TV-Kritik zur sechsteiligen ARD-Serie Tina mobil: Brot und Brezeln für Brandenburgs Dörfer

In einer neuen ARD-Serie wagt eine Berliner Bäckereifachverkäuferin den mutigen Schritt in die Selbstständigkeit – und muss als dreifache Mutter nicht nur berufliche, sondern auch private Herausforderungen meistern. Lesen Sie hier, ob sich das Einschalten lohnt.

Szene aus ARD-Serie Tina mobil.
Bäckereifachverkäuferin mit Leib und Seele: Tina Senftleben (Gabriela Maria Schmeide) macht hinter der Theke keiner was vor. - © rbb/ARD/X Filme Creative Pool GmbH/Stefan Erhard

Dass ARD und ZDF in den vergangenen Jahren eine Streaming-Offensive gestartet haben und eigene Formate oft schon vor der Erstausstrahlung im Fernsehen in ihren Mediatheken veröffentlichen, zeigt sich an "Tina mobil" exemplarisch. Während die TV-Premiere der ersten von drei Doppelfolgen á 90 Minuten am 22. September um 20.15 Uhr stattfindet, sind die sechs Einzelfolgen á 45 Minuten schon seit dem 16. September in der ARD-Mediathek abrufbar. Die Konkurrenz durch Netflix und Co. wird eben stärker, und daher gilt auch hier das Motto: online first.

Eine Kündigung und ein Neustart

Der Großteil der Zuschauer dürfte aber erst am "FilmMittwoch" einschalten, denn die vom rbb in Auftrag gegebene Serie unter Regie von Richard Huber richtet sich eher an ein älteres, mit dem Streaming oft noch fremdelndes Publikum, das in der Hauptfigur – einer Berliner Bäckereifachverkäuferin in den besten Jahren – eine charismatische Identifikationsfigur findet. Die Mittfünfzigerin Tina Senftleben (Gabriela Maria Schmeide) fährt für die Großbäckerei Zollerich Tag für Tag frische Schrippen und Backwaren in einem Verkaufswagen von der Hauptstadt aus in die Brandenburger Provinz. Während ihre Kunden sie für ihre Berliner Schnauze, den persönlichen Draht und ihre Fachkompetenz schätzen, hat ihr strenger Chef vor allem den Profit im Auge und setzt sie nach einem kleinen Versäumnis und einem handfesten Streit vor die Tür.

Die alleinerziehende Tina, die sich ihre Altbauwohnung in Pankow mit ihren drei an der Schwelle zum Erwachsenwerden stehenden Kindern Caro (Runa Greiner), Felix (David Ali Rashed) und Julia (Fine Sendel) teilt, steht vor den Scherben ihres Berufslebens und dem finanziellen Ruin: Rechnungen wollen bezahlt, Schulden beglichen und die Klassenfahrt ihres Sohnes finanziert werden. Doch Tina ist eine Kämpferin: Mit Starthilfe durch die Arbeitsagentur und eine selbst am Existenzminimum lebende Ex-Buchhalterin wagt sie den Schritt in die Selbstständigkeit. Sie legt sich ein eigenes Verkaufsmobil zu, schließt einen Deal mit dem Großbäcker Kowalski (Max Hopp) ab und fährt fortan auf eigenes finanzielles Risiko dessen Backwaren aufs Land. Dort kennt sie sich aus – und fürchtet auch den Konkurrenzkampf mit ihrer Nachfolgerin in Zollerichs Diensten nicht.

