung in Gütersloh sieht genau darin eine Chance, um die Ausbildung wieder attraktiver zu machen. Schwertfegers Betrieb sei ein Musterbeispiel und perfekt für junge Menschen, die sich in verschiedene Richtungen entwickeln wollen. "Das ist genau der Trend, den wir momentan ja sehen, dass die Durchlässigkeit zwischen beruflicher und akademischer Bildung eigentlich zunimmt." Dies aktiv zu unterstützen, stärke ihrer Meinung auch das Handwerk.  

Dass das klappen kann, sieht man am Beispiel von Gabriel Eras, der in einem Sanitär- und Heizungstechnikerbetrieb arbeitet und gemeinsam mit seinem Ausbilder im Studio saß. Er absolviert im Bereich Sanitär sowohl eine Ausbildung als auch ein Studium. Dieser spezielle Bildungsweg nimmt rund viereinhalb Jahre in Anspruch. Was ihn daran angezogen habe, seien einerseits die zwei Abschlüsse – Gesellenbrief und Bachlorabschluss aber auch, dass er seine verschiedenen Fähigkeiten ausleben kann. Und auch Chef Heiko Platz sieht die Vorteile einer zum Teil akademischen Ausbildung: "Wir wollen Leute haben, die auch im Büro das Niveau des Handwerks ein bisschen anheben", so Platz. Gerade im Bereich Heizung Lüftung Sanitär sei der Technisierungsgrad hoch. "Daran sieht man auch, wie hochwertig das Handwerk ist, speziell in unserem Berufszweig."

>>> Hier geht es zur vollständigen Sendung zum Nachschauen: Fakt ist! aus Erfurt: Volle Bücher, keien Leute – Großbaustelle Handwerk