Kolumne Wo Azubis mit privaten Problemen Hilfe finden

Eine Auszubildende im Gebäudereinigerhandwerk erlebt in ihrem Elternhaus häusliche Gewalt. Auch der Erfolg der Ausbildung steht auf der Kippe. Doch als sich die junge Frau offenbart, erhält sie Unterstützung. Wie Handwerksbetriebe und Azubis in ähnlichen Situationen handeln können, erklärt Ausbildungsberater Peter Braune in seiner aktuellen Kolumne.

Eine Frau wird von ihrem Mann bedroht: Auch Azubis können in ihrem Zuhause von Gewalt betroffen sein. - © sdecoret - stock.adobe.com

Leidensdruck wird sehr unterschiedlich ausgelöst und übt einen erheblichen Einfluss auf die Lebensqualität und das Wohlbefinden aus. Im Zusammenhang mit dieser These denke ich an eine E-Mail.

Eine junge Frau berichtet von ihrem großen Leidensdruck. Sie lernt Gebäudereinigerin und hat Angst, sich mit ihren Sorgen zu offenbaren sowie dem Eingeständnis, die Last nicht mehr länger alleine tragen zu können. Sie ist volljährig und lebt mit den Eltern und mehreren jüngeren Geschwistern in einem Haushalt. Der Vater ist schwerer Alkoholiker. Er hat die Kinder immer wieder geschlagen und getreten. Sie berichtet sogar von einigen Mordversuchen durch den Vater. Dabei soll sogar der Angriff mit Waffen vorgekommen sein. Wenn es Streit gibt, stellt sich die Mutter zwischen den Vater und die Kinder. Ansonsten ist sie nicht in der Lage, den Vater in die Schranken zu weisen oder für die Kinder einzutreten.

Ausbildungsberater bieten erste Unterstützung

Eine Beratungslehrerin in der Berufsschule hat die E-Mail ebenfalls bekommen. Gemeinsam wird entschieden, dass der Fall durch eine externe Hilfe bearbeitet werden soll, da es dort die dafür nötigen Kompetenzen gibt. Sehr behutsam wird mit dem Lehrling der Kontakt aufgenommen. Sie wird für ihren Mut gelobt, um Hilfe zu bitten und in der Situation bestärkt, endlich etwas zu unternehmen. Auf Grundlage der dünnen Faktenlage werden die möglichen Lösungsansätze geschildert. Ihr soll klarwerden, dass es für solche Fälle die entsprechenden Hilfen gibt. Dazu werden jedoch weitere Informationen benötigt, um gezielt helfen zu können. Sie wird ermutigt, an einer Beratung teilzunehmen, natürlich mit absoluter Vertraulichkeit.

Wenige Tage später erschien sie in der offenen Sprechstunde und offenbarte sich als Schreiberin der anonymen E-Mail. Im anschließenden Einzelgespräch wird die Situation klarer. Sie ist 20 Jahre alt und berichtet von den näheren Umständen der familiären Situation. Sie erlebt chaotische Verhältnisse, alltägliche Gewalt und hat ständig Angst. Sie äußert den Wunsch, endlich aus dem Elternhaus auszuziehen. Dass ihr das bislang nicht möglich war, liegt an der Höhe der Ausbildungsvergütung. Die ist natürlich nicht dafür vorgesehen, einen eigenständigen Lebensunterhalt zu finanzieren. Sie hat außerdem einen viel zu hohen Autokredit, den sie während einer kurzen Zeit der Erwerbstätigkeit, mit gutem Einkommen, abgeschlossen hatte. Ein Auto benötigt sie dringend, um in den Ausbildungsbetrieb und die Berufsschule zu kommen. Die Familie wohnt im ländlichen Raum und damit sehr abgelegen.

Kein Geld für eigene Wohnung

Kurz bevor sie den Hilferuf absetzte, kam es zu Hause zu einer schweren Gewalteskalation, in deren Folge der Vater sie aus dem Haushalt warf. Kurzfristig und vorübergehend konnte sie bei einer Freundin unterkommen. Deren Wohnverhältnisse waren aber beschränkt und mit zwei Kindern und der Großmutter überlastet. Sie konnte dort nur so kurz wie möglich bleiben.

