Kolumne So sollten Ausbilder mit unpünktlichen Azubis umgehen

Ein angehender Brauer und Mälzer kommt in einem kurzen Zeitraum drei Mal zu spät in den Betrieb. Ist das ein Grund für eine Kündigung? Wie Ausbilder mit Unpünklichkeit umgehen sollten und diese von Vornherein verhindern, erklärt Ausbildungsberater Peter Braune in seiner aktuellen Kolumne.

Zug verpasst: Diese Ausrede für eine Verspätung sollten Ausbilder nur im Einzelfall gelten lassen. - © encierro - stock.adobe.com

Wenn der Berliner Flughafen mit neun Jahren Verspätung endlich fertig wurde, kann es ja nicht so schlimm sein, wenn ein Lehrling mal zu spät kommt. Ein junger Mann, angehender Brauer und Mälzer, ist so ein Kandidat.

Er will den Führerschein erwerben. Obwohl er genau weiß, wann er im Betrieb sein muss, vereinbart er davor eine Fahrstunde. So kommt es wie es kommen muss: Er erscheint verspätet im Betrieb. In einem kurzen Zeitraum, zum dritten Mal. Der Meister achtet aufmerksam auf ihn. Schon mehrfach hat er ihn, auch in anderen Zusammenhängen, darauf hingewiesen, dass er gefälligst um acht Uhr da zu sein hat. Dem Azubi ist klar, auch heute erwartet ihn wieder ein kräftiger Rüffel. Es fehlt ihm offensichtlich an der nötigen Einsicht. Denn kurz bevor er auf den Ausbildenden trifft, mailt er schnell an seine Freundin, ob das heute zu einer Kündigung reicht und wie lange er sich das Gemecker gefallen lassen muss.

Unpünktlichkeit hat Folgen für alle

Wenn die Ausbilderin um 13 Uhr eine Unterweisung angesetzt hat, dann müssen die Lehrlinge davon ausgehen, dass sie 13 Uhr meint und nicht 13.05 Uhr. Für die Lehrlinge und alle anderen ist die Pünktlichkeit ein Teil der Höflichkeit. Wenn die Lehrlinge unpünktlich sind, zieht das einiges nach sich. Bei den Kolleginnen und Kollegen breitet sich schlechte Laune aus. Die Kundschaft ist verärgert und die Aufträge werden nicht pünktlich fertig. Für einige können unnötige Überstunden entstehen. Im schlimmsten Fall kommt es zu finanziellen Einbußen. Die Jugendlichen sind sich dieser weitreichenden Folgen oft nicht bewusst.

Im Einzelfall könnten die folgenden Empfehlungen helfen. Strikt umgesetzt ersparen sie in der Regel die Ermahnungen oder im schlimmsten Fall die Kündigung. Ganz wichtig ist, dass die Arbeits- und Pausenzeiten bekannt sind. Es kann nicht gemeckert oder abgemahnt werden, wenn gleichzeitig nicht klar ist, was Sache ist. Dazu gehört auch, die Lehrlinge von Beginn an darauf hinzuweisen, welche Folgen das Zuspätkommen hat. Auf keinen Fall sollte der Chef so ein Verhalten persönlich nehmen. Dann wird alles unsachlich und eine persönliche Auseinandersetzung entsteht.

Alle Beschäftigten sind Vorbild

Natürlich gilt Pünktlichkeit für alle. Das Verhalten der anderen Beschäftigten beeinflusst die Auszubildenden weitaus mehr als eine Ermahnung. Vor allen anderen müssen die Ausbilder daher genau darauf achten, dass sie sich so verhalten, wie sie es von dem jungen Menschen erwarten. Gerne wird von den Lehrlingen auf die unglückliche Gestaltung der Fahrpläne im öffentlichen Personennahverkehr verwiesen. Wenn der Bus immer so am Wohnort abfährt, dass daraus eine zwanzig bis dreißig minütige Verspätung entsteht, muss eben früher das warme Bett verlassen und der Bus davor benutzt werden.

