Thermogramme zeigen, wo an Gebäuden Energie verloren geht. Sie bieten gute Grundlagen für anschließende Sanierungen. Die Thermografie wird immer mehr und in immer mehr Bereichen eingesetzt. Wie das dem Handwerk nützt und wo es derzeit Probleme gibt.
Jana Tashina Wörrle

Abhängig von der Farbeinstelung bedeutet rot warm, blau kalt und die Farbnuancen dazwischen beschreiben die Übergänge. Ein Thermogramm lässt sich grob mit einem Röntgenbild vergleichen – statt dem Körper wird dabei in der Regel ein Gebäude oder ein Teil davon erfasst und lässt es erscheint, als würde es durchleuchtet. Sowohl auf Baustellen als auch an Bestandsgebäuden wird Thermografie immer häufiger eingesetzt. Die Einsatzgebiete sind vielfältig, der Nutzen für Handwerksarbeiten auch. Dennoch gibt es Probleme, denn wenn Handwerker als Thermografen auftreten, um danach anfallende Arbeiten zu generieren, wird ihnen nicht selten mangelnde Neutralität unterstellt.
Mangelhafte Leistung: Aufnahmen nur von außen
Matthias Horn kennt die Vorwürfe. Er ist Bausachverständiger, zertifizierter Thermograf und auch Vorstandsmitglied im VATH, dem Bundesverband für Angewandte Thermografie. Er arbeitet gleichermaßen mit Handwerkern unterschiedlichster Gewerke, Fachplanern und Bauherrn Hand in Hand und weiß, dass sich unter den Anbietern von Thermografie auch ein paar schwarze Schafe tummeln. Diese würden sich durch die Thermografie ein zusätzliches Geschäft versprechen, so dass sie keine neutrale Leistung liefern eher durch eine mangelhafte Dienstleistung glänzen.

Er sieht die unseriösen Anbieter weniger auf Seiten des Handwerks als eher bei Bausparkassen und Energieversorgern. "Man kann die Darstellung der Aufnahmen von Wärmebildkameras so manipulieren, dass ein Gebäude sehr gute Werte suggeriert, obwohl es schlecht ist. Das machen Energieversorger gerne und verhindern so, dass ein Hausbesitzer etwas gegen einen hohen Energieverbrauch unternimmt. Oder man macht genau das Gegenteil und drängt Leute dazu, eine Baumaßnahme zu planen und dafür noch extra einen Bausparvertrag abzuschließen", sagt Horn.
Zum Vorwurf der fehlenden Neutralität ergänzt er, dass man die vermeintlich günstigen Angebote dahingehend in Frage stellen solle, dass seriöse Dienstleister einen bestimmten Preis aufgrund der guten Kameratechnik, der Ausbildung und Zertifizierung, sowie der auch zeitaufwendigen Untersuchung und Berichterstellung verlangen müssen. "Die Thermografieaktionen haben oftmals einen Marketinganlass, welcher im Folgegeschäft des Anbieters mit ‚verrechnet‘ wird."
Was ist Thermografie?
Als Thermografie wird die berührungslose bildgebende Infrarot (IR)- Temperaturmessmethode von Gebäuden und anderen Objekten bezeichnet. Sie beruht darauf, dass jede Oberfläche eine elektromagnetische Wärmestrahlung abgibt, die sich mit speziellen IR-Kameras messen lässt. Zeigt ein Objekt an Stellen, die aus dem gleichen Material bestehen, unterschiedliche Werte an, deutet das auf Schwachstellen, sich anbahnende Fehlerstellen oder gar bereits vorhandene Schäden hin. Aber auch an Übergängen zwischen unterschiedlichen Materialien – etwa an Gebäuden am Übergang von einer Wand zum Dach – lassen sich Schwachstellen aufspüren.
