TV-Kritik: ARD - "hart aber fair" Talk mit Seltenheitswert: Ein Tischlermeister im Rampenlicht

So nah am Handwerk war eine Talkshow selten. Bei "hart aber fair" talkte Frank Plasberg zum Thema Fachkräftemangel – nicht nur, aber doch auch sehr intensiv aus Sicht des Handwerks. Mit dabei: ein Journalist, der sich in der Branche auskennt, und ein Tischlermeister mit TV-Erfahrung, der den Herausforderungen des Arbeitsmarktes mit modernen Methoden entgegentritt. 

Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD), Simon Meinberg, Chef einer Berliner Tischlerei, und WDR-Verbraucherjournalist Dieter Könnes bei "hart aber fair". (von links nach rechts) - © Screenshot / hart aber fair / ARD Mediathek

"Frauen stehen auf Tischler." Hart aber fair war am Montagabend gerade mal ein paar Minuten gelaufen, da versuchte Moderator Frank Plasberg mit diesem lockeren Statement die Unterschiede in verschiedenen Gewerken beim Thema Fachkräftemangel herauszustellen. Gemeint war nämlich, dass Tischler oder Schreiner im Rennen um den Nachwuchs angesichts der gesellschaftlichen Attraktivität der Arbeit noch immer bessere Karten hätten als etwa Installateure. "Die suchen händeringend nach Leuten", sagte Plasberg.

Da passte es nur allzu gut, dass auf dem Panel ein junger, eloquenter und auch noch gut aussehender Tischlermeister saß. Simon Meinberg, Chef einer Berliner Tischlerei mit etwa 100 Mitarbeiterin war zum Thema "Die neue Arbeiter-Losigkeit: Warum gehen Deutschland die Fachkräfte aus?" geladen, und zwar als derjenige Gast, der Erfahrungen aus der Praxis einbringen und erklären sollte, wie man junge Menschen heutzutage für das Handwerk begeistert.

Vorab: das gelang ihm gut. Meinberg ist viel in den sozialen Medien aktiv und zuletzt auch auf RTL ihm Rahmen einer Dokusoap zu sehen. Der Mann weiß also, wie man vor einer Kamera agiert und kam entsprechend sympathisch rüber.

Handwerker sind seltene Talkshow-Gäste 

Es kommt leider nicht so häufig vor, dass waschechte Handwerker in einer der großen deutschen Talkshows sitzen. Wenn überhaupt, dann war und ist das bei "hart aber fair" der Fall. Eine Metzgermeisterin saß schon auf dem Panel, eine Friseurin – und jetzt eben erfreulicherweise Meinberg. Neben ihm diskutierten Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD), Janine Wissler (Linke), WDR-Verbraucherjournalist Dieter Könnes und Ex-FDP-Wirtschaftsminister Rainer Brüderle, heute Chef des bpa-Arbeitgeberverbands, der private Pflegeunternehmen vertritt.

Werden sonst Themen von Mittelstand und Handwerk in vielen Sendungen eher gestreift, so ging es bei "hart aber fair" direkt in die Vollen. Handwerkermangel, Akademisierung, die Arbeits-Mentalität des Nachwuchses, ordentliche Bezahlung, hochtrabende Pläne bei der Energiewende ohne entsprechende Fachkräfte – es war ein wahrer Rundumschlag durch viele der wichtigsten Branchenthemen, der in den großen Talkshows seinesgleichen suchte und den Plasberg ein wenig atemlos, aber doch recht souverän moderierte.

Nachwuchssuche dort, wo die Menschen unterwegs sind 

So machte Meinberg deutlich, dass es zwar sehr schwer sei, Fachkräfte gerade in seinem Gewerk zu finden - "diese Menschen laufen nicht frei auf dem Arbeitsmarkt herum, sie sind gebunden" - aber er betonte eben auch immer wieder, dass gerade die jungen Menschen auch dort abgeholt werden müssen, wo sie eben unterwegs sind. Damit meinte er eben gerade nicht, wie es einmal zur Sprache kam, Schilder an Werkstatt- oder Geschäftstüren mit dem Satz "wir suchen dich", sondern vielmehr auch die sozialen Medien wie Instagram oder Youtube. Dort gibt es professionell gestaltete Videos von Meinberg, auf denen er im Stile eines Gründers - vor zwei Jahren begann er mit zwei Mitarbeitern, wie er sagte - seine Geschichte erzählt und gerade junge Leute auch als Arbeitgeber anspricht. 130 Bewerbungen auf einen Ausbildungsplatz in Meinbergs Betrieb allein im vergangenen Jahr sprechen für sich.

Die Angst, auch mal schmutzig zu werden 

Und er wollte auch nicht so recht in den Chor der Kritiker einstimmen, als es um die Arbeitsmoral der nachfolgenden Generation ging. Ein Malermeister sagte in einem Einspieler, 2020 hätten zwei Azubis nach einem halben Jahr die Ausbildung abgebrochen, weil ihnen die Arbeit zu anstrengend gewesen sei. "Viele haben Angst vor dem Handwerk, weil man hier auch mal schmutzig werden kann."

Während Journalist Könnes sekundierte, der Malermeister spreche "allen" aus der Seele und von davon berichtete, dass Azubis mit dem Argument abgebrochen hätten, sie hätten nicht gewusst, dass sie wirklich jeden Tag um sechs Uhr aufstehen müssten, blieb Meinberg zurückhaltender. Er suche eben auch junge Leute auf Instagram, eben dort, wo die Leute auch sind. Und auch Brüderle mahnte, es gebe schon auch eine Bringschuld, die Möglichkeiten des Handwerks an die Schüler heranzutragen. Der Einwurf von Linken-Politikerin Janine Wissler, viele junge Menschen würden nach einem Ausbildungsplatz suchen und keinen bekommen, wischte indes Plasberg recht brüsk vom Tisch mit der klaren Ansage: "Wer einen sucht, der bekommt auch einen."

