Filmkritik zur deutsch-griechischen Komödie Handwerk im Kino: Der Hochzeitsschneider von Athen

Am 26. August 2021 startet der sympathische Film "Der Hochzeitsschneider von Athen" in den deutschen Kinos. Lesen Sie hier, ob sich der Besuch im (Open-Air-)Kino lohnt – und in welchem Licht das Schneiderhandwerk in der Komödie erscheint.

Die griechische Komödie "Der Hochzeitsschneider von Athen" startet am 26. August 2021 bundesweit im Kino. - © Neue Visionen Filmverleih

Was haben das Maßschneiderhandwerk und das Kino gemeinsam? Bei näherer Betrachtung eine ganze Menge: Beide Branchen haben wirtschaftlich seit Beginn der Corona-Pandemie in erheblichem Maße gelitten. Weil Hochzeiten, Geburtstagsfeiern oder andere Festlichkeiten, bei denen Gäste und Gastgeber gern gut gekleidet erscheinen, seit März 2020 reihenweise abgesagt werden mussten, brachen vielen Maßschneidern die Aufträge weg. Die Kinos hingegen litten weltweit unter den monatelangen Schließungen, sodass zahlreiche Filme verschoben wurden oder direkt auf Netflix, Disney+ und Co gestartet sind.

In Sonia Liza Kentermanns warmherziger Komödie "Der Hochzeitsschneider von Athen" trifft nun beides direkt aufeinander: Im Mittelpunkt des sommerlichen Films, der am 26. August 2021 in den deutschen Kinos startet, steht ein griechischer Herrenmaßschneider, der trotz seiner hochwertigen Maßanfertigungen eine schlechte Auftragslage zu beklagen hat und daraufhin sein Geschäftsmodell umstellt. Der Film punktet mit sympathischen Figuren, prachtvollen Bildern und einer angenehm zurückgenommenen Inszenierung, erzählt einen zentralen Konflikt des Films allerdings nicht aus und stiehlt sich am Ende ein wenig zu harmonisch aus der Affäre.

Die Nähmaschine rattert im Takt

Schon die ersten Sekunden machen deutlich, wie sehr der deutsch-griechischen Regisseurin, die gemeinsam mit Tracy Sunderland auch das Drehbuch zu ihrem Langfilmdebüt geschrieben hat, daran gelegen ist, ein authentisches und wertschätzendes Bild vom Maßschneiderhandwerk zu zeichnen: Zu den Klängen der Filmmusik klackern das Pedal und die Nadel der Nähmaschine im Takt, während der alleinstehende Maßschneidermeister Nikos (Dimitris Imellos) in seiner Werkstatt das tut, was er am besten kann: Schnittbögen millimetergenau abmessen und aus hochwertigen Stoffen passgenaue Anzüge schneidern. Die Kamera schwelgt zum ersten, aber nicht zum letzten Mal in prachtvollen Bildern von Handwerk und Material, ohne dass diese je zum Selbstzweck verkommen würden.

Mitten im trubeligen Athen tauchen wir ein in eine Welt, in der die Zeit ein Stück weit stehen geblieben ist: Im Verkaufsraum herrscht gähnende Leere, weil viele Stammkunden Nikos, der das Geschäft von seinem gesundheitlich angeschlagenen Vater Thanasis (Thanasis Papageorgiou) übernommen hat, über die Jahre weggestorben sind. Dass sich auf dem Tresen der Staub sammelt, lässt Nikos allerdings nicht zu: Klinische Reinheit ist ihm ebenso wichtig wie frischer Atem, sorgfältig gestutzte Nasenhaare und ein perfekt sitzender Anzug. Für seine potenzielle Kundschaft gilt das nicht mehr: Die kauft lieber günstige Massenware von der Stange und weiß traditionsreiches Handwerk kaum noch zu schätzen – ein Schicksal, das vielen Handwerkern auch hierzulande bekannt ist. Es droht die Zwangsvollstreckung durch die Bank, die Nikos kein Geld mehr geben will.

Das tapfere Schneiderlein

Kentermann skizziert Nikos in der Ouvertüre mit feinem Blick für entlarvende Details und verzichtet zunächst auf jeglichen Dialog. Die ersten sechs Minuten wird kein einziges Wort gesprochen – und doch erfahren wir als stiller Beobachter alles, was wir über Nikos wissen müssen. Wie in den berühmten Sketchen mit "Mr. Bean" (Rowan Atkinson), dem der vielfach ausgezeichnete Film- und Theaterschauspieler Dimitris Imellos nicht von ungefähr ähnelt, verraten Mimik, Körpersprache und Auftreten mehr als tausend Worte. Ein kleiner Pedant ist er ja schon – aber ein sympathischer. Wir schließen das einsilbige, aber tapfer gegen die Pleite kämpfende Schneiderlein schnell ins Herz.

