Fernsehshow auf ProSieben The Masked Singer: Knallharte Glitzerwelt

Für ihre Kostüme in der Fernsehshow "The Masked Singer" gibt Gewandmeisterin Alexandra Brandner alles. Am 16. Oktober wurden ihre neuesten Werke auf der TV-Bühne gefeiert.

Der Engel bei der TV-Show "The Masked Singer"
Kontrastreicher Auftritt: Im zarten Engelskostüm aus tausenden Federn, Glitzer und Krinoline überraschte Comedian Bülent Ceylan das Publikum mit kantigem Hardrock. - © picture-alliance/dpa/Marcel-Kusch

Der Engel hat einen schmutzigen Saum. Seine Ärmel sind angegraut, den Kragen verunziert ein gelblicher Fleck. "Ich hab das Kostüm wieder mitgenommen, um es zu reinigen. Besser, wir machen das selbst", sagt Alexandra Brandner und betrachtet die Schneiderpuppe im Engelskleid.

Dann geht die Gewandmeisterin über eine Rundtreppe nach oben, vorbei am glitzernden Kronleuchter, der das Atelier mit ihrem Arbeitsplatz auf der Galerie verbindet. Im Hintergrund läuft Musik, unten plaudern fünf junge Leute während der Arbeit an den Schneidertischen. "Zwei Wochen Verschnaufpause, dann geht es wieder los", lässt Brandner keine falschen Vorstellungen aufkommen. Meist wird hier unter Hochdruck gearbeitet.

Kuschelmonster und Göttinnen

Die Handwerkerin aus Mühldorf am Inn fertigt seit der ersten Staffel von "The Masked Singer" für diese Fernsehshow Fabel- und Tierwesen, Gottheiten und Kuschelmonster. Gerade erst haben die Masken für die fünfte deutsche Staffel das Haus verlassen und für wenige Tage darf das Team die blickdichten Vorhänge von der Fensterfront ziehen.

Wenn die Arbeit für die belgische Variante der Sendung beginnt, wird alles erneut verhüllt "und wir sind dann wieder ein Vampirbetrieb", kommentiert Brandner lachend.

Strengste Geheimhaltung

Strenge Geheimhaltung ist das Prinzip der Show. Zehn von Kopf bis Fuß maskierte, anonyme Personen singen nacheinander auf einer Bühne, derweil Jury und Publikum versuchen, herauszufinden, wer unter der Maske steckt.

Wer mit seiner Darbietung überzeugt, behält die Maske auf und kommt eine Runde weiter. Die anderen werden von Folge zu Folge demaskiert. Persönlichkeiten wie der Komiker Dieter Hallervorden, Fernsehkoch Nelson Müller oder Tagesschausprecherin Judith Rakers schlüpften schon aus den Verkleidungen, aber auch Sänger wie Max Mutzke. Und der Comedian Bülent Ceylan rockte als Engel.

Schneiderkunst ohne Anprobe

Damit das Konzept funktioniert, darf niemand vorab die Kostüme sehen. Und niemand – noch nicht einmal Brandner selbst – erfährt, für wen sie die Stücke eigentlich anfertigt. "Ich bekomme nur Körper- und Schuhgröße und den Kopfumfang. Damit muss ich arbeiten." Es gebe zwar Formeln, mit denen man grob die restlichen Körpermaße ermitteln könne. Trotzdem schwitze sie jedes mal Blut und Wasser aus Sorge, dass die Kostüme nicht passen könnten.

Denn das Zeitfenster für die Produktion ist extrem eng, für Nachbesserung ist keine Zeit. Genau sechs Wochen haben Brandner und ihre Geschäftspartnerin, die österreichische Maskenbauerin Marianne Meinl, um alle Kostüme und Masken zu fertigen. Sie müssen sich streng nach einer gezeichneten Vorlage der US-Designerin Marina Toybina richten, die keinerlei Rücksicht auf Umsetzbarkeit nimmt. "Wir sitzen dann immer da und fragen uns, wie wir es bloß machen sollen", stöhnt Brandner.

