Digitale Vernetzung Blockchain: Die Macht der vielen Kleinen

Mithilfe der Blockchain entstehen schon heute ganz neue Geschäftsmodelle. Die dezentralisierte Technologie verspricht gerade im kleinteilig strukturierten Handwerk besonderes Potenzial. Mit gewerkeübergreifenden Kooperationen könnte sich der Wirtschaftszweig zukunftsfest machen.

Steffen Guthardt

In der Blockchain werden Informationen in aneinandergereihten Datenblöcken dezentral gespeichert. – © Sashkin – stock.adobe.com

Ein gewisser Satoshi Nakamoto legte 2008 den Grundstein für eine Technologie, die nach Meinung von Experten nicht nur Prozesse im Finanzwesen, sondern auch in der Medizin, der Logistik und dem Handwerk revolutionieren könnte. Die Rede ist von der Blockchain, einer Art digitalem Kassenbuch, die zu den so genannten Distributed-Ledger-Techniken zählt.

In seinem Whitepaper führte Satoshi Nakamoto, dessen Identität bis heute nicht geklärt ist, auf lediglich acht DIN-A4-Seiten aus, wie ein dezentrales Transaktionssystem von digitalem Geld, der Kryptowährung Bitcoin, funktionieren kann. Die ausformulierte Methode kommt ohne Vermittler wie Banken und andere Institutionen aus, gilt als transparent, nachvollziehbar und manipulationssicher. Aufgrund der genannten Vorzüge werden die Einsatzmöglichkeiten der Blockchain und anderer Formen verteilter Kassenbücher heute weit über das Anwendungsbeispiel Bitcoin hinaus erprobt. Auch im Handwerk gibt es bereits konkrete Projekte, die die Blockchain nutzbar machen wollen – sei es in der Bauwirtschaft oder im Ausbildungswesen.

Streitigkeiten auf der Baustelle vermeiden: Blockchain ermöglicht automatisierte Zahlungen

Bei jedem Bauvorhaben werden zahlreiche Verträge geschlossen. Sie regeln, welcher Projektteilnehmer, welche Leistung im Organisations-, Planungs- und Bauprozess erbringen muss und wann eine Zahlung fällig wird. In diesem Vertragsgeflecht lassen sich Verzögerungen und Fehler kaum vermeiden. Mit der Blockchain-Technologie könnten künftig alle am Bau Beteiligten ein gemeinsames und automatisiertes Vertrags- und Zahlungsmanagement nutzen. Das vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie geförderte Forschungsprojekt „BIM Contracts“ untersucht am Beispiel eines mittelständischen Bauunternehmens, wie sich die zunehmend eingesetzte Arbeitsmethode Building Information Modeling mit der Blockchain in einem Prozess verbinden lässt. In den virtuellen Bauwerksmodellen können neben Informationen zu Materialien, Mengen und Größen auch Angaben zu den Kosten gespeichert werden. In Kombination mit Smart Contracts lassen sich so automatisierte Abrechnungsmodelle erstellen. „Wenn ein Handwerker auf der Baustelle eine Leistung erbracht hat, kann er dies direkt über sein Smartphone auf der Baustelle bestätigen und einen Zahlungsvorgang auslösen, der von den anderen Teilnehmern der Blockchain geprüft und bestätigt wird“, erklärt Professor Markus König, vom projektbeteiligten Lehrstuhl für Informatik an der Ruhr-Universität Bochum. Damit ließe sich nicht nur der Zahlungsverkehr vereinfachen und beschleunigen, sondern auch Rechtsstreitigkeiten vermeiden. Denn über die Blockchain ist für alle nachvollziehbar, welche Leistung erfüllt oder nicht erfüllt wurde. „Ganz ohne einen Vertrag aus Papier kommen die Projektpartner aufgrund der Rechtslage in Deutschland aber noch nicht aus“, sagt König. Die Resonanz des teilnehmenden Bauunternehmers sowie der Nachunternehmer auf die neue Technik sei durchweg positiv, betont König. Das Forschungsprojekt läuft über drei Jahre und wird mit 2,46 Millionen Euro gefördert.

Neue Geschäftsmodelle

„Das Handwerk ist nicht der Treiber dieser Technologie, aber als Teil der Wertschöpfungskette Kunde-Industrie-Handel ist die Blockchain sehr relevant“, sagt Christoph Krause, Leiter des Kompetenzzentrums Digitales Handwerk (KDH) für Prozessdigitalisierung. Das KDH will die Blockchain deshalb zu einem Schwerpunkt seiner Arbeit in den nächsten Jahren machen und Gewerke untereinander sowie Partner und Forscher zusammenbringen, um gemeinsame Geschäftsmodelle auf Basis der Technologie zu entwickeln. „Wir wollen dafür eine Art Maschinenraum errichten, in dem Methoden entwickelt werden, mit denen sich konkrete Probleme des Handwerks lösen lassen“, sagt Alexander Barthel, Abteilungsleiter Wirtschaft-, Energie- und Umweltpolitik des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH). Denn letztendlich, so Barthel, sei für den Handwerker die Technologie an sich zweitranging, es komme vielmehr darauf an, welchen konkreten Nutzen sie für ihn hat.