Zu den Pflichten der Lehrlinge gehört es, pünktlich im Betrieb und in der Berufsschule zu erscheinen. Bei der ersten Unpünktlichkeit sollten die Ausbildenden erst einmal locker bleiben, ihr Verständnis zum Ausdruck bringen, jedoch darauf hinweisen, dass weitere Verspätungen nicht geduldet werden und die versäumte Zeit ausgeglichen werden muss. Die Unpünktlichkeit und die mit ihr beladenen Lehrlinge sollten, bei einer Wiederholung, auf keinen Fall wohlwollend behandelt werden. Da könnte ein ausführliches Gespräch helfen. Die Ursachen werden hinterfragt und die Lebensführung beleuchtet. Gibt es ausreichend Schlaf? Wie oft werden die Medien genutzt? Wie oft wird mit den Freunden gefeiert? Das sind nur einige Themen. Die aktuelle Motivationslage wird besprochen.

Tipps können helfen

Vielleicht brauchen die Betroffenen neue Anreize. Außerdem könnten Tipps helfen, wie zum Beispiel ein zweiter Wecker an der Zimmertür oder die Unterstützung durch die Familie. Ich erzähle gerne aus meinen Erfahrungen, wie es mir generell gelingt, pünktlich zu sein, dazu gehört unter anderem die Uhr fünf Minuten vorzustellen. Wichtig ist die nötige Klarheit durch die korrekte Zeiterfassung. Letztendlich sollten auch noch die Begriffe Entgeltfortzahlung und Entgeltabzug besprochen werden. Letzteres gilt für die Zeit nach der Ausbildung, denn die Ausbildungsvergütung ist in der Regel ein pfändungsfreier Betrag

Wenn das erzieherische Lenken nicht gelingt, sind rechtliche Schritte nicht vermeidbar. Die Auszubildenden stehen im Arbeitsrecht unter besonderem Schutz. Das hat zur Folge, dass sie nicht wie vollwertige Beschäftigte in Anspruch genommen werden dürfen. In schwierigen Fällen wird das gezeigte Verhalten schriftlich gerügt und die Zeit zur Besserung eingeräumt. Wenn eine Besserung eintritt, wird gerne die Freude und Anerkennung geäußert. Bei den volljährigen Auszubildenden helfen Gelassenheit, Ausdauer und das Wissen, dass es sich beim Einüben des Regelverhaltens um einen Prozess handelt, der Zeit braucht. Bei Minderjährigen können zusätzlich die Erziehungsberechtigten einbezogen werden. Die Ausbildenden sollten aber nicht mit Abmahnungen um sich werfen. Es gilt, stets den Einzelfall abzuwägen und zu klären, ob die Betroffenen die Verspätung hätten verhindern können.

Ist die Kündigung eine Option?

Nach der Probezeit kann das Berufsausbildungsverhältnis außerordentlich und fristlos gekündigt werden, wenn ein wichtiger Grund vorliegt. Ein wichtiger Grund liegt vor, wenn die Fortsetzung des Ausbildungsverhältnisses bis zum Ablauf der Ausbildungszeit unzumutbar geworden ist. Ein häufiges Zu-Spät-Kommen ist natürlich ein Grund. Bei der Prüfung des wichtigen Grundes muss der besondere Charakter des Ausbildungsverhältnisses berücksichtigt werden. Je weiter die Ausbildungszeit fortgeschritten ist, umso strengere Anforderungen werden an den Kündigungsgrund gestellt. Kurz vor dem Ende der Ausbildung ist eine Kündigung, im Allgemeinen, so gut wie immer erfolglos.

Die Pünktlichkeit ist im Arbeitsleben wichtig und zählt zu den Pflichten der Lehrlinge. Deshalb sollten alle, die an der Berufsausbildung beteiligt sind, daran mitwirken, dass die Lehrlinge pünktlich an den Lernorten erscheinen.

Ihr Ausbildungsberater Peter Braune

Über den Autor

Peter Braune hat Farbenlithograph gelernt, war Ausbilder und bestand in dieser Zeit die Ausbildungsmeisterprüfung. Er wechselte als Ausbildungsberater zur Industrie- und Handelskammer Frankfurt am Main. Dort baute er dann den gewerblich-technischen Bereich im Bildungszentrum auf und leitete die Referate gewerblich-technischen Prüfungen sowie Ausbildungsberatung, zu der auch die Geschäftsführung vom Schlichtungsausschuss gehörte. Danach war er Referent für Sonderprojekte.