Bauwerke statt Kostüme

Doch "Geht nicht, gibt’s nicht" lautet ihr Credo. Aus Stoff, Stahl, Holz, Latex, Harz, Federn, Strass und Glitzer fertigen sie übermannshohe Kostüme, gigantische Masken und weit ausladende Röcke. Bis zu 20 Kilogramm wiegen die Kolosse, in denen die Träger auch noch singen können müssen. Mit dem Beruf des Maskenbildners und Theaterschneiders habe das nicht mehr viel zu tun. "Wir machen Bauwerke."

Brandner ist stolz auf ihren Ruf, das leisten zu können. Als einziger Betrieb in Europa biete sie alles aus einer Hand: Kostüme, Masken und Schuhe, Spezialeffekte inklusive. Schon als Kind sei es ihr Wunsch gewesen, so zu arbeiten. Und diesen Wunsch hat sie konsequent verfolgt.

Nach der Hauptschule begann sie 1987 eine Schneiderlehre und konnte dann einen der raren Ausbildungsplätze als Theaterschneiderin am Münchner Residenztheater ergattern. Anschließend holte sie Realschulabschluss und Abitur nach und besuchte die Meisterschule für Gewandmeisterkunst. Parallel studierte sie an der Akademie der bildenden Künste in München Kostüm und Bühnenbild.

Arbeiten rund um die Uhr

"Um mich zu finanzieren, jobbte ich nebenher als Putzfrau, Verkäuferin und Statistin beim Film", erinnert sie sich. Sie sei einfach ein Arbeitstier. Wenn eine Produktion begonnen habe, arbeite sie Tag und Nacht, 80 Stunden die Woche. Und sie sage bei Anfragen niemals ab, auch wenn dann mehrere Produktionen parallel laufen müssen. "Das ist alles eine Einteilungssache, man muss sich eben extrem gut organisieren."

Trotz dieser harten Bedingungen ist ihre Arbeit für sie und viele andere ein Traumberuf. Rund 80 Bewerbungen bekomme sie jedes Jahr aus ganz Deutschland. Auch ihre beiden erwachsenen Kinder zählen als Maskenbildnerin und Herrenschneider zum 15-köpfigen Team. Außerdem arbeiten hier Requisiteure, Damenschneider, Kostümbildner, ein Schreiner und ein Programmierer. "Aber letztlich machen wir alle alles. Es braucht eine solide handwerkliche Ausbildung und dann die Fähigkeit, um die Ecke zu ­denken."

Pleitewelle nach Corona

Diese Fähigkeit ist mit Corona noch einmal wichtiger geworden. "Ganz viele unserer Zulieferer sind durch die Lockdowns eingegangen", bedauert Brandner. Der Federhersteller konnte ohne Shows nicht überleben, der Lieferant hochwertiger Stoffe ist weg für immer und selbst der Kristall-Gigant Swarovski hat massiv Stellen abgebaut und liefert ihr keine Strasssteine mehr.

Chinesische Ware ist für Brandner keine Option, also produziert das Team eigenhändig, was es braucht: Färbt Stoffe, Felle und Federn selbst, bedruckt die Muster von Hand, besprüht sie mit Airbrush. Für die Glitzersteine muss eine Stahlplatte vom Baumarkt herhalten, mit hunderten Löchern durchbohrt und mit Kunstharz begossen, die am nächsten Tag wie Strass funkeln.

Keine Ausbildung mehr

Drei Azubis dürfen bei Brandner noch diese Kunst des Um-die-Ecke-Denkens erlernen. Danach wird sie sich aus der Ausbildung zurückziehen. "Wie viele andere Kleinbetriebe kann ich mir die Mindestvergütung für Azubis einfach nicht leisten", bedauert sie. Auch wenn die Arbeit für Film und Fernsehen anständig bezahlt werde, könne keine Rede davon sein, dass ihr ein einzelnes Masked-Singer-Kostüm 35.000 Euro bringe, wie immer wieder behauptet werde. "Das wäre wirklich wünschenswert, wenn wir das bekämen", sagt sie und bekommt einen Lachanfall.

Dann wird sie wieder ernst. "Am Ende von einer Produktion sitzen wir immer mit solchen Augenringen da, vollkommen kaputt." Trotzdem will sie es nicht anders haben. Vergangenes Jahr wurden ihre Kostüme für "The Masked Singer" mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet. Und das soll nicht das Ende der Fahnenstange sein. "Mein nächstes Ziel ist der Oscar."