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Digitalisierung So arbeiten Handwerker erfolgreich mit Sensoren

Mit der vorausschauenden Wartung von Maschinen und Anlagen können Handwerker reagieren, bevor es zu ­einer Störung der Betriebsabläufe kommt. Dabei helfen Sensoren. Sie steigern nicht nur die Effizienz in der ­Produktion, sondern ­lassen sich auch für die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle nutzen.

Ein leeres Ölfass am Wochenende kann Thilo Krumm teuer zu stehen kommen. Denn auch wenn niemand in der Werkstatt ist, laufen die Maschinen des Formenbau-Betriebs Formotion aus Wilnsdorf auf Hochtouren. Die Bestellungen der Kunden müssen rechtzeitig fertiggestellt werden. Stehen die Maschinen still, verliert der kleine Handwerksbetrieb Geld und möglicherweise Folgeaufträge.

Geschäftsführer Krumm hat sich deshalb entschieden, die Arbeitsprozesse überall dort zu automatisieren, wo eine Störung auftreten kann. "Alles was uns nervt, bekommt einen Sensor", sagt Krumm. Inzwischen ist der ganze Betrieb vernetzt. Die technischen Messgeräte prüfen Füllstände, Luftqualität, Temperaturen, Maschinenzustände und Bewegungsabläufe. "Alle Sensoren sammeln Daten, die wir über eine gemeinsame grafische Benutzeroberfläche vom Computer, Smartphone oder Tablet-PC einsehen können", erklärt er.

Ampelsystem meldet Störung bevor sie zum Problem wird

Das System erstellt Zustandsberichte von Anlagen und Maschinen, die in einem leicht verständlichen Ampelsystem dargestellt werden. Ist alles in Ordnung, steht die Ampel auf Grün. Steht eine Wartung bevor, leuchtet sie gelb. Und wenn die ­Sensoren eine Störung melden, blinkt die Anzeige rot. "Am Anfang wurde mein Konzept etwas belächelt, aber inzwischen haben alle Mitarbeiter die Vorteile erkannt und kommen mit eigenen Ideen zu mir, wo wir noch einen Sensor gebrauchen könnten."

Der Handwerksbetrieb hat durch den Einsatz der Technik seine Arbeitsprozesse soweit automatisiert, dass es keine unerwarteten Ausfälle der Maschinen mehr gibt. "Das spart uns Zeit, Geld und schont die Nerven", sagt Krumm.

Inzwischen sind die Sensoren sogar in der Lage selbstständig auf ein Problem zu reagieren. "Wenn das Ölfass zur Neige geht, verschickt der Sensor automatisch eine Bestellung an den Lieferanten und wir müssen uns nur noch um den Austausch kümmern", so der Geschäftsführer. Von anderen Betrieben kommen immer wieder Anfragen, sich die Technik vorführen zu lassen. Künftig kann sich Krumm deshalb vorstellen, auch Seminare zur Automatisierung der Arbeitsprozesse anzubieten.

Sensoren wichtigste Technologie für das Bau- und Ausbauhandwerk

Dass Sensoren in einigen Handwerksbranchen bereits heute sehr wichtig sind, bestätigen die Ergebnisse des " Digitalisierungsbarometers für das Bau- und Ausbauhandwerk in Baden-Württemberg". Laut der Studie des Baden-Württembergischen Handwerkstags und der Empfehlungsplattform wirsindhandwerk.de sind Sensoren mit weitem Abstand die wichtigste Technologie für die Betriebe, gefolgt von BIM, 3D-Druck und Künstlicher Intelligenz (siehe Grafik). Besonders bei Unternehmen aus den Branchen ­Sanitär-Heizung Klima, Elektrohandwerk und den Dachdeckern wird den Sensoren eine große Relevanz zugesprochen. Zudem steigt mit der Betriebsgröße die Wertschätzung der Technik. Und erwartungsgemäß sind die meist technikaffinen jungen und höherqualifizierten Handwerker der Technologie gegenüber besonders aufgeschlossen.

Auch den Kunden ist es im Vergleich zu den anderen Technologien am wichtigsten, dass die Handwerker mit Sensoren umgehen können. Zum Beispiel, um nach einem Wasserschaden die Feuchtigkeit in der Wand zu messen. So lässt sich etwa genau bestimmen, wann der Trocknungsgrad erreicht ist, damit der Schaden behoben werden kann. Das bietet sowohl dem Kunden wie dem Handwerker Planungssicherheit.

Handwerk muss Service digitalisieren

Experte Christoph Krause, Leiter des Kompetenzzentrum Digitales Handwerk für Prozessdigitalisierung, überraschen die Zahlen nicht. Er sieht das Handwerk unter einem gewissen Druck sich Richtung ­"Service 4.0" zu bewegen. "Überall dort, wo das Handwerk auf Industrieprodukte trifft, spielen Sensoren eine Rolle", sagt Krause. Er rät den Betrieben deshalb "jetzt Vollgas zu geben und sich über Plattformen zu vernetzen", damit die Geschäftsmodelle nicht angegriffen werden. Denn inzwischen würden Hersteller und Handel immer mehr eigene digitale Serviceleistungen für die Endkunden anbieten. "Derjenige, der den Zugriff auf die Daten hat, macht am Ende das Geschäft", so Krause.

"Digitale Services werden vom Kunden erwartet"

Das Potenzial von Sensoren im Handwerk wird bisher kaum genutzt, sagt Dirk Reichelt, Professor für Informations­management an der Hochschule für Technik und Wirtschaft ­Dresden.

Welchen Nutzen haben Sensoren für das Handwerk?

Mit Sensoren lassen sich automatisiert Messungen durchführen und Daten erfassen. Dadurch kann ich als Handwerkbetrieb besser planen und meine Ressourcen gezielter einsetzen. Am Ende arbeite ich wirtschaftlicher.

Dirk Reichelt

Haben Sie ein Beispiel?

Beim Bau eines Hauses benötigt der Estrich ein gewisse Trocknungszeit, bevor die Böden verlegt werden können. Nutze ich hierfür Sensoren, die die Feuchtigkeit messen, kann ich mir als Handwerker die regel­mäßigen Fahrten auf die Baustelle zur Kontrolle sparen. Zum Beispiel lässt sich vom Sensor bequem eine Nachricht auf das Smartphone schicken, sobald ich weiterarbeiten kann.

Was sind wichtige Kriterien beim Kauf eines Sensors?

Ich sollte mir vorab genau überlegen, welche Daten ich wann und wo erfassen will. Der Großteil der Sensoren braucht eine Stromversorgung. Dies ist zum Beispiel auf der Baustelle nicht immer gewährleistet. Weiterhin nutzen die Sensoren auf dem Markt teilweise unterschiedliche Funkstandards. Hier sollte ich mich erkundigen, ob an dem Ort der Messung eine entsprechende Netzabdeckung verfügbar ist. Gerade bei den Arbeitsumgebungen vieler Handwerksbetriebe sollten die Sensoren zudem vor Wasser, Staub und Feuer geschützt sein. Die IP-Schutzklassen können darüber Aufschluss geben.

Wird der Bedarf im Handwerk weiter zunehmen?

Davon gehe ich aus, da das Potenzial bisher kaum ausgeschöpft wird, ob wohl die Technologie ausgereift ist. Das Handwerk muss sich allerdings weiterbilden, um die Sensoren auch richtig nutzen zu können. Hier hilft z. B. das Kompetenzzentrum Digitales Handwerks. Es wird eine neue Generation von Kunden geben, die digitale Services vom Handwerker erwarten werden. Hier gilt es, sich rechtzeitig darauf vorzubereiten.

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