In einer Infrarotkamera wird die von einem Sensor aufgenommene Wärmestrahlung in ein Wärmebild (das sogenannte Thermogramm) umgewandelt und auf einem Speichermedium abgelegt. Das Thermogramm gibt die Temperaturverteilung an der untersuchten Objektoberfläche wieder. Dies geschieht anhand eines Farbverlaufs: Rot bedeutet, dass viel Wärmeenergie abgegeben wird; umso weiter sich die Farbe in Richtung eines Blau ändert, umso weniger Wärmeenergie wird abgegeben bzw. bei einem Gebäude geht weniger Wärme verloren, das Haus ist gut gedämmt.
Unseriöse Anbieter erkannt man aber nicht nur daran, welche Auftraggeber sie haben. Ein wichtiges Kriterium ist auch das Vorgehen bei der Thermografie. " Gebäude müssen grundsätzlich von innen und außen aufgenommen werden" , sagt Patrick Höhn, Technologieberater bei der Handwerkskammer für Ostthüringen. Thermogramme, die nur von außen aufgenommen sind, seien witterungsabhängig und dienen als Orientierung. Detailaufnahmen werden innenseitig aufgenommen.
"Aufnahmen von innen sind aber viel aufwendiger und das möchten sich manche Anbieter sparen“, sagt Höhn. Er arbeitet im Umweltzentrum des Handwerks Thüringen (UZH) und weist darauf hin, dass g rundsätzlich jeder die Dienstleistung Thermografie anbieten kann. EIne gute Ausbildung ist dennoch wichtig, doch die Weiterbildungen unterscheiden sich stark, zahlreiche Anbieter gibt es in diesem Bereich. Darunter sind auch Weiterbildungseinrichtungen die eine Ausbildung mit Zertifikat anbieten und die mehr Qualität verspricht.
Der VATH gibt auf seiner Internetseite Hinweise zur Qualität der einzelnen anerkannten Ausbildungssysteme. Des Weiteren findet man hier für die Bereiche Bau, Elektro und Industrie anerkannte Regelwerke, welche die Anforderungen an das Messpersonal, die Zertifizierungen, die Messbedingungen und die Kameratechnik definieren. "Diese Regelwerke dienen immer mehr den Gerichten, Auftraggebern und Dienstleistern als Anhalt und wurden auch bereits von anderen europäischen Verbänden übernommen und teilweise übersetzt", sagt Horn.
Fehlerbilder verstehen und interpretieren können
Auch die Kosten sind ein Anhaltspunkt, denn es gibt Anbieter, die damit werben schon für einen Preis von 60 oder 70 Euro Thermografie-Aufnahmen zu machen – allerdings nur von den vier Gebäudeseiten von außen und es sei fraglich, ob dann eine fachgerechte Interpretation der Aufnahmen stattfinden kann. "Die verschiedenen Fehlerbilder muss man verstehen und einschätzen können", sagt Höhn und das erfordere eine ausgiebige Schulung und viel Übung. Seriöse und gut ausgebildete Anbieter verlangen im Schnitt 400 bis 600 Euro für die thermografische Auswertung eines Einfamiliengebäudes; größere Gebäude kosten entsprechend mehr. Dazu gehören Bilder von innen und außen.
Nicht nur im klassischen Fall – wenn Gebäudebesitzer wissen wollen, an welchen Stellen am Haus womöglich Wärme verloren geht – wird heutzutage Thermografie eingesetzt. Die Einsatzbereiche sind vielfältig und sie bieten viele Möglichkeiten für Handwerker, die Dienstleistung mit ins eigene Portfolio aufzunehmen. Doch wo liegen sie genau und was braucht man dafür?
In welchen Bereichen wird die Thermographie angewendet wird?
