Verkehrssicherheit Sicherer Straßenverkehr durch Tempo 30?

Null Verkehrstote – Das ist das Ziel, das das Bundeskabinett mit dem jüngst beschlossenen Verkehrssicherheitsprogramm verfolgt. Welche Maßnahmen dabei helfen sollen und warum es künftig wohl mehr Tempo-30-Zonen geben wird.

Verkehrsschild Zone 30
Der Straßenverkehr soll für alle Verkehrsteilnehmer sicherer werden. Eine wichtige Maßnahme könnte Tempo 30 in Städten sein. - © maho – stock.adobe.com

Der Straßenverkehr in Deutschland soll in diesem Jahrzehnt deutlich sicherer werden. Bis 2030 soll die Zahl der Verkehrstoten um 40 Prozent sinken, zugleich soll es weniger Schwerverletzte bei Unfällen geben. Dieses Ziel bekräftigt die Bundesregierung in ihrem Verkehrssicherheitsprogramm 2021 bis 2030, das Anfang Juni vom Kabinett beschlossen wurde. Ein Hauptaugenmerk gilt der Sicherheit von Radfahrenden sowie älteren Menschen.

Das langfristige Ziel ist die "Vision Zero": keine Toten im Straßenverkehr. "In unserem neuen Verkehrssicherheitsprogramm legen wir weitere Maßnahmen fest, um der 'Vision Zero' wieder ein Stück näher zu kommen", sagte Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU). Fast jeder tödliche Unfall sei vermeidbar gewesen.

Es ist aber noch ein weiter Weg, die Sicherheit deutlich zu steigern. Um nachhaltig die Zahl der Getöteten und Schwerstverletzten zu senken, brauche es mehr Kraftanstrengung und insbesondere politischen Willen, die "Vision Zero" mit konkreten Maßnahmen umzusetzen, sagte Julia Fohmann, Sprecherin des Deutschen Verkehrssicherheitsrats. "Da muss und kann Deutschland noch besser werden."

Zahl der Verkehrstoten rückläufig

In den vergangenen Jahrzehnten ist die Zahl der Verkehrstoten in Deutschland deutlich gesunken. 2020 kamen nach Angaben des Statistischen Bundesamts 2719 Menschen im Straßenverkehr ums Leben, das waren 10,7 Prozent weniger als im Vorjahr. Das Unfallgeschehen war aber stark durch den Rückgang des Verkehrs infolge der Corona-Pandemie geprägt.

Mit Blick auf die Entwicklung der vergangenen Jahre heißt es im neuen Verkehrssicherheitsprogramm, an der positiven Unfallentwicklung partizipierten noch nicht alle Verkehrsteilnehmenden gleichermaßen: "Beispielsweise stagniert die Anzahl der Schwerstverletzten ebenso wie die Unfallentwicklung bei zu Fuß Gehenden und Motorradfahrenden." Zudem steige die Anzahl der im Straßenverkehr getöteten Radfahrenden und der älteren Menschen an. "Diesen negativen Trend gilt es zu stoppen." In dem Programm werden viele verschiedene Maßnahme benannt, die zum Teil bereits auf dem Weg sind.

Mehr Sicherheit für Radfahrer

Im Radverkehr kommt aus Sicht des Verkehrsministeriums der Entflechtung der Verkehre eine entscheidende Rolle zu. Der Bund will daher etwa den Bau von sicheren Radwegen weiter vorantreiben. Ein Beispiel ist das Finanzhilfe-Sonderprogramm "Stadt und Land" mit Bundesmitteln in Höhe von 660 Millionen Euro für Investitionen in Radwege, Fahrradbrücken und Unterführungen. Ziel ist außerdem ein besserer Schutz vor Unfällen mit Lastwagen, dazu dienen sollen technische Systeme in den Fahrzeugen, sogenannte Abbiegeassistenten.