Barthel und Krause sind sich einig, dass es für einen einzelnen Handwerksbetrieb wenig sinnvoll ist, eine Blockchain im Alleingang aufzubauen und zu versuchen, sie in die eigene Prozesse zu integrieren. Der technische Aufwand und die damit verbundenen Kosten sowie das benötigte fachliche Know-how seien für einen kleinen Handwerksunternehmer kaum zu stemmen. Überdies können sich die Stärken der Technologie in internen Prozessen kaum entfalten, meint Patrick Hansen, Bereichsleiter Blockchain beim Digitalverband Bitkom. „Die Integration einer Blockchain bietet in einem Ökosystem verschiedener Partner den größten Mehrwert – sowohl für die beteiligten Unternehmen als auch für den Endkunden.“

Gemeinsame Plattformen im Handwerk

Hansen nennt ein fiktives Beispiel: „Wenn die Deutsche Bahn gemeinsam mit anderen Unternehmen aus dem Verkehrswesen, wie Taxibetreibern, Busanbietern oder Vermietern von E-Bikes und -Rollern eine auf Blockchain-Technologie basierende Mobilitätsplattform für die Kunden aufbaut, kann dies ein sinnvoller Anwendungsfall sein.“ Der Kunde muss dann nur noch eine App für seine gesamte Reiseplanung nutzen und auch nur einen Bezahlvorgang für alle Transportmittel durchführen. Die einzelnen Partner der Blockchain regeln über ein Computerprotokoll (Smart Contract), der einen gemeinsamen Vertrag abbildet, die Verteilung der Erlöse. Ganz automatisiert erhält jeder Teilnehmer der Blockchain mit Verifizierung der Buchung seinen Anteil des Ticketpreises.

Vergleichbare Geschäftsmodelle kann sich Digitalexperte Christoph Krause auch im Handwerk vorstellen. Über eine dezentralisiert gesteuerte Plattform könnten die Leistungen verschiedener Gewerke aus einer Hand angeboten werden. Künftig sei es dann nicht mehr nötig für jede kleine Dienstleistung einen eigenen Vertrag aufzusetzen und eine separate Rechnung zu stellen. Alles werde über Smart Contracts verwaltet und jede Transaktion in der Blockchain für alle nachvollziehbar gespeichert. So schaffe die Technik auch zwischen unbekannten Partnern Vertrauen.

Zeugnisse fälschungssicher machen: Handwerkskammer startet Plattform „Cert4Trust“

Die meisten Unternehmen wollen im Bewerbungsverfahren ein Zeugnis sehen. Dabei gibt es Einzelfälle, in denen gefälschte Dokumente vorgelegt werden. Zu erkennen sind solche Fälschungen in der Regel kaum. Doch das könnte sich bald ändern. Gemeinsam mit Partnern aus Wirtschaft und Politik hat die Handwerkskammer für München und Oberbayern die Plattform „Cert4Trust“ gestartet. Künftig soll es dort möglich sein, Ausbildungs- und Meisterzeugnisse auf Echtheit zu prüfen. „Jeder Geselle und Meister, der bei uns seine Prüfung abgelegt hat, sowie die Betriebe, die das Zeugnis vorgelegt bekommen, können es künftig über Cert4Trust verifizieren“, erklärt Miguel López, der bei der Handwerkskammer für IT- und Onlineanwendungen zuständig ist. Dabei bekommt jeder Absolvent neben dem Zeugnis auf Papier eine Kopie als PDF ausgehändigt, die bequem per Drag-and-Drop-Verfahren auf die Plattform gezogen werden kann. Im nächsten Schritt wird ein individueller Zeichenschlüssel (Hash­wert), der jedem Zeugnis zugeordnet ist, mit den in der Blockchain gespeicherten Daten abgeglichen, um die Echtheit zu bestätigen. Allerdings hat die Handwerkskammer noch einige bürokratische Hürden zu meistern. Denn die älteren Ausbildungsordnungen der einzelnen Handwerksberufe enthalten teilweise bestimmte Formvorschriften, die sich nicht ohne Weiteres in ein digitales Abbild übertragen lassen. Bei den Meisterprüfungsverordnungen muss die Bundesverordnung vom Zentralverband des Deutschen Handwerks geändert werden. López kann sich vorstellen, den Service auf weitere Dokumente auszuweiten, wie etwa Eintragungen in die Handwerksrolle und Bescheinigungen, die Handwerker im Arbeitsalltag benötigen.

„Der Ansatz der Blockchain-Technologie mit seiner dezentralen Aufbewahrung von Informationen, die nicht einem einzelnen Konzern gehören, sondern die von vielen Partnern gemeinsam verwaltet werden, kommt der kleinteiligen Struktur des Handwerks mit seinen rund einer Million Betrieben sehr entgegen“, meint Christoph Krause. Er erinnert daran, dass das Handwerk in seiner Geschichte immer in Netzwerken wie Zünften, Innungen und Kreishandwerkerschaften organisiert war. Diesen gemeinschaftlichen Gedanken gelte es nun in die digitale Welt zu übertragen.

Lieferketten im Blick behalten

Auch ganze Lieferketten lassen sich per Blockchain verfolgen. So könnte sich etwa im Lebensmittelhandwerk ein Metzger mit Landwirten und Logistikern zusammenschließen, um nachzuvollziehen, woher das zu ­verarbeitende Rind oder Schwein genau stammt, wie es transportiert wird und ob die Kühlkette eingehalten ist. „Gerade bei wertigen Produkten, wie sie das Handwerk in großer Menge produziert, lohnt es sich, Lieferketten per Blockchain zu überwachen“, sagt Krause.

Die Technologie lässt sich dabei gewinnbringend mit Anwendungen wie Künstlicher Intelligenz (KI) und dem Internet der Dinge verbinden. Einsatzzwecke sehen die Experten insbesondere in den technisch geprägten Handwerksberufen, in denen bereits viele Maschinen und Sensoren genutzt werden. „Über das Internet der Dinge können Daten erfasst werden, die Blockchain kann diese dezentral sowie für alle einsehbar speichern und die KI interpretiert die Daten und erkennt Muster“, fasst ZDH-Experte Alexander Barthel zusammen.