Grundsätzlich geht es bei der energetischen Untersuchung darum Wärmeverluste bei Alt- und Neubauten aufzudecken. Bei Altbauten geht die Thermografie meist einer geplanten Sanierung voraus. Bei Neubauten findet sie auch vor der Bauabnahme statt, um Baumängel zu finden. Matthias Horn sieht in der Thermografie vor allem eine Chance einer Qualitätssicherung. "Man kann eigentlich in jeder Bauphase ein Thermogramm erstellen und so sofort sehen, wenn unregelmäßig und nicht fachgerecht gearbeitet wird", sagt der Sachverständige und weist als Beispiel auf Fenster hin, bei denen man erkennen könne, ob zwischen Laibung und Wand genügend Dämmung angebracht ist, bevor die Wand verputzt wird. Genauso könne man, bevor ein Durchbruch an einer Wand gemacht wird, anhand eines Thermogramms schauen, wo genau Balken oder Leitungen verlaufen und so verhindern, dass an der falschen Stelle angebohrt oder durchtrennt wird.
Obwohl es sich bei den Baumaßnahmen nicht immer um spezielle Arbeiten handeln muss, die eine erhöhte Energieeffizienz zum Ziel haben, steht meist im Vordergrund, dass Wärmeverluste gefunden und beseitigt werden sollen. Eine umfassende Thermografie hat deshalb meist auch immer ein ganzes Gebäude im Blick und nicht nur einen kleinen Teil. "In vielen Fällen tragen verschiedene Mängel zu einem hohen Wärmeverlust bei und dann muss man erkennen können, welche Baumaßnahmen den meisten Nutzen bringen", erklärt Horn, warum man ein geschultes Auge braucht, um die Thermogramme fachgerecht auszuwerten .
Seiner Erfahrung nach taugen die Bilder einer Wärmebildkamera und deren Auswertung heute auch einigen Bauherrn als Nachweis dafür, dass ein Gebäude einen hohen Energieeffizienzstandard hat – quasi als Erweiterung zum Energieausweis. Vermieter oder Verkäufer von Immobilien könnten so für ihr Gebäude werben. In unserer heutigen schnelllebigen Zeit würde aber auch der ein oder andere private Bauherr für den Fall eines Verkaufs des selbst gebauten Hauses auf einen zusätzlichen Qualitätsnachweis setzen.
Neben dem Bauwesen wird die Thermografie aber auch dafür eingesetzt elektrische Anlagen, Industrieanlagen und andere technische Bauten zu überprüfen und zu schauen, ob diese gleichmäßige Spannungen halten oder ob irgendwo etwas "heißläuft". Hier sind auch Brandschutz und Brandverhütung und mögliche Maschinenausfälle ausschlaggebende Gründe für eine regelmäßige Untersuchung.
Relativ neu ist den Aussagen von Patrick Höhn dagegen die PV-Thermografie, also das Prüfen von Solarmodulen anhand von Thermogrammen. "Verschiedene Fehlerbilder zeigen Defekte in den Modulen. Man sieht beispielsweise, ob einzelne Zellen wärmer sind als andere", erklärt der Technologieberater.
Mit welchen Arbeiten welcher Gewerke lässt sie sich gut vereinbaren?
Die meisten Thermografie-Anbieter aus dem Handwerk sind Patrick Höhn zugleich ausgebildete Energieberater. Vielen von ihnen kommen ursprünglich aus dem Fensterbau, aus Dachdeckereien, Zimmereien, aus dem SHK-Handwerk, dem Maurerhandwerk oder dem Trockenbau.
Was braucht man, um als Handwerker Thermographie anzubieten?
Verbindlich vorgeschrieben sind für die Thermografie keine Weiterbildung und kein Zertifikat – empfehlenswert ist dies jedoch trotzdem. Doch es gibt bei den Weiterbildungen große Unterschiede. "Es gibt Grundlagenkurse, die zwei bis drei Tage dauern und vor allem die Basics der Strahlungslehre erklären, den Aufbau der Kamera und die Auswertung der Bilder zum Thema haben", erklärt Höhn. Zusätzlich werde in der Praxis geübt, wie man die Thermografie-Bilder erstellt. Weitaus ergiebiger seien jedoch Kurse, die rund eine Woche dauern und am Ende ein anerkanntes Zertifikat versprechen.
