Vor Flutkatastrophen wird es keinen hundertprozentigen Schutz geben. Vor dieser Illusion warnen Wissenschaftler des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ). Gleichzeitig fordern sie nach Auswertung der aktuellen Flut, die Hochwasservorsorge auf vier Säulen zu stellen, um künftige Schäden zu minimieren.

Die Ökonomen, Geographen und Landschaftsplaner des UFZ fordern mehr technischen und natürlichen Hochwasserschutz, private Bauvorsorge und eine versorgungsorientierte Versicherungspflicht. Aber was bedeutet das?
Technischer Hochwasserschutz
In einer 2005 durchgeführten repräsentativen Umfrage unter Hochwasseropfern aus dem Jahr 2002 im Einzugsgebiet der Mulde gaben mehr als 60 Prozent an, dass Deiche ein Gefühl der Sicherheit vermitteln. „Dieses gestiegene Sicherheitsgefühl birgt jedoch auch Risiken. Es wird mehr gebaut als zuvor. Wenn die Mauer bricht oder überflutet wird, dann sind die Schäden anschließend umso größer“, sagt Christian Kuhlicke, der die Folgen des Mulde-Hochwassers in Eilenburg und Grimma analysiert hat. Nur auf den technischen Schutz zu setzen, sei deshalb zu wenig.
Natürlicher Hochwasserschutz
Deutschlandweit sind laut UFZ zwei Drittel der ehemaligen Überschwemmungsgebiete durch Deichbau oder andere Hochwasserschutzmaßnahmen verloren gegangen. An Rhein, Elbe, Donau und Oder sei die Situation zum Teil noch drastischer. An vielen Abschnitten würden nur noch 10 bis 20 Prozent der ehemaligen Auen als Überschwemmungsflächen zur Verfügung stehen.
Diese Auen würden aber die Wassermengen einer Flut möglichst lange in der Fläche halten und somit die Spitzen der Hochwasserwellen abfedern. Einige Zentimeter weniger könnten an vielen Stellen entscheiden, ob eine Schutzmauer und die Siedlung dahinter überflutet werden oder nicht.

Würden alle Vorhaben zum Deichrückbau realisiert, die an der Elbe im Gespräch sind, dann würden sich die Wassermassen auf über 23.000 Hektar zusätzlich verteilen können, was rund ein Drittel mehr Fläche wäre.
Das erste große Projekt dieser Art ist die Deichrückverlegung des Roßlauer Oberluchs im Biosphärenreservat Mittelelbe. Im Rahmen einer Deichrekonstruktion wurde hier 2006 eine Überschwemmungsfläche von ca. 140 Hektar durch das Land Sachsen-Anhalt reaktiviert.
Private Bauvorsorge
Die UFZ-Forscher empfehlen, auch private Vorsorgemaßnahmen finanziell zu fördern – etwa durch zinsgünstige Kredite, die an eine dem Hochwasser angepasste Bauweise bzw. Sanierung gebunden sind, oder durch reduzierte Versicherungsprämien.
Seite 2: Vier Strategien der Bauvorsorge
Vier Strategien sind bei der Bauvorsorge möglich:
- Ausweichen (also Häuser auf Stelzen oder erhöht bauen);
- Widerstehen (Wasser am Eindringen ins Haus hindern, z.B. durch mobile Schutzwände oder Rückstauklappen);
- Nachgeben (angepasste Nutzung und Ausstattung bzw. Konstruktion von Gebäuden, z.B. durch die Verwendung wasserresistenter Baumaterialien oder die Verlagerung von wertvollem Hausrat in höher gelegene Stockwerke)
- Sichern (Schutz vor Kontaminationen der Gebäude und der Umwelt durch Schadstoffe, z.B. durch Verlagerung von Heizungssystemen und Öltanks in höhere Stockwerke).
Wenn die Verantwortung für den Hochwasserschutz zunehmend von der öffentlichen Hand auf die potenziell Betroffenen übertragen werde, dann würden die Bürger zum Manager ihres eigenen Risikos. Wie viel diese dann in Hochwasserschutz investieren, hänge nicht nur davon ab, wie hoch sie das Risiko einschätzen, sondern auch wie viel Geld sie dafür zur Verfügung haben. „Aber was passiert eigentlich mit denen, die sich keinen Schutz leisten können?“, fragt FZ-Ökonom Volker Meyer.
Versorgungsorientierte Versicherungspflicht
Trotz technischer, natürlicher und privater Hochwasservorsorge bleibt ein Restrisiko. Zur Zeit ist zwar etwa jedes dritte Gebäude gegen Elementarschäden versichert, allerdings gelten 1,4 Prozent immer noch als unversicherbar, weil sie in Gebieten liegen, die statistisch alle zehn Jahre überflutet werden. Damit hat etwa eine Million Menschen keine Chance auf einen regulären Versicherungsschutz.
Das Problem der Verfügbarkeit von Versicherung werde durch den Klimawandel verschärft, weil neue Gebiete in „unversicherbare Zonen“ hinein wachsen. „Ein solidarisches Modell der Versicherungspflicht scheint daher angebracht. Dabei können die Kosten für entstandene Schäden so umlegen, dass ökonomische Anreize für die Vorsorge gegen Hochwasser und Starkregen nicht verloren gehen“, sagt UFZ-Klimaökonom Reimund Schwarze.
Im solidarischen Verbund wären auch seltene oder lokale Extremereignisse wie Sturmflut, Erdbeben oder Erdsenkungen flächendeckend versicherbar, fasst seine Untersuchungen zur Katastrophenvorsorge zusammen.
Aus Sicht der Wissenschaftler sei jetzt ein gesellschaftlicher Dialog über die Frage, wie viel Verantwortung der Staat übernehmen sollte und wie viel Verantwortung bei den Bewohnern der Hochwassergebiete bleibt. Und darüber, wie die Kosten für die Hochwasservorsorge verteilt werden.