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Asbest, Teer und behandeltes Polystyrol Sondermüll vom Bau: Entsorgung immer schwieriger

Wenn so viel saniert wird wie derzeit, fallen Massen an Bauabfällen an. Nicht selten Sondermüll, der korrekt entsorgt in einer Müllverbrennungsanlage oder auf einer Deponie höherer Klasse landen muss. Doch die Kapazitäten der deutschen Müllverbrennungsanlagen und der Deponieraum kommen an ihre Grenzen. Handwerker bleiben auf den Bauabfällen sitzen.

Was in den 1980ern als Dämmmaterial in Dachstühlen landete, als Abdichtungsbahnen auf Flachdächern oder als Wärmschutz an Fassaden ist nicht vergleichbar mit den Baumaterialien, die man heute dafür nutzt. Nicht vergleichbar in den Eigenschaften, aber vor allem nicht darin, wie man es wiederverwerten kann oder entsorgen muss. Teer, Polystyrol (vor allem unter dem Herstellernamen Styropor bekannt), das Flammschutzmitteln enthält und asbesthaltiger Kleber machen es zu Sondermüll. Dieser fällt an, wenn die Gebäude saniert werden – also derzeit in Massen. Und noch länger, denn diese baulichen Investitionen haben im Schnitt eine Nutzungsdauer von 50 Jahren – so lange werden sie auch von den Bauherren steuerlich abgeschrieben. Also fallen auch noch die ganzen nächsten Jahre weiterhin die Stoffe als Sondermüll an, die man heute zwar nicht mehr verbauen würde, die aber eben entsorgt werden müssen.

Viel zu weniger Kapazitäten, um Sondermüll vom Bau zu entsorgen

Die Entsorgung wiederum ist in Deutschland am sogenannten Kreislaufwirtschaftssystem ausgerichtet. Kurz zusammengefasst: Möglichst viel soll recycelt werden. Die verwendeten Materialien sollen möglichst lange im Kreislauf gehalten werden, indem man sie nach der Nutzung wieder aufbereitet und daraus dasselbe Produkt wiederherstellt oder eines mit einem anderen Einsatzzweck. "Das gelingt mit den meisten den neuartigen Baustoffen auch. Aber nicht mit vielen Stoffen, die bei Sanierungen anfallen", erklärt Josef Rühle vom Zentralverband des Deutschen Dachdeckerhandwerks (ZVDH). Einige dieser Stoffe seien als Sondermüll eingestuft und müssen zwingend verbrannt werden. Sie auf einer Deponie abzuladen, scheidet meist deshalb aus, weil manche Stoffe zu hohe Brandlasten für die Deponie einbringen und andere Stoffe z.B. einige Kunststoffe, kommen nach und nach als Mikrokunststoffe in den ökologischen Kreislauf.

Genau die vorgeschriebene Verbrennung dieser Abfälle wird nun allerdings zum Problem, denn sie kann nur sehr verzögert stattfinden und schrittweise abgearbeitet werden. "Die Politik hat den Markt schon vor Jahren völlig falsch eingeschätzt und mit dem Fokus auf das Kreislaufwirtschaftssystem beschlossen, weniger Müllverbrennungsanlagen zu bauen und den Deponieraum zu begrenzen", sagt Rühle. Deshalb werden nun die Kapazitäten knapp, um gefährliche Bauabfälle zu entsorgen. Derzeit gibt es in Deutschland 66 Müllverbrennungsanlagen, die gemeinsam rund 20 Millionen Tonnen Abfälle im Jahr verbrennen. Darunter sind etwa 300.000 Tonnen an gefährlichen Abfällen. Zusätzlich zu diesen Anlagen gibt es 30, die so ausgestattet sind, dass sie jegliche Sonderabfälle verbrennen dürfen.

