Bundesregierung plant neue Pflichten Tierhaltungskennzeichnung könnte regionale Strukturen gefährden

Das Tierwohllabel ist erst einmal vom Tisch. Das Bundeslandwirtschaftsministerium plant stattdessen nun eine neue Tierhaltungskennzeichnung. Im Fleischerhandwerk ist man skeptisch. Ein neues verpflichtendes Siegel könnte dazu führen, dass Kleinbauern aufgeben und regionale Fleischprodukte seltener werden.

Neue Tierhaltungskennzeichnung geplant - Schwein im Stall
Noch in diesem Jahr möchte das Bundeslandwirtschaftsministerium eine neue verbindliche Tierhaltungskennzeichnung auf den Weg bringen. - © Надежда Сироткина - stock.adobe.com

Verbraucher wollen Transparenz. Sie wollen wissen, wo das Fleisch und die Wurst herkommen, die sie essen und ob es den Tieren vor der Schlachtung gut ging. Zumindest zeigen Umfragen immer wieder, dass regionale Lebensmittel an Bedeutung gewinnen. Ähnlich ist es bei Fleischwaren, die ein Tierwohl-Versprechen vorweisen können. Auch der aktuelle Ernährungsbericht belegt, dass die Befragten mit 86 Prozent großen Wert auf Angaben zum Tierwohl legen. Die Regionalität der Produkte bei der Auswahl der Lebensmittel ist 82 Prozent der Deutschen demnach wichtig.

Das Bundeslandwirtschaftsministerium plant allerdings anders. Ein Tierwohlkennzeichen wie es die Vorgängerregierung wollte, ist im Koalitionsvertrag nicht enthalten. Auch keine eindeutige Tierwohlabgabe, die es vor allem Schweinehaltern finanziell leichter machen sollte, die Ställe tiergerechter umzubauen. Stattdessen geht es nun wieder um eine verbindliche Tierhaltungskennzeichnung. Diese soll anders als die, die es bereits seit Jahren vom Lebensmittelhandel selbst gibt, noch in diesem Jahr verpflichtend werden. Sie soll den gesamten Weg von der Haltung bis zum Transport und der Schlachtung umfassen – inklusive Angaben zur genauen Herkunft der Tiere.

Neue Tierhaltungskennzeichnung statt Tierwohllabel

Im Koalitionsvertrag heißt es dazu: "Wir wollen die Landwirte dabei unterstützen, die Nutztierhaltung in Deutschland artgerecht umzubauen. Dafür streben wir an, ein durch Marktteilnehmer getragenes finanzielles System zu entwickeln, mit dessen Einnahmen zweckgebunden die laufenden Kosten landwirtschaftlicher Betriebe ausgeglichen und Investitionen gefördert werden ohne den Handel bürokratisch zu belasten." Die Investitionsförderung wird künftig auf gute Haltungsbedingungen ausgerichtet. Mehr als diese Angaben dazu sind von den Plänen allerdings noch nicht bekannt.

Auf Anfrage teilt das Bundeslandwirtschaftsministerium (BMEL) der Deutschen Handwerks Zeitung lediglich mit: "Wir arbeiten derzeit an einer verbindlichen Tierhaltungskennzeichnung, die noch dieses Jahr auf den Weg gebracht werden soll. Zu den Einzelheiten können wir zum jetzigen Zeitpunkt noch keine Aussagen treffen." Weiter teilt das Ministerium mit: Der Umbau der Nutztierhaltung sei eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die viele Partner braucht: in der Politik, im Stall, im Handel und an der Ladentheke. 

Aufgabe Umbau der Nutztierhaltung: Entscheidung an der Ladentheke

Beim Fleischeinkauf entscheiden sich aber immer noch zu wenige für Produkte, deren Herkunft erkennbar und bei denen klar ist, wie es den Tieren vor der Schlachtung ging. Meist bestimmt der Preis. Umfragen zeigen Konrad Ammon zufolge meist ein verzerrtes Bild – Aussagen, die nicht das Handeln der Menschen wiedergeben. "Der Verbraucher spricht mit gespaltener Zunge. Wäre es anders, bräuchten wir nicht über mehr Tierwohl oder neue Kennzeichnungen diskutieren", sagt der Fleischermeister und Betreiber des Metzgerschlachthofs in Fürth.

Ammon erlebt zwar, dass das Interesse an regionalen Fleisch- und Wurstwaren aus artgerechter Tierhaltung vorhanden ist. Aber wenn der Preis ständig steigen muss, habe die Bereitschaft Grenzen. Steigerungen seien die Folge, wenn immer mehr gesetzliche Auflagen für die Tierhaltung, für Transport und Schlachtung vor allem den bürokratischen Aufwand für die Tierhalter erhöhen. "Immer mehr kleine Betriebe geben auf, vor allem bei den Schweinehaltern. Sie können den Aufwand nicht mehr stemmen", sagt der Schlachthof-Betreiber. Er erwähnt sogleich, dass dies nichts damit zu tun hätte, dass das Tierwohl auf der Strecke bleibt.

Die Betriebe, mit denen Ammon im Schlachthof Fürth und in seiner eigenen Fleischerei zusammenarbeitet, würden großen Wert auf eine artgerechte Haltung legen. Erst kürzlich hat sich auch der bayerische Bund Naturschutz medienwirksam für den regional arbeitenden Schlachthof eingesetzt und für den Erhalt derartiger Strukturen eingesetzt. "Es sind kleine Betriebe hier aus der Gegend, die sich ganz erheblich von der Massentierhaltung in engen Ställen unterscheiden. Zum Schlachthof haben sie außerdem kurze Wege", berichtet der Schlachthofchef.

Bessere regionale Netzwerke statt neue Tierhaltungskennzeichnung?