Sie befindet sich im 2. Ausbildungsjahr. Sowohl in der Praxis als auch in der Berufsschule ist sie sehr gut. Das Lernen lenkt sie etwas von den Sorgen ab. Da jedoch die Wohnungslosigkeit droht und die finanzielle Situation unzureichend ist, steht auch der Erfolg der Ausbildung auf der Kippe. Es ist ihr ausdrücklicher Wunsch, sowohl den Ausbildungsbetrieb als auch die Berufsschule komplett aus der Lösung ihres Falles herauszuhalten. Es ergibt sich ein vorrangiger Handlungsbedarf in mehreren Bereichen.

Psychologische Unterstützung

Sie wirkt, aufgrund ihrer Erlebnisse, sehr verletzlich und steht unter starkem Stress. Auch wenn sie das von sich weist, ist ein nervlicher Zusammenbruch zu befürchten. Nach dem letzten Streit hatte sie den Vater wegen der schweren Körperverletzung angezeigt. Das führte zusätzlich zu einer Zerrüttung der Beziehung zur Mutter. So wurde sie familiär fast völlig isoliert. Die psychologische oder anderweitige, ärztliche Unterstützung lehnt sie ab. Daher werden ihr die notwendigen Entlastungsgespräche in enger Folge angeboten.

Klärung der finanziellen Situation

Eine Unterstützung bei der Klärung der finanziellen Situation ist sehr wichtig. Sie wird genau analysiert, der Bedarf für den Unterhalt eines eigenen Haushalts wird ermittelt und der Fehlbetrag festgestellt. Es wird besprochen, dass der Verkauf des Autos zur Ablöse des Kreditvertrages genutzt werden könnte. Dann hat sie aber keine Möglichkeit mehr, in halbwegs akzeptabler Zeit zur Berufsschule zu kommen. Sie will stattdessen mit den Bänkern über eine Absenkung der monatlichen Raten reden.

Hilfe bei Behördengängen

Ein weiter Punkt ist die Unterstützung bei den Behördengängen. Sie wird zu den zuständigen Stellen begleitet, um die Anträge auf die ergänzende Sozialhilfe und das Wohngeld zu stellen, aber auch um einen Wohnberechtigungsschein zu erhalten. Der Ausbildungsbetrieb, der alte Wohnort und der Wohnort der Freundin befinden sich in verschiedenen Bundesländern. Allerdings liegen dazwischen wenige Kilometer. Da sich nicht absehen lässt, in welchem Bundesland sie künftig wohnen wird, werden die entsprechenden Anträge vorsorglich in beiden Bundesländern gestellt. Die junge Frau erklärt, sie fühle sich nun in der Lage, alleine nach einer neuen Wohnung zu suchen.

Etwa drei Wochen nach dem letzten Beratungstreffen meldet sie sich und berichtet, dass sie nun eine Wohnung in der Nähe der Ausbildungsstelle gefunden hat. Ihr Leben verlaufe wieder in den geordneten Bahnen und sie blickt optimistischer in die Zukunft. Zwar wisse sie noch nicht, wie das Klageverfahren gegen den Vater ausgeht. Auch der eingefrorene Kontakt zur Mutter und den Geschwistern belastet sie noch. Die aktuelle Situation ist positiver, als es zu hoffen war. Gemeinsam wird noch einmal der Beratungsverlauf besprochen, dabei wird das besondere Gewicht auf die Einschätzungen gelegt. Sie soll gut einzuschätzen können, was die benötigt und, dass es richtig war, die Hilfe in Anspruch zu nehmen. Ihr Wunsch wird akzeptiert, nun wieder allein für ihre Belange zu sorgen.

Ihr Ausbildungsberater Peter Braune

Häusliche Gewalt: Hier finden Sie Hilfe

Opfer von häuslicher Gewalt können sich zum Beispiel an die Telefonseelsorge wenden. Sie ist rund um die Uhr unter den Rufnummern 0800 111 0111 oder 0800 111 0222 zu erreichen. Auch beim anonymen und kostenlosen Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen" finden betroffene Frauen Unterstützung. Die Beratung ist an 365 Tagen zu jeder Uhrzeit unter 08000 116 016 zu erreichen.

In akuten Gefahrensituationen sollte man sich über den Notruf 110 direkt an die Polizei wenden.

Peter Braune hat Farbenlithograph gelernt, war Ausbilder und bestand in dieser Zeit die Ausbildungsmeisterprüfung. Er wechselte als Ausbildungsberater zur Industrie- und Handelskammer Frankfurt am Main. Dort baute er dann den gewerblich-technischen Bereich im Bildungszentrum auf und leitete die Referate gewerblich-technischen Prüfungen sowie Ausbildungsberatung, zu der auch die Geschäftsführung vom Schlichtungsausschuss gehörte. Danach war er Referent für Sonderprojekte.