Baubetriebe bleiben auf dem Sondermüll sitzen

Zu den knappen Kapazitäten kommt hinzu: Jahrelang hat Deutschland Abfälle ins Ausland exportiert und dort sehr günstig entsorgt. Seit einiger Zeit haben Länder wie China allerdings einen Importstopp für den ausländischen Müll verhängt. Gleichzeitig wurden hierzulande jahrelang freie Kapazitäten in deutschen Müllverbrennungsanlagen mit dem Verbrennen von Abfällen aus dem EU-Ausland gedeckt. Das bringt den Anlagenbetreibern gutes Geld. Allerdings haben sie dabei langfristige Verträge geschlossen und so blockiert der Müll aus dem Ausland den Platz in den Anlagen, der nun mit den Bauabfällen gut gefüllt wäre.

Die Folge: Immer mehr Baubetriebe – besonders aus dem Dachdeckerhandwerk und den Abbruchgewerken – bleiben auf den Sonderabfällen sitzen, die sie von den Baustellen als Kleinstmengen mitbringen. "Das verteuert die Entsorgung jetzt schon und die Preise werden noch weiter steigen", sagt der Abfallexperte und Geschäftsführer beim ZVDH. Die einzige Lösung, die sich derzeit bietet: Zwischenlager zu errichten. Das würden nun meist die Entsorgungsfirmen organisieren – allerdings kostenpflichtig. Handwerksbetriebe sind zwar nicht verpflichtet, die Müllentsorgung für die Bauherren zu übernehmen. Doch in der Regel gehört dieser Posten zur Ausführung eines Sanierungsauftrags dazu. Laut Rühle geben die Betriebe die steigenden Kosten zwar an die Auftraggeber weiter, doch derzeit nicht ohne die teure Entsorgung erläutern zu müssen. "Quer durch die Republik und oft nach Holland werden zurzeit die Abfälle gefahren, um freie Kapazitäten bei den Verbrennungsanlagen zu finden", sagt er und fügt hinzu: "Klimaschonend ist was anderes."

Zu viel Biomüll in der Restmülltonne – Gewerbeabfall schlecht kontrolliert

Kritik an den Müllimporten übt seit Jahren schon der Naturschutzbund NABU. So würden diese dafür sorgen, dass die Verbrennungsanlagen ununterbrochen auf Hochtouren laufen. Dass die Verbrennungsanlagen derzeit so stark ausgelastet sind, ließe sich aus Sicht von Michael Jedelhauser, Referent für Kreislaufwirtschaft beim NABU, vor allem aber auch dadurch verhindern, in dem mehr Abfälle besser getrennt werden. "In unseren Restmülltonnen landen zu 40 Prozent Bioabfälle, obwohl die Kommunen eigentlich eine Pflicht haben, den Haushalten Biotonnen zur Verfügung zu stellen", kritisiert er. Diese Pflicht werde aber gekonnt ignoriert von einigen Kommunen – genauso wie die Pflicht der Bundesländer, die Umsetzung der Gewerbeabfallverordnung zu kontrollieren. "Auch hierbei könnten die Abfälle besser getrennt werden", sagt Jedelhauser und erläutert, dass die seit 2017 vorgeschriebene exaktere Mülltrennung auf den Baustellen Ausnahmen vorsehe, wenn die Umsetzung technisch nicht machbar oder wirtschaftlich nicht zumutbar sei. Aber dennoch müsse dann ein Entsorger beauftragt werden, der das Trennen übernimmt in einer sogenannten Vorbehandlungsanlage. "Nur von einzelnen Ländern wie NRW weiß ich, dass die Getrenntsammlung überhaupt kontrolliert wird", sagt er.

Der NABU hat erst kürzlich eine Untersuchung beim Ökoinstitut in Auftrag gegeben, die zeigen soll, was erreicht werden könne, wenn alle gesetzlichen Pflichten in Sachen Mülltrennung und korrekter Wiederverwertung umgesetzt werden würden. Demnach könnten allein durch den Vollzug bereits gültiger Gesetze 20 Prozent der Abfälle, die derzeit verbrannt werden, anderweitig genutzt werden. Die Details der Studie werden in der kommenden Woche veröffentlicht.

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