Vor allem in Großstädten sind immer mehr Radfahrer unterwegs, und es sollen für mehr Klimaschutz noch mehr werden. So spricht sich der Umweltverband Bund dafür aus, den Radverkehr in der Stadt bis 2030 zu verdoppeln. Probleme seien aber verstopfte Straßen oder zugeparkte Rad- und Fußwege. Deswegen müsse es weniger Autos geben. Die Straßenverkehrsordnung dürfe nicht weiter dem Auto Vorrang geben. "Unser Verkehrssystem muss stärker die Bedürfnisse ungeschützter Verkehrsteilnehmender wie Radfahrende und Zu Fuß Gehender berücksichtigen", sagt Fohmann. "Das bedeutet vor allen, dass der Straßenraum anders aufgeteilt werden und geplant werden muss." Dadurch könne gerade beim Neubau für ausreichend Platz für den Fuß- und Radverkehr gesorgt werden.

Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung der Versicherer, sprach vom bisher besten Verkehrssicherheitsprogramm, weil es sehr in die Tiefe gehe. "Wenn es umgesetzt wird, ist es ein großer Wurf. Wichtig ist vor allem ein gemeinsamer Prozess von Bund, Ländern und Kommunen." Es müssten gezielte Maßnahmen ergriffen werden, um die Verkehrssicherheit zu erhöhen. Brockmann nannte etwa mehr getrennte Ampelschaltungen für Autofahrer und Radfahrer. "Das dauert alles viel zu lange." Für Fußgänger sollte es mehr sichere Straßenquerungen geben, also Fußgängerampeln, Zebrastreifen oder Mittelinseln. Das Verkehrsministerium erarbeitet derzeit eine "Fußverkehrsstrategie", um die Verkehrssicherheit von Fußgängern zu verbessern.

Hälfte der Deutschen für Tempo 30 in der Stadt

Eine wichtige Maßnahme könnte Tempo 30 innerorts sein, damit es weniger Unfälle mit erhöhter Geschwindigkeit gibt, sagte Brockmann. "Die Ausweisung von Tempo-30-Bereichen könnten für Kommunen deutlich erleichtert werden durch eine Änderung der Straßenverkehrsordnung." Und: Es sollte deutlich schärfere Bußgelder geben: "Die Bußgelder in Deutschland sind im internationalen Vergleich gering." Außerdem sollten gefährliche Verstöße mit mehr Punkten in Flensburg bestraft werden.

Laut einer repräsentativen Umfrage des YouGov-Instituts im Auftrag der Auto-Verkaufsplattform mobile.de, spricht sich gut jeder zweite Deutsche (57,8 Prozent) für eine Tempolimit von 30 km/h innerhalb von Städten aus. Pauschal für ein Tempolimit auf allen städtischen Straßen sind jedoch nur 17 Prozent. Etwa genauso viele Menschen würden zeitlich eingeschränkte Geschwindigkeitsbegrenzungen - etwa nachts - bevorzugen, knapp 23 Prozent örtliche Begrenzungen.

Die meisten Befragten sehen den Nutzen eines 30er-Limits in der Stadt darin, dass es weniger Unfälle gebe (22,9 Prozent) und Raser eingeschränkt würden (22,5). Deutlich weniger Menschen erwarten weniger Verkehrslärm (13,4) oder sehen Vorteile für den Umweltschutz (10,4). Immerhin jeder Fünfte (19,4) sieht gar keine Vorteile eines solchen Tempolimits.

Die meisten Verkehrstote auf Landstraßen

Ein weiter Fokus bei der Verkehrssicherheit sind Landstraßen. "Nach wie vor sind knapp 60 Prozent aller im Straßenverkehr Getöteten Opfer von Landstraßen-Unfällen", sagte ADAC-Verkehrspräsident Gerhard Hillebrand. Um die Unfall- und Verkehrsopferzahlen auf Landstraßen zu senken, müssten sowohl die Unfallrisiken als auch die Unfallschwere für alle Nutzergruppen verringert werden - etwa durch hindernisfreie Seitenräume oder Seitenplanken.

Große Potenziale sieht das Verkehrsministerium im autonomen Fahren und der Vernetzung von Verkehren. "Mit der Digitalisierung des Verkehrs und der Fahrzeuge kann eine flexible Steuerung des Verkehrs besser als je zuvor erfolgen", sagte die Präsidentin des Verbands der Automobilindustrie, Hildegard Müller.

Im neuen Verkehrssicherheitsprogramm ist außerdem von einem Kulturwandel im Straßenverkehr die Rede - sprich: vor allem mehr Rücksichtnahme auf andere Verkehrsteilnehmer und die Einhaltung von Regeln. Doch ob das gelingt? dpa