Akademisierung als großes Problem 

Die Frage, die sich vielmehr stellte, war, inwiefern der Fachkräftemangel auch durch eine überbordende Akademisierung zusätzlich verschärft wird. Kurz: Jeder will studieren, aber keiner mehr im Handwerk arbeiten. Es habe in den vergangenen Jahren eine "schräge Debatte" gegeben, gab Arbeitsminister Heil zu, in der es vor allem geheißen habe, es brauche auf dem Arbeitsmarkt vor allem Akademiker.

Mit Meinberg saß indes das lebende Beispiel direkt neben ihm, dass Akademisierung an sich überhaupt kein Wert ist. Er ging nach der zehnten Klasse vom Gymnasium ab, machte kein Abitur, sondern lernte seinen Beruf. Nicht alle in seinem Umfeld fanden das gut. Zuvor hatte er im Sommer immer wieder in einer Schreinerei in Spanien gearbeitet und dort Gefallen an dem Beruf gefunden. Dann machte er schnell seinen Meister, fing mit zwei Mitarbeitern an und ist heute Chef eines Unternehmens mit etwa 100 Mitarbeitern.

Brüderle, immer für einen Spruch gut, quittierte diesen Lebenslauf nur trocken mit der Aussage: "Es herrschte lange die Illusion, ein Studium bringt ein hohes Einkommen. Gerade die Geisteswissenschaften sind sehr begehrt, aber das bringt uns dann keine Produktentwicklung." Im Klartext: Vom Reden ist noch kein Haus gebaut, keine Heizung repariert, kein Möbel hergestellt worden. Gerade angesichts der riesigen Herausforderungen, die im Rahmen der Energiewende und der Minimierung der Abhängigkeit von russischem Gas auf die Branche zukommen - Stichwörter: Wärmepumpe, Photovoltaik - war sich die Runde einig, dass Handlungsbedarf besteht.

Pflege, Anwerbung von Fachkräften aus dem Ausland – es ist kompliziert 

Aus Handwerkssicht schade, aber verständlich, dass der zweite Teil der Sendung sich dann um den Pflegebereich drehte. Hier gerieten Brüderle und Wissler kurzzeitig aneinander, als es um Tarifverträge in der Branche und deren Geltung für alle Pflegeheime ab September ging. Könnes räumte das Thema ein wenig ab, als er feststellte, dass es bei der Pflege weniger um das Geld als vielmehr um die Arbeitsbedingungen gehe.

Auch die Anwerbung von Fachkräften aus dem Ausland war noch ein Thema. Hier schilderte eine Anwältin, die Unternehmen berät, die solche Kräfte nach Deutschland holen wollen, geradezu gruselige Erfahrungen mit überforderten, komplett analog arbeitenden Ausländerbehörden - was die Stimmung im Studio, die schon angesichts der Fachkräfte-Problematik im Inland ein wenig getrübt war, nicht besser machte.

Beim Thema Bürokratie sagte auch Tischler Meinberg, es sei noch Luft nach oben, es gebe aber inzwischen auch gute Fördermittel vom Staat – und fasste sich auch wieder an die eigene Nase: "Wir müssen das Handwerk wieder attraktiver machen, auch im sozialen Umfeld der Menschen. Man muss sich stolz fühlen, Handwerker zu sein."

Ein wichtiges Thema für die Zuschauer 

Die Zuschauer, deren Zuschriften während der Sendung bei Plasberg traditionell in Auszügen vorgestellt werden, bestätigten indes das Bild, das in der Sendung gezeichnet worden war. Ob es der evidente Handwerkermangel war, Probleme mit Azubis, die keine bezahlbare Wohnung finden oder die Tatsache, dass in den Schulen keine handwerklichen Fähigkeiten gefördert werden – es war ein bunter Strauß an Themen, der hier zur Sprache kam und zeigte, wie sehr die Themen des Handwerks auch im Leben der Menschen draußen im Land eine Rolle spielen. Die Akademisierung auf Kosten der beruflichen Bildung, sie ist ein riesiges Problem für Wirtschaft und Gesellschaft - das war nach den 75 Minuten deutlich geworden. Und gerade der Bereich Ausbildung - schulisch und beruflich - scheint zu den Themen zu gehören, die mitunter auch medial aufgrund eines Hangs zu anderen, "hippen" Themen unterbelichtet werden.

„Wir brauchen nicht nur Doktoren und Diplom-Ingenieure“

Joseph Wild, ehem. Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (1955–1972)

Umso schöner, dass Plasbergs Redaktion mit einer Perle aus dem Archiv den heimlichen Höhepunkt des Talk-Abends setzte. Auch mit Blick auf Meinberg, der sich damals gegen Widerstände in einem Umfeld für eine handwerkliche Ausbildung entschieden hatte, spielte sie augenzwinkernd ein 50 Jahre altes Statement des früheren Präsidenten des Zentralverbands des Deutschen Handwerks, des Bäckermeisters Joseph Wild ein, in dem er bayerisch-knorrig, aber dafür umso deutlicher auf den Punkt brachte, worüber die Runde zuvor diskutiert hatte. Man brauche nicht nur Doktoren und Diplom-Ingenieure in der Wirtschaft, sondern ein gut ausgebildetes "mittleres Reservoir", sagte Wild, nur um trocken festzustellen: "Man sollte doch mit dem Irrtum aufhören, dass man aus dem letzten Dorftrottel noch einen Hochschulprofessor machen kann."

>>> Link zur Sendung: "Die neue Arbeiter-Losigkeit: Warum gehen Deutschland die Fachkräfte aus?"