Tina wird mobil: Die Selbstständigkeit über Nacht

Ein wenig schnell geht das alles schon: Wer sich schon einmal mit dem Thema Existenzgründung beschäftigt hat, der weiß, dass dieser Schritt wohl durchdacht sein will und nicht von heute auf morgen in die Tat umzusetzen ist. Um authentisches Illustrieren dieser Hürden geht es den Filmemachern aber auch weniger, denn Tinas pragmatisches Motto lautet: Man kann alles schaffen, was man will, und wenn man scheitert, hat man es eben nicht genug gewollt. Trotz dieser kitschigen Maxime ist "Tina mobil" aber kein seichtes oder gar naives Format: So oberflächlich der Blick aufs Handwerk und die Betriebsgründung bleibt, so authentisch skizziert wird der Alltag einer typischen solo-selbstständigen Einzelkämpferin. Als Tina etwa den Führerschein verliert oder ein längerer Aufenthalt im Krankenhaus ansteht, kommt das für ihr Business fast einem Todesurteil gleich.  

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    Szene aus ARD-Serie Tina mobil.
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    Praktischer Vor-Ort-Service: Für immobile Stammkunden wie den kauzigen Herrn Rakow (Axel Werner) ist Tinas Bäckermobil unersetzlich.
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    Bäckereifachverkäuferin mit Leib und Seele: Tina Senftleben (Gabriela Maria Schmeide) macht hinter der Theke keiner was vor.
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    Szene aus ARD-Serie Tina mobil.
    © rbb/ARD/X Filme Creative Pool GmbH/Stefan Erhard
    Eingespieltes Erfolgstrio: Tina (Gabriela Maria Schmeide) mit Tochter Caro (Runa Greiner) und Großbäcker Kowalski (Max Hoppe).
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    Szene aus ARD-Serie Tina mobil.
    © rbb/ARD/X Filme Creative Pool GmbH/Stefan Erhard
    Ebenfalls erfolgreicher Handwerker: Tinas Ex-Mann Harry (Alexander Hörbe) hat sich als Gebäudereiniger selbstständig gemacht.
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    Szene aus der ARD-Serie Tina mobil.
    © rbb/ARD/X Filme Creative Pool GmbH/Stefan Erhard
    Feierabend: Tina (Gabriela Maria Schmeide) wohnt neben einem Nagelstudio, in dem zwei Plakate der Handwerkskammer Berlin hängen.

Ihre stärksten Momente hat die Serie nach dem Drehbuch von Laila Stieler aber nach Feierabend: Während Tinas Verkaufsfahrten in die Provinz für heitere Zwischentöne, kauzige Nebenfiguren und den erzählerischen Rahmen sorgen, reiht sich in ihrem von finanziellen Problemen und innerfamiliären Konflikten geprägten Privatleben ein Drama ans nächste. Verheimlichte Schwangerschaften, ein um Versöhnung bemühter "Ex" und ein Sohn, der auf die schiefe Bahn gerät: Um drei Doppelfolgen in Spielfilmlänge mit Leben zu füllen, braucht es eben genau das: echtes Leben. Und davon liefert die Serie reichlich. Allein das schwierige Verhältnis der sorgenvollen Mutter zur schwangeren Tochter birgt Stoff für einen ganzen Film und wird von der facettenreichen Hauptdarstellerin fast im Alleingang getragen: Was Gabriela Maria Schmeide in "Tina mobil" abliefert, ist schlichtweg überragend.

Viel Handwerk auch auf den zweiten Blick

Bei genauerer Betrachtung rücken zur besten Sendezeit aber nicht nur das Bäckerhandwerk, sondern noch weitere Handwerksberufe in den Blickpunkt, was angesichts der unzähligen Krimis, Gameshows und Arztserien im öffentlich-rechtlichen Fernsehen nicht selbstverständlich ist: Tinas Ex-Mann Harry (Alexander Hörbe) startet als Gebäudereiniger durch, während sich die gelernte Kosmetikerin Caro als Influencerin mit Beauty-Tutorials versucht. Und wer genau hinsieht, entdeckt an den Fensterscheiben eines Nagelstudios neben Tinas Wohnung zwei Plakate der Handwerkskammer Berlin, die in den Farben der Imagekampagne auf die aktuellen Hygieneregeln hinweisen. Dass die Serie mitten in der Corona-Pandemie gedreht wurde, ist ihr ansonsten nie anzumerken.

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