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    Handwerk mit langer Familientradition: Nikos (Dimitris Imellos) hat das Schneidern von seinem Vater Thanasis (Thanasis Papageorgiou) gelernt.
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    Neues Geschäftsmodell: Weil in seinem Geschäft die Kundschaft ausbleibt, versucht sich Nikos (Dimitris Imellos) als mobiler Schneider auf den Wochenmärkten Athens.
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    Der Zauber eines Neuanfangs: Nachbarin Olga (Tamila Koulieva) erlebt bei der Arbeit mit Nikos (Dimitris Imellos), wie erfüllend das traditionelle Schneiderhandwerk ist.
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    : Im Paradies von Tüll und Seide: Nachbarin Olga (Tamila Koulieva) und Maßschneider Nikos (Dimitris Imellos) in der Schneiderwerkstatt.
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    Versiertes Auge: Nikos (Dimitris Imellos) schneidert jungen Bräuten aus dem Umland Athens ihr Traumkleid millimetergenau auf den Leib.

Der reduzierte Redeanteil kennzeichnet das unaufgeregt arrangierte Feel-Good-Movie auch im weiteren Verlauf: "Der Hochzeitsschneider von Athen" ist keine dieser schrillen, wendungsreichen und turbulenten Hochzeitskomödien, in denen es vorrangig darum geht, möglichst viele Gags und Katastrophen aus dem Vorbereiten und Durchführen des Events zu generieren. Der Witz ist subtiler und generiert sich oft aus der Absurdität der Situation – etwa dann, wenn Nikos zwei offensichtlich klammen Kunden den hohen Preis für australische Schafswolle erläutert oder sich in frischem Fisch und anderen Naturalien entlohnen lässt, weil ein Käufer gerade nicht flüssig ist.

Frei nach dem Motto "Wenn der Kunde nicht zum Betrieb kommt, muss der Betrieb eben zum Kunden kommen" stellt Nikos außerdem sein Geschäftsmodell um: Er verkauft Frauenkleider auf den gut besuchten Wochenmärkten und reist mit seinem Motorrad über die Dörfer, um jungen Bräuten ihre Hochzeitskleider maßzuschneidern. Dünne Slapstick-Elemente bleiben dabei außen vor: Zwar böte allein das kuriose selbstgebaute Motorrad-Mobil, mit dem Nikos seine Kreationen über viele Kilometer brüchigen Asphalts auf den Wochenmarkt und ins Umland transportiert, reichlich Gelegenheit für amüsante Widrigkeiten, doch würden solche plumpen Attacken auf die Lachmuskeln des Publikums den Film in seiner Grundtonalität aushebeln.

Romantisches Sommerkino mit harmlosem Ausklang

Besonnen im Dialog und mit verspieltem Humor erzählt der Film in den lebensfrohen Farben eines Hochzeitsfests und fast poetischen Bildern über die besondere Anziehungskraft zweier Menschen, die sich nicht unterkriegen lassen: Weil Nikos keine Erfahrung mit dem Schneidern von Damenmode hat, holt er sich Unterstützung bei seiner Nachbarin Olga (Tamila Koulieva-Karantinaki), die nicht ganz unerfahren an der Nähmaschine ist und sehr zur Freude ihrer kleinen Tochter Victoria (Dafni Michopoulou) die erste Kollektion für den Stand auf dem Wochenmarkt beisteuert. Das freche Mädchen mit einer ausgeprägten Abneigung gegen Hausaufgaben unterstützt ihn prompt als "Marktschreierin" beim Werben um Kundschaft – eine wirklich köstliche Szene.

In Nikos Verhältnis zu ihrer Mutter Olga liegt zugleich der zentrale Konflikt der Geschichte: Der Maßschneider und die Hobbyschneiderin kommen sich näher – und es spricht sehr für den Film, dass er den ungeschriebenen Rom-Com-Gesetzen bei dieser einfühlsam erzählten Romanze nicht allzu streng folgt. Olgas Ehemann Kostas (Stathis Stamoulakatos) ist die Sache natürlich ein Dorn im Auge – doch ehe es zum großen Knall mit dem Taxifahrer und Whiskeytrinker kommen kann, lassen die Filmemacher diesen Handlungsaspekt wieder fallen. Das ganz große Drama entwickelt sich dadurch nicht, und so klingt "Der Hochzeitsschneider von Athen" am Ende doch so seicht und harmlos aus, wie man es von romantischem Sommerkino in der Regel gewöhnt ist.

Hier geht es zur offiziellen Website des Films "Der Hochzeitsschneider von Athen".