Wer eine Ausbildung als zertifizierter Thermograf absolviert, geht damit meist auch die Verpflichtung zu einer regelmäßigen Auffrischung der Kenntnisse durch weitere Fortbildungen ein. So ist meist eine Rezertifizierung nach fünf Jahren vorgesehen. Doch dann kann man auch mit dem Titel werben.
Welche Ausrüstung braucht man, wenn man Thermografie anbieten möchte?
Höhn rät neben der Thermografie-Kamera zu einer ganz normalen Kamera, da diese wesentlich bessere Bilder erstellt als interne Kameras aktueller Thermografiekameras. So kann man dokumentieren, wie das Haus vom baulichen Zustand ohne die roten, gelben und grünen Farbflächen aussieht. Gleichzeitig dienen solche Aufnahmen als Gedankenstütze für das, was man vor Ort gesehen hat. "Dafür kann es ebenso hilfreich sein, ein Audio-Aufnahmegerät dabei zu haben, auf das man aufspricht, was man sieht", sagt der Technologieberater. Zusätzlich werden die Temperatur und die Luftfeuchtigkeit mit entsprechenden Geräten gemessen, da diese beiden Parameter Einfluss auf das Messergebnis haben bzw. dieses dann entsprechend ausgewertet werden muss. Ob noch weitere Messgeräte nötig sind, hängt direkt von der Messaufgabe ab.
Grundsätzlich weitet sich der Einsatzbereich im Handwerk aus. Aus Sicht von Matthias Horn vor allem deshalb, weil die Wärmebildkameras immer günstiger werden und sich mittlerweile viele Betriebe befleißigt sehen, sich eine Kamera anzuschaffen. "Jedoch fehlt vielen hier die Sinnhaftigkeit einer ausreichenden Schulung, wenn diese teurer als die Kameras sind", kritisiert das Verbandsmitglied des VATH. Günstige Kamerasysteme seien auch nicht für alle Messaufgaben geeignet, warnt er.
Thermografie in der Praxis
Thermografie: Wann kommt sie zum Einsatz?
- Präventionsdiagnostik: Wo saniere ich sinnvoll? Welche Fehlerquellen kann ich ausschließen durch Aufbau- und Materialanalysen (Sind vermauerte Fenster und Türen, Kabel und Rohrleitungen im Weg?, etc.)?
- Qualitätssicherung während der Bauphase: Ist alles richtig gedämmt (z.B. im Dachanschluss, an den Fenstern an Bauteilübergängen bevor verputzt und mit Platten verkleidet wird)?
- Qualitätssicherung nach Abschluss der Bauphase: Ist alles ordentlich ausgeführt (als Qualitätsnachweis für spätere Kontrollanalysen)?
- Qualitätsnachweis: Ich habe als Handwerker gut gearbeitet, in meinem Arbeitszeitraum war es noch in Ordnung: 100 Prozent Leistungsanspruch bei Rechnungsstellung bezüglich eventueller Mängelunterstellungen.
Thermografie: Was kann ich alles sehen?
- vermauerte Fenster und Türen
- unterschiedliche Bauphasen anhand unterschiedlicher Materialqualitäten und Beschaffenheiten
- Rohrleitungen
- Stromleitungen
- Zugluftfahnen an Fenstern und Türen und beim Luftdichtheitstest.
- Wasserschäden oder Bauteildurchfeuchtungen
- Unterkonstruktionen bei Trockenbau (Klebepunkte von Ansatzbinder, Schrauben auf Ständerprofilen, Stoßfugen, etc.) , abgehangenen Decken und Fehlböden, Betonbauteilfugen, etc.
- überlastete Stromleitungen
- Heizungsleitungen im Fußboden
Quelle: Mattias Horn