Genau solche Betriebe brauchen laut Ammon weder neue gesetzliche Auflagen – im Gegenteil zur Fleischindustrie – noch neue Pflichten durch neue Kennzeichnungen. Auch gegen eine Erhöhung der Mehrwertsteuer auf Fleisch wie sie diskutiert, wehrt sich der Fleischermeister. Er verweist auf ein Argumentationspapier des Landesinnungsverbands für das bayerische Fleischerhandwerk zu diesem Thema. Darin heißt es unter anderem, dass durch eine Steuererhöhung auf tierische Produkte die Preisschere zwischen Qualitäts- und Billigprodukten weiter auseinander geht. Der Konsument werde zum Kauf von Produkten aus Massentierhaltung verleitet.

Helfen könne den kleinen Tierhaltungsbetrieben dagegen vor allem, wenn die regionalen Strukturen, die gute Zusammenarbeit in kleinen Netzwerken von Landwirten, Direktvermarktern und Handwerksfleischer ohne bürokratischen Druck, ohne Kostendruck durch Konkurrenz der Fleischimporte und mit mehr Akzeptanz der Verbraucher anwachsen. Das zu fördern sei Aufgabe der Politik.

Fleischer-Verband fordert Diskussion über gesetzliche Standards auf europäischer Ebene

Ähnlich argumentiert auch der Deutsche Fleischer-Verband (DFV). Thomas Trettwer, Justiziar beim DFV, zweifelt an einer Notwendigkeit einer weiteren Tierhaltungskennzeichnung. "Nicht umsonst wird allgemein von einer Siegelflut gesprochen", sagt er. Das bedeute selbstverständlich nicht, dass dem Fleischerhandwerk nicht am Wohl der Tiere gelegen ist. Es falle seit jeher in den Kernbereich der fleischerhandwerklichen Tätigkeit. Dennoch stellt er in Frage, ob angesichts der Kritik an geltenden Tierschutzstandards nicht eher hier ein Ansatzpunkt wäre. "Wenn man zu dem Ergebnis kommt, dass die gesetzlichen Vorgaben nicht den Anforderungen des Tierwohls genügen, wäre anstelle der Haltungskennzeichnung eher über eine Anpassung der gesetzlichen Standards auf europäischer Ebene nachzudenken."

Seiner Meinung nach dürfte eine rein nationale Kennzeichnungsvorgabe außerdem dazu führen, dass eine weitere Abwanderung der Tierhaltung ins europäische Ausland stattfindet. Das helfe den Tieren sicher nicht. Der DFV sieht hinsichtlich der Pläne des BMEL noch viele offene Fragen. Das betreffe insbesondere die Finanzierung und die Einordnung regionaler und individueller Maßnahmen in das System der Haltungsstufen. Insofern ist laut Trettwer auch noch nicht abzusehen, welche Produkte in die Kennzeichnung schließlich einbezogen werden.

Neue Tierhaltungskennzeichnung: "Tierhalter brauchen eine Perspektive"

Eine Betroffenheit des Fleischerhandwerks vermutet der DFV aber auf jeden Fall. Und so appelliert der Rechtsexperte an die Politik, bei verarbeitetem Fleisch und loser Ware im Hinblick auf den zu erwartenden bürokratischen Mehraufwand Ausnahmen oder zumindest Erleichterungen für das Handwerk einzuplanen.

Auch Konrad Ammon richtet einen Wunsch an die Regierung: "Die Tierhalter brauchen eine Perspektive, denn ständig ändern sich die Vorzeichen. Wenn nicht bald Klarheit geschaffen wird, geben noch mehr Kleinbauern auf. Und wir verlieren als Fleischer Möglichkeiten die regionalen Produkte anzubieten aus artgerechter Haltung, die angeblich jeder möchte", sagt der Fleischermeister. Er ärgert sich darüber, was sich im Handel derzeit tut. So hat ein großer Discounter gerade angekündigt hat, künftig nur noch Fleisch aus Offenställen und mit Bio-Label verkaufen zu wollen. "Das Fleisch hat zwar ein Siegel, aber es kommt unter anderem viele tausend Kilometer weit aus dem Ausland. Welche Tierwohl-Vorgaben dort gelten, kann hier keiner kontrollieren."

Weniger Fleisch aus deutschen Schlachtbetrieben

Die Fleischproduktion in Schlachtbetrieben in Deutschland ist weiter rückläufig. Im vergangenen Jahr warfen die gewerblichen Schlachtunternehmen hierzulande nach Angaben des Statistischen Bundesamts gut 7,6 Millionen Tonnen Fleisch auf den Markt. Das waren 2,4 Prozent weniger als ein Jahr zuvor. Damit war die Fleischproduktion in Deutschland im Vorjahresvergleich seit 2017 rückläufig. Geschlachtet wurden in den Betrieben im vergangenen Jahr den Angaben nach insgesamt 56,2 Millionen Schweine, Rinder, Schafe, Ziegen und Pferde sowie 668,7 Millionen Hühner, Puten und Enten.

Bei Schweinefleisch, das mit etwa zwei Dritteln den größten Anteil an der gewerblichen Fleischproduktion in Deutschland ausmacht, sank die Menge zum Vorjahr um 2,9 Prozent auf knapp unter fünf Millionen Tonnen. Dafür starben fast 51,8 Millionen Schweine. Auch bei Rindfleisch sank die Menge um 1,8 Prozent auf knapp 1,1 Millionen Tonnen, wofür mehr als 3,2 Millionen Rinder ihr Leben lassen mussten. Nach einem jahrelangen Aufwärtstrend sank auch die Menge des gewerblich erzeugten Geflügelfleisches binnen Jahresfrist wieder: um 1,6 Prozent auf knapp unter 1,6 Millionen Tonnen. dpa